Inhalt
Der Führer, um den naßgewordenen Jungfrauen Gelegenheit zu lassen sich zu troknen, entfernt sich durch den Bergwald und gelangt zu der Höle des heiligen Beats. Beschreibung der Höle, und Sagen des Bergvolks von ihren Wundern. Liebe, Kampf, und Verzweiflung des schwärmenden Nordfranks. Die zuerst getroknene Myris verläuft sich, im Jagen nach einem Schmetterling, bis hinauf zu der Höle. Höchste Gefahr und Prüfung des Helden. Es erscheint dem Siegenden in der innersten Bergkluft Kupris Urania, deren Anblik ihn stärkt und beruhigt. Er findet beim Herausgehn alle die Schwestern beisammen, und sie steigen mit einander den Berg hinab zu dem ordentlichen Landungsplaz, wohin er die Schiffsleute mit dem Kahn im voraus geschikt hatte. Im schönen Wetter fahren sie jezt glüklich nach Neuhaus. Mittagsessen in Unterseen. Nachmittagswanderung durch das Zweilütschenenthal nach Lauterbrunnen.
Wie wenn ein weltumsegelndes Schiff, von Orkanen des Nordpols
Weit aus der Bahn in die Wüste gejagt des verödeten Südmeers,
Fern von bekannten Gestirnen, bedroht von stürzenden Wolken
Oder von steigenden Säulen der Flut; nun schmetternden Strahlen
Preisgegeben, nun Strudeln umher des siedenden Abgrunds!
(Schon zwei Monde verstürmt es die Wuth der verfolgenden Windsbraut
Ueber verborgene Klippen, von Meerscheusalen geängstigt,
Zwischen Entsezzen der Tief’ und Entsezzen des flammenden Aethers.)
Wie, wenn ein solches dem Rachen des Tods, kaum trauend dem Wunder,
Plötzlich entrafft, nun endlich hinein in den lachenden Busen
Tinians oder Amalegans fliegt; aus stürzet die Mannschaft
Wonneberauscht vom gefundenen Land, und der kehrenden Hoffnung.
Aber gelagert empfinden sie bald, daß mit aus dem Schiff stieg
Schleichender Tod; nur dem schnellen entfloh die verhungerte Mattheit.
Neue Verzweiflung ergreift die Gelandeten; fremd ist die Küste,
Nirgend ein freundliches Dach, und spurlos wildert das Umland.
Also wandelte jenen sich bald die Wonn’ in Besorgniß.
Denn es erstarrten im schneidenden Wind die zitternde Jungfraun,
Leicht nur gehüllt, und es troffen vom Naß die Gewande der Holden,
Ueber und über bespült von der Flut und vom strömenden Regen.
Noth war eilige Troknung, und nirgend erschien den Bedrängten
Mittel noch Rath. Zwar kehrte die Sonn’ im strahlenden Vollglanz;
Und schon schwieg das Geheul des Orkans. Doch nicht nur von außen
Trauften die Kleider; es klebeten feucht auch innen die Hemdchen,
Kalt durchschauernd den niedlichen Wuchs und die zärtlichen Glieder.
Aber wohin? Von Felsen umstarrt, mit verflochtenem Dikkigt
Undurchdringliches Schattens gewölbt, war einzig der Abhang
Sonnenbestrahlt. Er bedachte die Noth, und der Schüchternen Rettung,
Mehr, als sie selber, für alle besorgt, der trefliche Führer.
Diesen Behelf, als den besten, ersann sein wählender Scharfsinn:
Weg vom Gestade zu senden den Kahn mit den rudernden Männern,
Während er selbst, durch das Dikkigt hinauf, anklimmend die Berghöh’,
Oben sich berg’ in dem dunkelen Wald von den schüchternen ferne.
Also sprach zu den Männern gekehrt der Begleiter der Jungfraun:
Ausgerast hat jezzo der Sturm; und der Wogen Empórung
Sänftiget schon vorstrahlend die Sonn’ obsiegend dem Aufruhr;
Frisch dann den Nachen hinab in die bald sich ebnende Seeflut
Jezzo geschoben! Du kennst, umlenkend die Spizze des Vorlands,
Jenes Gestad’, o Pilot! wo von oben der östliche Fußsteig
Abläuft; dorthin rudre sogleich mit den raschen Gesellen;
Während zu Fuß wir von hier aufsuchen die Grott’, und von dort ab
Steigen den Pfad; denn Bewegung ist noth den erkaltenden Mägdlein.
Sprachs; und die Männer gehorchten sogleich. Unendliches Staunens,
Weil sie nur flüchtig die Rede gehört, kaum glaubend den Anblik,
Als um die Spizze verschwand der geruderte Nachen, erglühten,
Plötzlich allein mit dem Einen, die halb schon zürnende Jungfraun.
Aber es lösete bald das verwirrende Räthsel der Führer.
Unbefangen zu jenen gewandt, als dacht’ er an sonst nichts,
Sprach er, verbergend den heimlichen Grund voll zärtlicher Schonung:
Holdeste! Darf ich sie wagen die Bitt’, und werdet ihr huldreich
Mir sie gewähren? Derweil ihr allein ein weniges ausruht
Hier auf dem blumigen Grase, wo rings euch schirmt die Umwölbung
Schroffer Gebirghöhn, fern von begegnenden Blikken der Umwelt,
Möcht’ ich erklimmen die obere Fluh, durchstrebend den Bergwald
Traun! bald hinter dem Wall, der hier aufthürmet, entdekk ich
Jene berüchtigte Höle; nicht weit kann solche von hier seyn.
Dort nun ein Stündchen verweil’ ich allein mit dem Gott der Begeistrung;
Kehre dann wieder, zu holen euch selbst. Im Hin und im Hergehn
Bahn’ ich den zarteren Füßen den Pfad. Von oben hernach läuft
Schon ein gewandelter Steig bis hinab zu dem wartenden Nachen.
Sprachs; und es lächelten Dank ihm die holdanstaunenden Mägdlein.
Hupfend vor Freude beschloßen sie gleich, allein mit einander,
Nicht zu versäumen die Frist der Gelegenheit, alles zu troknen;
Und das Erglühen der sittsamen Scheu, und des zürnenden Unmuths
Wandelte jezt sich in sanfteres Roth des bereueten Mißtrauens.
Jener nun stieg, anfangs mühseliges Strebens, weil ringsum
Wildverwachsnes Gestrauch ihm hemmte den schlüpfrigen Aufgang.
Aber es trennte der Arme Gewalt die verflochtenen Zweige,
Und was den starken nicht wich, ab riß er’s, muthig sich bahnend
Durch die Versperrung den Gang. Jenseits des unwegsamen Dikkigts,
Öffnete jezt sich dem Blik ein weit verbreiteter Felswald,
Welchen hindurch bergan sich wand ein betretener Fußweg.
Diesen folgt’ er nunmehr in unzähligen Krümmungen aufwärts
Bis an die Weide der Fluh. Tief lag schon unten des Abhangs
Labyrinthische Waldung, und über die wogenden Wipfel
Tauchte hinab ins Gefunkel des Sees sein schwindelndes Auge.
Treu dem gefundenen Steig nun wandelt’ er ebenes Weges
Ueber die hangende Matt’ in die Spur kuhweidender Hirten,
Unbekümmert, wohin er gerieth. Der berüchtigten Höle
Dacht’ er nicht mehr; der Geliebten entflohn bewegten sich oben
Unwillkührlich die Füße; sein Herz war unten geblieben.
Kreuzweis ruhten die Arm’ auf der Brust, die häufige Seufzer
Hoben; es sank in den Busen sein Haupt. So wandelt er langsam,
Still in sich selber gekehrt, wie ein Träumender. Vor ihm erhub sich
Wieder vom Himmel verklärt, die Gestalt der entschleierten Jungfrau,
Tief auf die Wolken der Fuß, das Eisdiadem um die Stirne;
Glanzumgürtet, und hoch, wie die Uranionen einhergehn;
Aber er scheute sie nicht. Umher durchtönte die Wälder
Zwitschernder Vögel Gesang zu den Glokken der blökenden Heerden;
Aber er hörte sie nicht. Rings dufteten Kräuter und Blumen;
Süßer, vom Regen erfrischt, und balsamischer wehte die Bergluft;
Aber er kostete nichts von dem Köstlichen. Himmel und Erde
Boten umsonst ihm die Fülle der Lust. Ach! Himmel und Erde
Waren ihm leer; von den Holden gefernt schien alles ihm Einöd’.
Also verlierest den Reiz’ auch du, hinschwebende Kupris,
Schönste der himmlischen Fraun, von den Huldgöttinnen verlassen!
Und dir, thronende Here, des Donnerers Schwester und Gattin,
Funkelt umsonst der beherrschende Blik, und der dienenden Iris
Glanz, und der hundertäugige Schweif des prangenden Vogels,
Fehlt zur Bezaubrung des eignen Gemahls der Chariten Gürtel.
Nur durch die Holden entzükt die Natur, denn alles auf Erden
Borgt von den Grazien jeglichen Reiz, und alles im Himmel.
Laut nun seufzt er im Gehn, aushauchend in Lüften die Sehnsucht:
Ihr dann bin ich geflohn, der beständig gesuchten! Geflohn Ihr?
Selbst? freiwillig? Der Seligen Siz, dem offenen Himmel,
Meiner verwegensten Hoffnungen Ziel, entfliehet mein Taumel!
Traum’ ich? beweg’ ich mich selbst? weh mir! ein feindlicher Dämon
Treibt mich, nicht weiß ich wohin; nur woher empfindet mein Wahnsinn.
Nordfrank Myris geflohn? vor den Chariten flüchtet sich Nordfrank?
Ungeboten, von selbst! Doch, war ich geblieben, o! wär’ ich
Dann der geflohenen wehrt? Nur durch Flucht blieb treu der Verlaßnen
Meine begleitende Pflicht. So siegst du, grausame Tugend!
Fliehend den Lohn, den du selber gesucht, um den du gekämpft hast!
Unsichtbare! wenn schöner du bist als Myris, erhabner
Als die gebirgige Welt, und begeisternder noch als die Liebe;
Weil ich sie alle nun opferte dir, erscheine mir sichtbar,
Fürstin des obersten Himmels, Urania! heiligste Göttin!
Solches bewegend im Busen, durchglüht von doppelter Liebe,
Bald ein Raub der herab uns ziehenden, bald der erhabnen
Woll, die zu höheren Höhen emporfliegt, über den Staub uns
Hebend, gerieth er am Ende des Pfads zum felsigen Abhang
Hier, am Rande der jäh abgleitenden kahlen Gebirgshöh’,
Hemmt’ er den Tritt, anstaunend die tiefdurchnachtete Grotte,
Welch’ in dem Busen der starrenden Fluh die Hände der Allmacht
Senkrecht übers Gestad’ aushöhleten, Wunder dem Anblik,
Rings von Gestrauch ist die Öffnung umblüht; zur Rechten des Eingangs
Strömt aus der innersten Schlucht ein Bach mit melodischem Murmeln
Durch labyrinthische Hallen hervor, und stürzt von der Schwelle
Jählings mit Donner hinab in die lautaufheulende Tiefe.
Wölbend die Grott’, einstürzendes Drohns beugt hohl sich die Felswand,
Ueberhangend dem Blik, der mit Angst von unten hinausschaut,
Einem vom Himmel herab schwarzwogenden Donnergewölk gleich.
Aber am Rande des sprudelnden Quells blühn Alpenranunkeln,
Gritliblumen, und Veilchen empor im bekräuterten Moosgras.
Und es erröthen verstekt Erdbeeren im niedren Gebüsche.
Innen durchblizzet die heilige Nacht der Krystalle Gefunkel;
Und aus der einzigen Öffnung erblikt durch schillernde Flechten
Grünender Zweig und Eppiggehäng’, anstaunend, der Wandrer,
Gleichsam im magischen Spiegel, des Sees hellglänzende Küsthöhn.
Um und um herrscht hohe Natur; und der Ewigkeit Odem
Weht aus der innersten Kluft, und rauscht in den Zweigen des Eingangs.
Mancherlei Wunder erzählt von dem Ort die Sage der Vorzeit.
Hieher kam vor Alters ein Weib, die Schönste des Hochlands,
Suchend den Gatten im wilden Gebirg, nachdem er am dritten
Tage noch nicht von der Jagd heimkehrt’, aufgebend die Hoffnung.
Schwanger war die verzweiflende Frau, matt sank sie zu Boden,
Unter der Höle Gewölb, und es übersiel sie die Stunde.
Damals starrt im verödeten Fels noch trokken die Bergkluft,
Ohne Gebusch, ohn’ einiges Laub abwehender Kühlung,
Rings von der Mittagshizze verkalkt, ein glühender Ofen.
Sterbend lag auf dem Stein die Gefolterte, wünschend den Tod bald,
Denkend des Gatten Verlust, bald heftiger flehend ums Leben
Ach! für des Kindes Errettung! Es stürb’ auch selbst in des Abgrunds
Höll’ ungern ein gebährendes Weib; denn gegen den zwiefach
Drohenden Tod ringt Göttergewalt des doppelten Lebens.
Aber vor Durst verschmachtete sie. Da sprang durch ein Wunder
Tief aus dem innersten Busen der Kluft ein silberner Quellstrahl,
Rieselnd der Schmachtenden nahe vorbei, durchfließend die Hole;
Und es umlachten den Bord urstraks aufkeimende Blümlein,
Während sich sanft gehoben vom Flaum aufschwellender Moose
Fühlte die staunende Frau. So wurde zum weichen Geburtbett
Plötzlich der Stein, und zum Schlummergemach die scheusliche Bergkluft.
Ambragedüft durchbalsamte rings die erfrischende Kühlung,
Stillend ihr Weh, und ihr lösend das Herz in süßer Betäubung.
Zauberumweht nun schlummerte sie; und gebahr in dem Schlummer
Schmerzlos. Ach! der unnennbaren Wonn’! als gewekt von der Vöglein
Zwitscherndem Chor, und dem zitternden Kuß des zur Seit’ ihr gestürzten
Gatten (den während sie schlief herbeigefähret ein Zufall,
Oder ein leitender Gott) ihr im Schoos lag blühend ein Magdlein!
Gritli nannte sie gleich die Lächelnde. Heutiges Tags noch
Heißen nach ihr Margritli die holdanlächelnde Blümlein,
Welche zur nämlichen Stunde gebahr die heilige Höle.
Sieben der Märtyrer schliefen auch hier (erzählet das Bergvolk)
Während der langen Verfolgung, entflohen den grausamen Römern,
Vier Jahrhunderte durch; die sechs erwekket’ ein Bergfall,
Als einst barst die unendliche Fluh zwei Felsen nun bildend;
Und sie stiegen hinab, weit fernend die Flucht in das Ausland.
Aber der Siebente blieb, der Heiligste; lange nachher noch
Schlief er. Ihn wekte zulezt das Gebot der heiligen Jungfrau,
Selbst ihm erscheinend im himmlischen Glanz, Beatus ihn grüßend.
Wunder gerüstet bekehrt’ er das Volk, das in Haufen heraufkam,
Taufend die Pilger im heiligen Bach. Die Grott’ und der Berg selbst
Tragen noch jezzo nach ihm den verehrten Namen: Beatus.
Aber ein anderes fühlte, genaht der inneren Öffnung,
Ueber die Schwell eintretend, das Herz des träumenden Nordfrank.
Liebe, nur dich! Dich, wonniger Hauch des unendlichen Odems!
Fühlt’ er im Taumel betäubt hinsinkend auf Blumen der Moosbank
Neben dem Bach. Es rieselte Lieb’ in dem leisen Gemurmel;
Liebe sauselte rings in dem Laub; aufkeimende Liebe
Blüht’ in jeglicher Blum’; und von Lieb’ ertönten die Lüfte.
Sie nur duftete jedes Gewürz balsamischer Kräuter;
Sie die bemoosete Wand; aus der Kluft her athmete sie nur;
Und durch die Öffnung hinein, flog sie mit den Strahlen der Sonne.
Ganz von ihr war die Höle gefüllt; denn er liebte; sein Herz war
Voll der Göttlichen. Aber er saß, bedekkend mit beiden
Händen die Stirn, und übergebeugt anstarrend den Boden
Sterbendes Bliks, bis ein Strom von Thränen, die Brust ihm erleichternd,
Kühlte den brennenden Schmerz, und die Glut der unendlichen Sehnsucht.
Alle die Holden, indeß allein auf dem sonnigen Abhang
Unten am Ufer, als schon hoch über die vordere Waldhöh’
Längst war verschwunden dem Blik der geflüchtete, streifeten eilig
Ab die Strümpf’ und entblösten getrost die niedlichen Füße.
Drauf, abwerfend die Mäntelchen, zog die eine der andern
Mühsam aus das durchfeuchtete Kleid, und es flossen die Haare
Regenentringelt herab auf die schneeweißglänzende Schultern.
Nur die Rökchen behielten sie noch, und die engende Leibchen,
Welchen, ein wenig gelöst, die vor Lust aufwallende Busen
Halb sich enthoben. Die rundlichen Arm’ umfloßen der Hemder
Aermelchen leicht, wie die Hörner des Monds weisflatternde Wölkchen.
Also hupften sie lachend dahin am grünen Gestade,
Zeigend dem Auge der Sonn’ allein die enthülleten Reize,
Welche sich selbst zu verbergen, sie nie still standen, die Gruppe
Wechselnd mit jeglichem Blik, und reizender noch durch den Wechsel.
Während nun trokneten dort die Gewand’ in der Helle des Mittags
Breit auf den blühenden Teppich gelegt, umhupften die Holden
Hin und her, leichtschwebendes Schritts, die Stauden des Abhangs,
Spielend Verstekt mit einander, sich oft im Gestrauche verbergend.
Also scherzet im paphischen Hain abwechselnder Anmuth
Leichtgegürtet der Grazien Chor. Sie kamen, und schwanden,
Bükten sich, drehten im Kreise sich schnell, umarmten sich, flohen
Wieder einander im leichtesten Schwung lebhafter Bewegung,
Chariten ähnlich in allem die furchtlos spielende Jungfraun.
Jezt nach geschlossenem Spiel und der Kleider vollendeten Troknung,
Zogen sie wieder sich an, wetteifernd. Aber wie Myris,
Bis auf das Halstuch fertig geschmukt, um dieses zu holen,
Schnell zu dem fernen Gebüsch hinlief, auf flatterte plötzlich
Nah der Erstaunenden, schimmernd im Flug, ein himmlisches Vöglein.
War’s ein Schmetterling? War’s ein Colibri? Vorige Nacht flog’s
Ihr im Traume vorbei das Nämliche! Glänzendes Fittigs
Flattert’ es, eben wie jezt, ihr vor; sie sucht es zu fangen,
Als sie beim lezten Versuch entschlummerte. Jezzo beginnt sie
Wach das geträumte Jagen, und hascht nach dem wirklichen Traumbild.
Wenig entfernt, nur höher hinauf, am buschigen Abhang,
Läßt sich herab auf ein niedres Gestrauch der bezaubernde Flüchtling.
Myris ihm nach. Ganz nahe dem Weilenden, strekt sie das Händchen;
Doch er entfliehet dem Griff windschnell; nun hiehin, nun dorthin
Schwebet sein Flug, bald ferne bald nah der verfolgenden Huldin.
Immer gereizt von dem leichten Erfolg, und immer getäuscht doch
Eilt sie hinauf; ein heimlicher Reiz, ein himmlisches Etwas
Zieht sie dem Fluge des Schmetterlings nach durch das wildeste Dikkigt.
Schon ist vergessen das Tuch, schon längst vergessen der Mantel,
Nichts als des Schmetterlings Fang, des Bezaubernden, sinnet ihr Leichtsinn.
Jener, nachdem er durchkreisend die Luft, salamandrisches Funkelns,
Tausend entzükkende Farben gespielt im beständigen Anflug,
Sezt sich am End’ auf ein duftendes Blatt der entferntesten Staude,
Leise vom Zephyr gewiegt. Schon hoch hinauf in den Bergwald
Hatte die Jägerin mählig geführt der verleitende Wildfang.
Nunmehr glaubte sie sicher zu seyn der ersehneten Beute;
Leis annahend; behende zum Fang, umschwingend den Strohhut,
Haschte sie; Wonn’! und es stekte darinn der ertappt’, ihr Gefangner.
Aber indem aus dem Hut sie den Zitternden zieht mit dem Händchen,
Husch! durchschlüpfet die Finger ihr schnell der entwischende Vogel.
Jezzo noch reizender scheint der Berührete. Höher hinauf, wo
Leicht in des Zephyros Hauche dahin der entschlüpfete vorschwebt,
Eilet sie nach, in der Alpengedüft’ aromatischen Luftzug,
Ueber die Weide, den Thau streift schon am Rande des Abgrunds
Nahe der Grott’ ihr beflügelter Fuß. Auf dahlendem Fittig
Flattert der Lose hinein, und es folgt das ermüdete Magdlein.
Eros war’s. Seit dem lezten Versuch im Zimmer der Holden,
Welcher nur halb ihm gelang, war stets in derselben Gestalt er
Jenen gefolgt; mit ihnen bestieg der Schlaue das Schifflein;
Saß unsichtbar, während des Sturms, auf der Spizze des Mastbaums;
Und stieg aus mit ihnen ans Land, stets sinnend auf Tükke.
Diese nun hatte gewählet der Schalk; in die Höle, wo Nordfrank
Einsam saß, zu verleiten die leichthinschwebende Myris,
Noch bevor sie die glänzende Brust umhüllte das Halstuch.
Führt’ er doch einst auf gebirgigem Pfad zur selbigen Grotte
Troyas gewanderten Held und die tyrische Königinn Dido.
Also voran in die Höle hinein, bis über des Nordfranks
Düstergesunkenes Haupt nun flog er. Aber wie dieser
Jezzo die Wimper erhub voll Thränen; o Wunder! o Wonne!
Himmelentzükkende Schau, kaum traut er dem seeligen Anblik;
Stürzet herein mit begeistertem Blik und glühender Wange
Myris, als flöge sie hin in die Arme der weinenden Sehnsucht.
Wirklich nahte sie strekkend die Händ’; allein wie mit einmal
Eine Gestalt sie erblikt’ in der Höl’ umflimmerten Dämmrung,
Starrt sie versieint, und es wurzelt der Fuß am brennenden Boden.
Sprachlos stand sie, und stumm saß jener, erstaunend dem Wunder,
Ganz von Entzükkung betäubt; es erzitterten beyden die Glieder.
Jezzo hub er sich, nahend der Nahenden! siehe! da sank sie
Neben dem Bach auf den moosigen Stein, holdseliger Ohnmacht,
Hingegeben des einzigen Mannes willkührlicher Großmuth.
Ach! wie wogt’ in der wallenden Brust ihm tobender Aufruhr!
Und wie kämpfte mit Liebe die Pflicht; mit dem Gotte die Göttin,
Ganz ihm zerreißend das Herz! Bald neigt er sich, ach! auf die Wang’ ihr
Einen einzigen Kuß mit der glühenden Lippe zu athmen;
Nur ihr zu drükken mit bebender Hand das zitternde Händchen;
Ihr nur ein einziges Mal: Ich liebe Dich! leise zu flüstern,
Oder mit seufzendem Mund, auch den Saum nur des Kleids zu berühren.
Bald fuhr schnell mit Entsezzen zurük der verwegne Gedanke;
Und er beschloß sie zu fliehn. Unwiderstehlicher Zauber
Hielt ihn aber; er flöhe sich selbst noch leichter als diese
Ganz von der Liebe berauschendem Dunst durchathmete Höle.
Also rangen in ihm, dem entzweieten, Zarte mit Sehnsucht
Tugend mit Lust, mit Empfindung Gefühl, und Liebe mit Liebe
Aber es siegt’ in der männlichen Brust die höhere Gottheit;
Und er entfloh. In dem Taumel den Weg nicht wählend durchlief er
Tiefer hinein in den Schacht die verborgenen Hallen der Bergkluft,
Weit bis ins innerste dunkle Gewölb, wo zu Boden er hinsank.
Hier nun umhüllt vom Graun der im Fels gekerferten Urnacht,
Welch’ in den offenen Berg sich verkroch, als die erste der Sonnen
Ueber die ewige Finsterniß rings triumphirend emporstieg,
Flehet er laut zu der über ihn selbst ihn hebenden Gottheit:
Wer Du auch bist Erhabne! die mehr als himmlische Mächte
Machtvoll über die Göttlichen selbst noch göttlicher obsiegt!
Denn selbst Uranionen gehorchen der paphischen Göttin,
Und dem geflügelten Gott, und Eurynomes reizenden Töchtern;
Jezzo doch wichen sie deiner Gewalt! und den Himmel mit ihnen
Floh ich auf deinen gebietenden Wink, vorziehend das Nachtgraun,
Einsam mit dir in dem Orkos, dem Glanz des erfüllten Olympos.
Höre mich jezt! und gewähre mir hold die sterbende Bitte!
Stärke mich, männlich zu dulden den Schmerz der brennenden Wunde,
Oder todte mich ganz, denn nicht mehr so trag’ ich das Leben.
Also fleht er; und plötzlich erhellt ein weißlichter Schimmer
Rings das hohle Gebirg, wie der Schein des nächtlichen Halbmonds;
Und in dem blaßen Gedunst stand hehr, unendlicher Hoheit,
Licht ihr Gewand, um das Haupt ein Siebengestirn, in der Rechten,
Tugend! dein Zepter, im Blik der Ewigkeit hohes Geheimniß,
Und um den Lippen die heilige Lieb, Uranias Urbild;
Hülle doch nur; denn sie selbst schaut nie ein endliches Auge.
Tiefanbetend, bewunderte still der knieende Nordfrank,
Schlürfend den Blik des Gebilds, und als kaum es erschienen, verschwand es.
Aber es weilte der Schimmer noch lang; es blieb in der Seel’ ihm
Ewig die hohe Gestalt; und er schwur aufstehend, der Gottheit
Sämtlicher Götter den heiligen Schwur unsterblicher Liebe.
Ganz ein Verwandelter kehrt’ er nunmehr von dem Schimmer umleuchtet
Durchs Labyrinth zu der Oeffnung zurük und zum irdischen Taglicht,
Welches im Anfang gelblich ihm schien, und selbst von der Wölbung
Hangendem Grüne gemildert, wie Glutgefunkel ihm anglomm.
Aber die Grotte war leer. Nachdem er in jeglicher Ekke
Jene gesucht die er neulich geflohn, enteilt’ er der Oeffnung,
Fröhlich betroffen vom Schall des gerufenen Nahmens; und jezzo,
Ringsumspähend die Wildnis, erblikt er alle die Schwestern
Nahen vereint. Er ereilte sie bald; und zur Grotte zurük nun
Wiedergekehrt, erzählte verschämt die verirrete Myris
Laut die Geschichte der Schmetterlingsjagd, und löste sodann ihm
Während die anderen lachten, das Räthsel des seltsamen Eintritts.
Sie, die genekkete, zweifelte nicht, daß dort an der Wand sie
Hätte geschrekt, als hinein sie trat, ein nichtiges Traumbild;
Denn wie sie kaum von dem Schrekken erhohlt, aufs neue sich umsah’,
Wars verschwunden. Es ließ in dem Wahn sie gern der Begleiter:
Aber es merkte die Holde den Trug und errieth das Geheimniß.
Als sie enthüpft (erzählten die zwei) dem Schmetterling nachflog
Lassend den Mantel im Strauch und das Tuch, erstaunten sie lange,
Rufend umsonst. Als sie nimmer zurük kam, eilten sie schleunig
All in die Spur bis hinauf zur Weide des starrenden Felsens,
Bringend was unten sie ließ; und den nahenden trat sie entgegen
Gänzlich verstört, mit Thränen im Blik, nicht weit von der Höle.
Doch wie die Jagd sie gemeldet der Fragenden ängstlichen Neugier,
Einzig nunmehro besorgt um den Fund des verlohrnen Begleiters
Riefen sie laut Nordfrank, daß Nordfrank hallten die Felshöhn,
Wie er gerad’, aus dem nahen Gestrauch vorblikkend, daher kam.
Solches erzählten sie jezzo vereint im Gespräch mit einander;
Aber nachdem sie nun alle den Fels und die Grotte bewundert,
Stiegen sie ab den geschlangelten Pfad zum wartenden Nachen.
Eingebordet sogleich, das Segel vom streichenden Fahrwind
Vollgebläht, nun flogen sie hin durch gekrauselte Wellen
Ueber die grünliche Fläche des Sees, nahstreifend dem Ufer.
Frühe genug in der Mitte des Tags anlandend bei Neuhaus,
Um noch vor Abend zu Fuß, das Dorf zu erreichen am Staubbach.
Aber ein fröhliches Mal in dem lieblichen Städtchen am Harder.
Unterseen genannt, weil zwischen den beiden Gebirgseen
Thuns und Brienzas es thurmt; und die Bergschloßtrümmer von Unspunn
Ach! und unendliche Wunder des Thals von unzähligen Bächen
Lauterbrunnen genannt, verspäterten ihnen die Ankunft.
Hundert Schritte nur eilten sie hin, so zwang die Natur sie
Jeglichesmal in erneuter Gestalt zum bewundernden Stillstehn;
Oftmal lokt ein elysisches Feld, ein kleinerer Staubbach;
Oder ein drosselerfülleter Hain zu mancherlei Umweg
Immerbelohneter Müh. Es tanzten hinauf und hinunter
Neben dem hüpfenden Strom, mehr als sie giengen die Holden,
Ueber den Zauber des Berglabyrinths vergessend die Müde.
Oft begegneten Ziegen, und Schaaf’; oft spielende Kinder;
Oft Heerdreihen von stattlichen Küh’n, an der Spizze die Heerkuh,
Tragend mit Stolz die Schwer’ und die Pracht der tonenden Glokke;
Oft auch tanzende Mädchen; und jegliches grüßten die Holden,
Freundlich von jedem begrüßt. Hier lag ein fröhliches Hüttchen
Mitten im Busen der lächelnden Flur, hier donnert ein Stromsturz
Tief von dem steilen Gebirge herab; dort thurmte sich prachtvoll
Hoch in die Wolken ein Schloß, wie von Menschenhänden gebauet,
Hunnenfluh in dem Thale benannt, ein Felsennaturspiel.
Hier versank in dem Laufe der Strom; dort hub er sich wieder
Schaumend empor; bald winkte dem Blik ein reizendes Blümchen,
Bald ein sprudelnder Quell, und bald ein rubinener Kirschbaum.
Enger nun ward und enger das Thal, und es rükten die Felshöhn
Nah an einander, mit schattendem Drohn, als bögen sie vorwärts
Ueber des Stroms Glanzbett die waldumlokketen Häupter.
Feierlich rauschten umher in der schaurigen Stille des Abends
Wasserfälle von oben herab, zur Rechten und Linken,
Und tief unten; doch allen hindurch beherrschendes Toben
Drang das erhabne Getös des hochherdonnernden Hauptfalls,
Nicht mehr fern. Es durcheilte des Dorfs zerstreuete Hütten
Mächtig gereizt der begeisterte Zug; und erklimmend das Hüglein,
Welches, dem himmelentstürzenden Strom entgegen, emporstrebt,
Sahn sie entzükt, nun in vollem erhabensten Glanze das Schauspiel,
Welches allein von den Enden der Welt belohnte die Wandrung:
Staubbachs Nebelgestirn in dem farbigen Bogen des Vollmonds.
Wie, wenn gelind anfächelt der West, vom Gipfel des Mastbaums
Vielgeschlangelt, im wechselnden Schwung der Wimpel herabschweist,
Bald in die Länge gestrekt, bald eingeschlurft im Geringel;
Fallend und wiedergehoben, ein Spiel des bewegenden Zephyrs,
Immer, wenn kaum er die Welle berührt mit der züngelnden Spizze,
Zukt er zurük, flammt schillernd empor, und flattert am Himmel.
Also schwebt in der wehenden Luft der ätherische Giesbach
Mannigfaltig bewegt, vom Rande der ragenden Felswand
Hochabwallend, gefangen im Fall, nun hiehin, nun dorthin
Flatternd, ohne den Grund mit dem flutigen Schweif zu berühren.
Oben erschien er, als Strom, ein dem Himmel entstürzender Meerschwall,
Hoch in der Mitt’ ein Gewölk, und unten ein weißlichter Nebel,
Denn in der Tiefe hinab des hundertklaftrigen Jähfalls
Lößt sich die Woge, verdünnt zu Wolk’, und verdunstet als Rauchdampf.
Nur hoch oben donnert er stets, und droht, in dem Hersturz
Alles mit reißender Flut zu verschwemmen; allein es verwandelt
Sanft sich in Milde die Wuth, und er nezt staubregnend das Hüglein,
Daß auch die zarteste Pflanzen des Frühlinges unter ihm aufbluhn.
Auch sie blühten, vom Nebel bethaut, die rosige Mägdlein,
Unter dem Bogen getrost, den der Mond drin wölbete jezzo.
Blumenempfindungen hold erfrischten sie weilendes Stillstehns,
Wang’ und Busen und Stirn in dem nie aufhörenden Regen;
Und es umgab sie der Heiligenschein des gespiegelten Vollmonds,
Wie sie benezt dastanden, dem Führer ein himmlischer Anblik.
Jezt aus dem Mondkreis traten sie vor, und betrachteten lange
Gegenüber den Glanz, und dann, voll stiller Entzukkung,
Rings die Bezaubrung umher der ganzen elysischen Gegend.
Als nun genug sie bewundert die selige Schau, mit gefaltnen
Händen, und wonnigem Blik, anstaunend, eilten sie rükwärts
Jezzo den Hügel herab zu dem nahebelegenen Gasthaus;
Und wie erschöpft sie die Treppe hinauf in das einzige Zimmer
Endlich gelangten, und dort gelagert auf strohernen Sesseln
Ruheten, krönte den festlichen Tag ein ländliches Nachtmahl,
Und, nach erquikkendem Bad, des Schlafs wohlthätige Labung.
