Inhalt
Ruderfahrt auf dem See. Sturmzeichen am Gipfel des Schreckhorns. Der Sonnengott kämpft eine zeitlang auf Apollons Befehl, mit den heranziehenden Wolken, damit Nordfrank Zeit gewinne sich der Küste zu nähern. Aber bevor die Schiffenden den Merliger Hafen erreichen, bricht das Ungewitter los, und der See von dem Südwind undNordwind zugleich gepeitscht fängt an fürchterlich zu toben. Dem im Wirbel gedrehten Kahn werden die Ruder entschlagen. Verzweiflung der Schiffsleute. Fassung und Unerschrokkenheit des Nordfranks. Nach mancherlei Gefahren werden die verlornen Ruder wieder gefunden. Voll Kühnheit und Geschiklichkeit steuert der Held durch die Brandungen der schroffen Felsen auf einem buschigen Abhang am Fuß des Beatenbergs, wo sie glüklich anlangen und aussteigen.
Jezt mit Gewalt vorschiebend, und ringsaufwühlend die Glanzflut
Ruderten jen’ in der Mitte des Sees, gleich fern von den Ufern,
Hoffend auf baldigen Hauch, nicht senkend den Mast noch das Segel.
Beinigen fuhren sie rechts nun vorbei, und unter des Niefens
Herrlicher Bergpyramide, die hehr gen Himmel emporsteigt,
Wimmis bezaubertes Schloß in der Spalt’ auf einsamen Hügel
Am Eingange des Thals, des Siebenquelligen, thurmend.
Links schon ließen sie’s Gonten, vom Ralligen genberge beschattet;
Nalligen selbst; und erblikketen Spiez, und auf blumiger Anhöh
Lieblich umgrünt, der Bezaubrung im Schoos, das fruchtbare Aeschi.
Stokhorn fuhr schon lange zurük, und die Kette des Schallbergs,
Also genannt von der Grotte der neunmalhallenden Antwort.
Mehrere Dörfer auch wichen gefernt, und unzählige Hütten
Links und rechts. Bergwaldungen, Fluhn, Weingärten und Weiden
Glitten vorüber der Fahrt der bewundernden, während dem Vorblik
Aufstieg hoch die krystallene Welt, in der Mitte die Jungfrau.
Aber es hatte des Donnerers Drohn nur zur Hälfte der Schutzgott
Abgewendet, als oben im Götterpallast er den Aufruhr
Sänftigte, wehrend den Wurf des bereits geschwungenen Zornstrahls
Jenes Gebot an die Macht des orkanumwirbelten Schreckhorns
Blieb noch in voller Gewalt; und es hatt’ im verborgenen Felsschloß
Nur zu laut es vernommen der Stürm’ obwaltende Lenker.
Dieser, ein ewiger Feind friedseliger Ruhe, getürmfroh,
Stets auf Zerstörung bedacht, nur hold wildtobendem Aufruhr,
Harrt’ unduldig des kommenden Tags, die Winde zu lösen.
Gern schon hätt’ er gesendet den Schwarm der willigen früher;
Aber es hemmte die Wuth selbst Schadenfreude, weil küßnah
Segelte noch der bedrohete Kahn. Als weiter vom Ufer
Jezt in der Mitte des Sees, Anlandungen ferner, und ringsher
Weitumgeben von tieferer Flut und erhöhteren Felsen
Unaufsteigbares Bords sie schwebeten über dem Abgrund,
Löst’ er die Ketten der Schnaubenden dort, und gebot dem Orkanflug.
Während noch ruhiger Fahrt auf der schillernden Fläche der Seeflut,
Welche bis fern an den Rand hinringelte, glitt der Gedekkahn
Sanft wie gewiegt in dem purpurnen Schooß des gespiegelten Himmels,
Merkte das Zeichen des Sturms der mit Vorsicht steuernde Nordfrank.
Wie, wenn vom weiten erblikt in der Tiefe des bläulichen Aethers
Kommend aus Süden der Kraniche Schwarm dem Kundigen annaht,
Also bedroheten jene von fern den erfahrenen Führer;
Und gleich wendet er links, anstrebend dem Bord, das Geruder.
Sieh! von dem Gipfel der hinteren Fluh des ragenden Schrekbergs
Flatterte lose herab, wie das lokkere Flokkengestöber
Einer Lawine, die hoch von den schneeigen Firsten herabrollt,
Ueber die Gletscher verworrenes Flugs, ein schwärmendes Luftheer.
Stets noch schwebte die Schau um die hinterste Hörner der Eishöhn,
Bald getrennt, bald dicht im Verein, nun hiehin, nun dorthin.
Denn auf Befehl des Beschüzzers, des mächtigen Foibos Apollon,
Hemmte noch lange der strahlende Tag den nächtlichen Anflug.
Jener, sobald er vernahm von dem Thron des parnassischen Eigers
Wie die Wolken des Schrekhorns Fürst aufrief zum Orkanflug,
Eilte zum Sonnenbeherrscher, wie der noch eben zur Anfuhr
Schirrte die Roß’, und befahl ihm, nah zu lenken dem Stürmberg,
Daß, durch die blizzende Strahlen gehemmt, die gelösete Windsbraut
Später erreiche den See, wo sorglos schwebte die Unschuld.
Und es gehorchte der freundliche Gott. In beschleunigter Auffahrt
Schwang er geschnellteres Schwungs die weithinleuchtende Geisel,
Daß noch feuriger, Flammen die Mahn’, und gestrekter wie jemals,
Funken sprühend, die Roß’ herschnaubeten, als er hinausfuhr.
So dort oben begann nun der Luftkampf; während sich Nordfrank
Eilig nahte der Küst’, aufmunternd die rudernde Männer,
Rasch zu verdoppeln die mächtigen Schlag’ um doppelte Löhnung.
Immer bedenklicher schien auch diesen die seltsame Luftschau;
Ach! und bald kein Räthsel! gedrängt her schwebte der Sturmzug,
Erst wie ein Nebelchen nur, dann Gewölk allmählich vergrößert,
Endlich die Sonne verschattende Wolk’ androhendes Nachtgrauns.
Auch begann schon, finstrer und finstrer geschwärzt, des Krystallsees
Ebene Flut hochwogig emporzuwallen, und fernher
Knatterte Tannengeknak aus dem wolkenverborgenen Bergwald,
Nahverkündend den schreklichen Föhn zugleich mit dem Seesturm.
Wie wenn verstiegen auf einsamer Fluh drei weidende Lammlein,
Welche verirrt der gefallene Schnee, aufblikkend gen Himmel
Immer größer und schattender schaun den Räuber der Felshöhn,
Lämmergeier genannt, weil Lämmer am meisten er wegrafft;
Oft auch raubet er Hasen, und junge verwilderte Zillein;
Selbst nicht Kinder verschonet sein Mord; er stürzt, wie der Blizstrahl,
Plötzlich hinab aus schwindlichter Höh’, und, ergreifend das Leben,
Schwingt er sich wieder hinauf mit dem Tod zum verborgenen Felsnest;
Jen’ erzittern, und drängen sich dicht vor Angst an einander,
Nirgend erblikkend umher Obhut in der starrenden Einöd’.
Oefters gelingt der Erschroknen Versuch, und der Geier im Abflug,
Weder Kopf vorfindend noch Schweif, wähnt, irgend ein Unthier,
Größer als er, dort liegen zu sehn, und entfliehet dem Anblik.
Also fuhren zusammen im Kahn beim plözlichen Herdrohn
Jenes verfinsternden Sturms die drei erblassende Jungfraun.
All’ umschlangen sich, bange verknüpft in enger Umarmung.
Und stumm saßen sie da, verbergend sich selbst in einander,
Still erwartend das schwebende Loos; als umnachtet auf einmal
Jegliches Ufer dem Auge verschwand, und in schreklichem Aufruhr
Tobte der See, von Orkanen gepeitscht und gewirbelten Stürmen,
Hochaufbrausend in schaumender Wuth von der Tiefe des Abgrunds.
Nah schon waren sie Mertigen, ach! nicht weiter vom Hafen,
Als noch deutlich gehört erschallt der rufenden Stimme;
Und schon strengten die Ruderer an mit dem Muth der Verzweiflung
Alle Gewalt, um dem Ufer zu nahn; als jahlings ein Nordwind
Aus der entsezlichen Kluft, die vom Ralligen trennt den Beatus,
Gegen den schnaubenden Fön anfuhr, daß der Kahn in der Mitte
Beider ergreifenden Wuth umwirbelte, werfend im Umschwung
Weit die Ruder aus jeglicher Hand in den schaumenden Strudel.
Jezzo erblaßten die Ruderer selbst, aufgebend die Rettung;
Ach! denn es flog der geschleuderte Kahn, nun hiehin, nun dorthin,
Ueber die heulende Wogen ein Ball der brüllenden Stürme.
Aber dem Steuerer sank noch nicht im Busen die Kühnheit.
Schon mit den Stürmen vertraut in der Wiege des Baltischen Nordmeers,
Hatt’ er zu oft auf den Wellen getanzt mit Wirbelorkanen,
Um zu verzweifeln, so lange noch trug ein rettendes Bretlein.
Aufrecht hielt ihm die Seel auch der Glaub’ an höhere Waltung,
Und das Vertraun, daß ein Kahn, der die Grazien schaukelt zur Jungfrau,
Leichter den Stürmen noch troz’ als das donnergerüstete Kriegsschiff,
Welches Verheerung und flammenden Tod, ein beweglicher Aetna,
Ueber den Ozean trägt zu dem äußersten Rande des Erdrunds.
Mitten im Aufruhr heiter erhob er die mächtige Stimme:
Muth, ihr Männer, gefaßt und Entschlossenheit, würdig der Söhne
Tells! auf! senket den Mast in das Vorschiff, während ich selber
Straff anschnure das Seegel! Nicht weit in der Wogen Empórung,
Weil ja gegen den Sturm Sturm tobt, Fluth gegen die Fluth stürzt,
Können die Ruder uns fliehn; wir haschen sie wieder; getrost nur!
Nichts ist verlohren dem muthigen Mann, so lang’ er sich selbst hat,
Und es hilfet ein Gott dem sich selbst erst Helfenden sicher!
Also rief er; und sprang in die Mitte des Kahns, wie begeistert,
Ueber die Drei, die kaum noch athmeten, faßte das Segel,
Während die Männer, in Hast ablösend die Seile, herunter
Zogen den Mast; und es fiel die beflügelte Nähe dem Kühnen
Schwer auf die Schulter, daß lautes Geschrei der erbebenden Jungfraun
Sturm und Gebrause durchscholl, als er taumelnd zu Boden dahinsank.
Hätte getroffen das Haupt der entsezliche Schlag, auf der Stelle
Läg’ er entseelt. So weckte nur ganz ihm den Geist die Erschüttrung.
Und noch kühner entsprang er dem Fall, von den Holden bewundert.
Immer noch wilder umdonnerten rings das entruderte Schifflein
Schwellende Wogen und Wolkengebirg’ im Gemische der Sturmwuth,
Daß oft über das kleine Gedek hinschaumten die Wellen.
Sieh! es naht’ anwalzend die Fluth ein unendlicher Meerschwall
Graunvoll drohend mit Sturz, und es sank im gehöhleten Strudel
Unter dem steigenden jählings zurük, abgleitend, das Schifflein,
Daß hoch über den Mast sich bog herbrandend die Woge.
Jezzo stürzte das Wellengebirg, und vom Strome gefüllt wär’
Untergesunken der Kahn, wenn nicht im entsezlichen Sturz selbst
Wäre zerplazt die prallende Fluth, die zur Hälfte zurükflog.
Aber nachdem vom betäubenden Schlag sich erhohlt die Bemannung,
Fanden sie neben dem Kahn, tief abgeworfen vom Gipfel
Jenes Gewogs, auftauchend im Schaum, das eine der Ruder,
Und sie erhaschten sogleich das verlohrene, froh der Erobrung.
Bald entdekten sie weiter entfernt in der Wogen Getummel
Auch das andre; doch strebend umsonst, weil immer verstürmt flog
Wieder zurük, wenn er naht, einseitig gerudert, der Nachen.
Lang’ arbeiteten so mit vergeblichem Eifer die Arme;
Als ein rettendes Mittel ersann der erfindsame Nordfrank.
Sieh! er enthub mit Kraft das Steuer und sprang mit demselben
Zu den erschöpften ins Vorne des Schiffs; und von allen geschoben
Glükt es dem Kahn nach unsäglicher Müh’ das Ruder zu reichen.
Jezt, ihr Männer! ist unser der Sieg! frohlokte der Sturmheld.
Rasch nun die Hülfe gebraucht, die gefundene! Wahrlich! ein Gott war’s,
Der sie uns wiedergesandt! Und ihr, heilbringende Jungfraun,
Zittert nicht mehr! bald legt sich der Sturm; und tob’ er auch ferner,
Haben wir Ruder, und Kraft in der Brust, und schirmende Götter!
Also sprach er; und steuert’ aufs neu’, und es schlugen die Männer.
Gleiches Muths, gleichstrebender Macht, die schaumende Wogen,
Während mit frohem Pilotengesang dem Doppelgeruder
Maß die harmonischen Schläge der muthanreizende Nordfrank.
Noch stets tobte der Sturm, und des Sees lautbrausender Aufruhr,
Als sie, der felsigten Küste genaht des dunklen Beatus,
Unter der heiligen Höle, berühmt durch mancherlei Wunder,
Und Dir, Kupris! geweiht, hinruderten. Müde der Arbeit
Suchten sie hier, an dem schroffen Gestad hinlenkend, ein Ufer
Möglicher Landung. Es winkete bald von jäher Gebirgsfluh
Rings umstarrt, zugängliches Bords, ein grünender Abhang.
Aus nun stiegen sie, leicht anlandend, wenn grade dahin nur
Glükte zu steuern den Kahn durch die Brandungen, welche zur Rechten
Bellten, und links aufheulten, der Scylla gleich und Charybdis.
Jener wagete kühn den Versuch; und er glükte dem Kühnen.
Grad’ auf den buschigen Hang hinlenkt er den Kahn, der hinaufglitt
Mitten ins blumige Gras. Entzükt nun stiegen die Jungfraun
Aus, kaum trauend dem Blik, als schirmende Bäume sie ringsum
Schauten, entronnen der Wuth des Orkans und der tobenden Seeflut.
Alle gesammt hinknieend, und küssend die heilige Erde,
Sandten nun wonnigen Dank im Gebet zum schirmenden Himmel.
