Inhalt
Nordfrank, des Gelübdes an Apollon eingedenk erbittet sich bei Tagesanbruch Urlaub von den Holden, die mit ihm oben auf dem Scheidek die Nacht durchgewacht haben, um die Höhe des zweigipflichten Eigers allein zu besteigen. Myris weigert; allein vom Schlummer überwältigt giebt auch sie zulezt seiner dringenden Bitte nach; und er wandelt, anfangs herab, dann hinauf zu dem gegenüberliegenden Gletscher. Beschreibung der Sonnenstadt. Höheres Aufsteigen. Fall. Der erschöpfte wird auf das Gebet der ahndenden Huldinnen, von Apollon erquikt. Er besteigt endlich die Höhe zwischen den beiden Gipfeln. Aussicht. Anblik der drei Hütten unten auf dem Scheidek. Entdekkung des höher hinauf dem Gipfel entsprudelnden Quells. Mühsames Aufklimmen durch die Trümmerung. Gewitter. Seelenerschauung. Er nahet dem Quell, ohne ihn zu sehen; und findet sich in einer schauervollen Höle. Grause Ansicht der chaotischen Gebirggegend. Entstehung der Alpen. Gesichte der Vergangenheit und der Zukunft. Geschrekt von der lezten entflieht er aus der Höle. Wachsende Begeisterung. Zaubereien der unsichtbaren Musen, die ihn zum Quell führen. Dichterweihe. Gewekt von dem parnassischen Traum steigt er endlich den Berg wieder hinab. Waghalsige Mittel zur Beschleunigung des Herabkommens. Er erblikt, annahend, einen Fremden bei den Holden. Lezte Probe des Helden. Er besiegt die Anwandelung der Eifersucht; und die Schwestern jauchzen ihm entgegen. Die Eltern, die ihnen immer in einigem Abstand gefolgt waren, bis nach Zweilütschenen, wo sie links umbogen, um von Grindelwald aus sie auf dem Scheidek zu überraschen, sind angekommen. Nordfrank erhält die Hand der Myris. Dreifaches Fest.
Jezzo schied von den Alpen der Nacht hochheilige Stille.
Eins ums andr’ erloschen gesammt auf den hohen Altären,
Und an den ragenden Säulen, die Tempellichter des Himmels;
Sirius schwand, es verschwand der Arctur, und der Gürtel Orions;
Und es erblaßte der Mond; nur der Stern des rosigen Abends
Schwang noch als Morgenstern die verweilende Fakkel der Liebe.
Jene, die Holden gesammt, und der Lieblichen selige Führer,
Hatten durchwacht in Entzükkung die glanzbeflügelte Stunden,
Ohne Bedürfniß des Schlafs, die Pracht des gefirneten Himmels
Hielt die begeisterten wach; auch war die herrliche Bergnacht
Wunderbar, mild, nicht kalt, nur frisch wie morgende Dämmrung.
Stets auch hatten sich jene bewegt, nun hiehin, nun dorthin
Arm in Arm lustwandelnd auf monderhelleten Pfaden;
Oft im tanzenden Reigen, das Blut bewahrend im Umlauf.
Ach! und das jugendlichwallende wärmt’ hinlänglich die Freude.
Schauer verkündete jezzo der rosenfingrigen Eos
Annahn, Gletschergekrach, und der fliegenden Nebel Vergoldung.
Schon erröthend vom Blik der verborgenen, eh sie hervortrat,
Blikt in die Dämmrung herab die schneeweisglänzende Jungfrau,
Lange vor allen Gebirgen geschmükt mit der Rose des Frühlichts.
Und allmählich erglühten die ragenden Hörner der Alpen,
Eins nach dem andern, bis hell aufloderte gänzlich die Schneewelt
Ihrer krystallenen Höhn, ein ringsumflammendes Lichtmeer.
Dennoch waltete Dunkel noch stets in den schlummernden Thalen.
Sorgend, es halte die Schüchternen ab vom nöthigen Ausruhn
Seine Nah’, und gedenkend des Schwurs an den Helfer Apollon,
Wandte sich jezt zu den Drein, der stets noch muntre Begleiter;
Also sprach er mit flehendem Blik die geflügelte Worte
Alpenheilige Nymfen Uranias, himmelverklärte
Jungfraun, Cynthia, Daphn’! und Myris! liebliche Schwestern!
Höret anizzo mein Wort, und gewährt dem Bittenden huldreich:
Mir gebietet im Busen der Gott, auf einsamer Wandrung,
Wo kein Sterblicher trat, bergan, am schlängelnden Faden
Jenes entgletscherten Bachs, durch Felsgeklüfte mich windend,
Nachzuspüren den Quell, den erhabenen, wolkenverborgnen;
Unaussprechlich verlangt mir, genaht dem parnassischen Eiger,
Dort am Altare der Musen, im heiligen Tempel Apollons,
Ihm zu opfern und Euch; dann froh der vollendeten Weihe,
Noch vor der Mitte des Tags, Euch würdiger wieder allhier seyn!
Während des Hinflugs ruht ihr zerstreut in den traulichen Hütten;
(Oder auch alle vereint, ist solches gefälliger allen)
Traun! denn noth ist erquikkender Schlaf nach solcher Ermüdung
Zartaufblühenden Mädchen, dem stärkeren Mann nur entbehrlich.
Naht schon allen doch leis, ich seh’s an den blinzenden Wimpern,
Schaut ihr ihn selbst auch nicht, der süßbetäubende Traumgott;
Folget dem lieblichen Ruf! ich folge dem meinigen freudig!
Ihm erwiederte drauf der halb schon schlummernden Sorgfalt:
Trautester Führer, Petinas Besteiger, du Schrekhornstürmer!
Ach! dich stürzet dein Muth, Unerschrokkener, einst von der Strahlspizze,
Eines umdonnerten Felsens herab, in die nächtliche Tiefe!
Bist du, wenn noch so gewandt, doch nicht ein beflügelter Steinbok.
Sondern zum Fallen gebaut, ein aufrechtgehender Erdmensch
Oder glaubst du die Schwingen der hochgehohlten Begeistrung
Werden dich heben im Fall, wenn mit glitschendem Fuße vom Felsrand
Dort du taumelst herab? uns schaudert! wie möglich ist solches!
Gar zu hoch ist der Fels, der doppelgehörnete; höher,
Nur um ein weniges, ragen ihm nah zur linken die Jungfrau,
Rechts das Schrekkengebirg’, und im Hintergrund der Olympos.
Hoch schon schweben wir hier, doch schwindelt uns bei dem Hinaufblik,
Sieh, und Lawinen entstürzen ihm rings entsezliches Taumelns
Erst nur Häuschen, zu Hügeln gerollt, dann fallende Berge.
Ach! wir flehen gesammt, laß ab von dem schreklichen Wagstük!
Ihnen erwiederte drauf der Gefahrfreund schmeichelndes Blikkes:
Segenbegleitet von Euch trozt Nordfrank jeder Gewalt kühn,
Klettert so leicht wie die Gems, und hüpft ein geflügelter Steinbok,
Luftiges Sprungs von Geklipp auf Geklipp bis zum Gipfel des Glanzhorns,
Trinkt das ätherische Licht, einschlürfend den sonnigen Strahlgeist,
Und kehrt wieder zurük ein Prometheus, Eures Geleits werth,
Holdanlächelnde Töchter Eurynomes, dieses gewährt ihm!
Drauf begannst zu den andern du, Cynthia, ringelndes Haupthaars:
Wohl dann, gewähren wir’s ihm! Wenn auch selbst furchtsam, gebührt doch
Schuzbedürftigen Mädchen den Muth der Männer zu pflegen. Ist
Ist uns lieber doch auch ein Waghals selbst als ein Weichling!
Schwestern! lassen wir ihn dem Gott, der leuchtet und Licht zieht!
Segenbegleitend den Flug des Apollongerafften! Wie steht doch
Gar zu bittend er da, ein lebendiger Seufzer! gewährt’s ihm!
Schnell einwendend erwiederte drauf die rosige Myris:
Unbegreiflich wie Cynthia dies uns jüngeren ansinnt,
Selbst beifallend, den Führer von hier zu gestatten die Fernung
Weit durch gefährliche Schlunde hinauf in des Todes Behausung,
Ach! wo der Schrekliche wohnt mit dem allumrollenden Kreisblik,
Dessen Nah’ ich schon unten empfand mit verbundenen Augen!
Nimmer ermuntr’ ich verwegenen Muth und vermessene Kühnheit.
Bleib’, o bleibe bei uns! Du wagst ein doppeltes Leben,
Wenn du das Deinige wagst! ich zitt’r’ — ein vierfaches, mein’ ich —
Denn in dem wilden Gebirg wo blieben wir ohne Begleiter?
Steigen wir lieber herab in das Thal! Nicht Müde noch Schlummer
Spür’ ich; wir alle sind rasch, als stiegen wir erst aus dem Bette.
Sprachs’; und die Aeugelein fielen ihr zu vor Schlummer und Müde.
Aber des Nordfranks Herz, des erschütterten, theilete Zwiespalt.
Und es wankte der Held im Entschluß. Doch denkend des Wunders,
Und des Gelübdes, ermannt’ er sein Herz, daß über die Liebe
Siegte die Religion; und voll Ernst erneut’ er die Bitte.
Drauf erwiederte jezzo die lilienarmige Daphne:
Sichtbar winket dem Führer ein Gott! es blizzet sein Auge
Hell, und es schwillt ihm die Brust, und es fliegt sein wallendes Haupthaar!
Zwar ist uns allen ein trauriger Fall sein jezziges Weggehn;
Aber Gewährung ist Pflicht; wir selbst sind Schuld an dem Eidschwur.
Also jen’; und Cynthia drauf versezte mit Hoheit;
Heilig ist jenem sein Schwur, auch uns muß heilig sein Muth seyn!
War das Gelübde vermessen vielleicht, des Gelübdes Erfüllung
Duldet nicht Anstand; theuer auch mir ist des Bruders Begleitung.
Aber noch theurer, was heiliger ist, des Begleitenden Würde!
Nie schirmt anderer Leben, wer nie das eigene wagte;
Traun! und den muthigen schirmet ein Gott! ich zittre für ihn nicht,
Wenn er uns Vorsicht schwört, und für uns sich schonende Sorgfalt.
Sprachs; und indem sie die Rede vollendete, schlummerte Myris
Ein, hinsinkkend aufs moosige Bett, und lächelt’ im Schlummer
Hold, wie gewährend; es sprang hoch auf vor Entzükkung der Fleher.
Gleichsam beflügelt vom Segen der lächelnden Holden enthüpft er
Schnell dem bezaubernden Kreis im Klang des tönenden Glükwunschs.
Ausgerüstet zum Zug, im knappanliegenden Jäklein,
Und mit beschlagenen Schuhn, in der Hand umschwingend den Alpstok,
Lang, unbiegsam, und leicht (das Meisterstük des Hefästos
Aller künstlichen Aelpler umher, des alten Begleiters)
Auch nicht vorrathleer; in der Tasche das ründliche Fläschchen
Kirschgeistvoll, und dabei papiergewikkelt ein Käslein,
Nebst zween Brödchen, gestekt insgeheim von den Holden beim Weggehn:
Also wandelt’ er freudig hinab die thauige Sennalp
Tief durch Sumpf, und wildes Gebüsch, und verschüttete Runzen,
Ueber den Hang, wo der Tobel des Trümmleten westlich herabsinkt;
Bald links wieder empor an dem Eisbach, zwischen des Eigers
Hüft’ und des Schrekhorns Fuß, hoch durch tiefschrundige Spalten,
Steigend von Höle zu Höh’ als hübe mit ihm sich der Abgrund.
Denn nichts schaut er umher, gehüllt in steigenden Nebeln.
Endlich entstieg dem Gewölke des Sonnenbeherschers Chrystallburg
Hoch in der Mitte der schimmernden Stadt unermeßliches Umfangs,
Säul’ an Säule gethürmt mit unzähligen glänzenden Spizzen,
Welch’ er schon längst in der Ferne gesehn von der Höhe des Scheideks.
Helios liebt sie vor allen; denn viel der strahlenden Horten
Hat er umher in der Alpen Bezirk, doch nirgend verweilt er
Länger als hier, selbst nicht in der Burg des weißen Gebirges,
Welche vor allen die höchst’ ihm thürmt, hoch über die Wolken.
Aufwärts steigt die unendliche, weit, und verliehret die Grenzen
Erst an den Grenzen der Luft; nur er, dem nichts sich verbirget,
Schaut sie; dem sterblichen Blik ist sichtbar einzig der Anfang.
Diesem nahte sich jezzo der Held. Es sanken die Nebel
Unter des staunenden Fuß; und als sprüngen die sämmtlichen Thore
Plözlich auf vor dem Blik des Erstaunenden, Wölbung an Wölbung,
Sah er, geblendet vom Glanz, umringt von unzähligen Wundern,
Zauberberauscht, in der Mitte der Stadt den Tempel der Sonne.
So durcheilet dein Thor, aus Norden gewandert, ein Jüngling,
Den nach Hesperien lokte dein Ruf, altheilige Roma!
Also klopft ihm das ahnende Herz im wallenden Busen.
Kurzes Athems, im Drang stets steigender Wundererwartung
Irrt er mit trunkenem Blik von Betäubungen hin zur Betäubung.
Südbestrahlet, zerschmilzt ihm ums Herz das nordische Brusteis.
Jeder Gedanke fließt hin ein Gefühl; und verschlingend auf einmal
Alles, verliert er sich selbst, verschlungen von jeglichem Anblik.
Also durchwandelte jezt das Chrystallhekatompylos Nordfrank,
Zauberverwirrt, anstaunend, und sinnend, ob nicht es ein Traum seyn?
Jaspissäulen bewundert’ er hier, und Topasobelisken,
Chrysoliten, gethürmt, Pyramiden von Glas, Amathysten,
Jeder gewachsen zu hohem Koloß; dort Wölbung an Wölbung
Grotten und Bogen von festem Azur unendliches Funkelns.
Onyxhallen, und Trümmern umher von porphyrenen Säulen
Trennten Pallast von Pallast, und erhöheten schattend den Lichtglanz
Und von oben, auf jeder rubinbepflasterten Straße
Blikt’ ihm entgegen der Dohm des helldurchsichtigen Tempels.
Also strahlte dem kühn durchschreitenden Helios Eisstadt
Siebenfarbiges Lichts: in Helvezien nennt man sie Gletscher.
Unwirthbar ist die herrliche, leer, noch öder als Tadmor,
Ehemals Palmyra genannt; kein lebendes, auch ein Insekt nur
Regt sich in ihres Bezirks unendlichen Hallen; doch spielt drin,
Gleichsam ein geistiges Volk der Sonnenkinder Gewimmel,
Strahlenlibellen durchfliegen sie rings in schillernden Reigen,
Sylphen, und Salamandern im Tanz, umschwärmend den Tempel,
Immer im Kreise gedreht, stets wirbelwechselndes Umschwungs,
Und voll wallendes Lebens erscheint das luftige Blendwerk.
Wie nunmehr er durchstiegen mit Müh die glänzenden Trümmer
Ihres Chrystalllabyrinths, als betret’ er Ruinen des Himmels;
Bald auf glitschendem Pfad abschüssiger Straßen von Glatteis
Aufwärts strebend; und bald sich über die schwindlichten Tiefen
Schwingend am schroff absezzenden Stok im gewagtesten Gemssprung,
Oft noch kühner, wo Sprung nicht reichte, versuchend den Gottgang
Ueber die farbigen Brükken gefrorener Bogen des Himmels;
Fand er sich über den Gletscher erhöht am Hange des Eigers,
Zwischen dem Wettergebirg, und dem Aletsch, nahe dem Vorberg
Aarhorns, wo sich auf Säulen erhebt des Donnerers Thronburg.
Hier in der Einsamkeit Reich, und des ewigen Winters Behausung,
Klettert’ er mühsam empor auf ringsumschattetem Irrweg
Hoch durch Wolken, in Wirbeln gehüllt des stöbernden Bergschnees;
Suchend den gletscherverlohrenen Pfad des leitenden Eisbachs,
Stets umsonst, es umfieng den irrenden steigendes Dunkel
Unterirdisches Grauns. Umringt von hangenden Felsen
Kroch er, unwissend wohin, bergan im Gewirre der Trümmer
Gänzlich verlohren in plözlicher Nacht. Es glitschte mit einmal
Jezzo sein Fuß, und er rutschte hinab in erstarrter Betäubung.
Während er klomm in die Felsen geengt, war über die Trümmerung
Abgeglitten ein Hügel von Schnee ganz wölbend die Schroffen,
Und rings löschend den Tag. Im Sturz durchrollt’ er die Grabnacht;
Und ihn dekte nicht mehr des Schnees unsichtbare Wölbung;
Aber noch immer gehüllt in die schneiende Wolke, versank er
Wundgestoßen vom Fall, und fast aufgebend das Leben.
Schmerzvoll wand er sich jezt an dem Stein, wo müd’ er dahin sank,
So wie ein Lamm, das entfallen dem Greif aus schwindlichter Höhe
Tief am felsigten Boden sich krümmt; und seufzete laut auf:
Höre mich, Herrscher des Tags, alleuchtender, Weltenbeleber,
Der du kräftig erquikst die Erd’ und das kriechende Würmchen!
Wenn dir jemals gefiel ein dir unternommenes Wagstük,
Oder ein kühneres Lied, das, trunken von deiner Begeistrung,
Runderes Mundes ich sang, wenn in Strahlentriumph du daher fuhrst,
Froh der entschlummerten Welt, durch die flammende Fluren des Himmels;
Sende mir jezzo herab, o Vater erquikkender Stärkung,
Einen einzigen Strahl der unzähligen wonnebegabten;
Daß ich trinke das Licht, und leb’, und vollende die Wandrung!
Höre mich, leuchtender Gott dort oben! und Ihr dort unten,
Wonnelächelnde Töchter Eurynomes, holdeste Schwestern,
Cynthia, Daphn’, und Myris! wenn je mir gelang auf den Rükken
Hochumdonnerter Felsen, und tief in umnachteten Thalen,
Euch zu schüzzen, gesellt anizt zu meiner die Bitten,
Denen der Donnerer selbst, auch zornerbittert nicht abschlägt!
Also flehet’ er seufzend. Ihn hörte der Grazien keine.
Doch sie baten mit ihm, bang’ ahndend, und strekketen unten
Auf die gefalteten Hände, die lilienweiße, gen Himmel,
Wie sie die Zwillingsgipfel des Bergs in Wolken gehüllt sahn,
Flehend um Schuz für den Freund; und es hörte sie Foibos Apollon.
Eilig gebot er dem Helios dort zu trennen die Nebel,
Wo sich am Boden der Schmachtende wand; und haucht’ in die Strahlen
Selbst kraftvolle Belebung. Sogleich umlenkkend das Schrekhorn
Ward der gehorchende Gott in voller Verherrlichung sichtbar
Dem hinsterbenden Blik des kaum noch athmenden Nordfranks
Dieser erhub nicht blos das Aug’, und die strebenden Hände,
Sondern sich selbst; er stand triumphirendes Lebens vom Tod’ auf,
Schlürfend das himmlische Licht in unendlichen Zügen des Aethers,
Wiedergebohren, voll Kraft, ein herkulischer Jüngling; und laut scholl,
Alle Hörner durchhallend umher sein jubelnder Päan.
Jezzo bestieg er die höchste der rings umlagerten Haufen
Scheitelentrolleter Trümmer des Bergs in der Mitte der Gipfel.
Vorn in der Tief’ erblikt’ er ein unabsehbares Eismeer,
Oben umufert von starrender Fluh, und unten am Abhang
Gleichsam den Hafen des Meers, den hundertthürmigen Gletscher.
Jenseits trugen des Himmels Gewölb die Säulen des Aarhorns,
Rechtshin drohten die Zakken der unbekannten Gebirge,
Namenlose, verborgne Graniteilande des Schneemeers.
Links, mit unzähligen Firsten, die höchst’ in der Mitte, zur Seite
Sturmhorns, schattete düster der Fels des schwindlichten Ungotts.
Aber sich wendend, und kehrend den Blik gen Norden, auf einmal
Glitt dem Erstaunenden jählings hinab, so schien es, der Erdkreis,
Tief abstufend die Berg’ und die Höhn, und die Hügel, bis fernhin
Alles geglättet zur Ebene sank in den Nebel des Luftrands.
Ueber den Tschuggen, und über Beat, und die Zwischengebirge,
Weithin über die Mauer des blauen gesunkenen Juras,
Ueber des Schwarzwalds thalenden Streif, und die Fluren Vogesus,
Glitscht’ im schneller und schneller beschleunigten Falle das Auge
Von der beherrschenden Höhe hinab in Germanias Tiefe,
Kaum wahrnehmend die Tropfen der schimmernden Seen, der Ströme
Silberzweig’, und der Städt’ Ameisenhäuflein, im Abflug.
Aber es suchte sein Blik die drei verlassene Hütten
Scheideks unten am Haupt des zum Hügel gesunkenen Tschuggens;
Und voll Freud’ erspäht’ er sie bald. Geworfene Schilde
Schienen sie hier, flach liegend auf weitverödetem Felde.
Aber, o Wonn’! in der dunkelen Nah’, schneeweis und beweglich,
Schimmerte was, wie ein Federchen leicht hinglitschend am Boden,
Irgend ein weißes Geflügg’ erschien’s in der Ferne den Augen;
Aber es sagt’ ihm sein klopfendes Herz, Sie sey das Geflügge.
O! wie verschlang er die liebliche Schau! die ganze Gebirgwelt,
Schweiz, Germanien, Gallien, weit dem Erhöhten gebreitet,
Schaut’ er nicht mehr! In dem größten Bezirk, der sterblichen Blikken,
Je sich entfaltete, schaut’ er nur dies hellschimmernde Pünktchen,
Scharf anstrengend das Aug’, und die Seel’ entsendend im Anblik.
Hätt’ er des Adelers Flügel gehabt, vom parnassischen Gipfel
Jezzo, vergessend den Schwur, und den Quell, und die sämmtlichen Musen,
Schnell, wie der Pfeil, durch den Aether herab auf die schimmernde Beute,
Wär’ er geschossen; es hemmte den Sprung kaum schnelle Besinnung,
Als sie zum Glük ihm verschwand in den mittleren Schild sich verbergend.
Jezt entdekket’ er kehrend, den Quell am Hange des Gipfels
Ueber ein schroffes Geklipp hersprudelnd, aber nur Flügel
Brächten hinauf; denn es starrte die Fluh des erquillenden senkrecht.
Mächtig gereizt umgieng er den Fels, ausspähend die Schroffen,
Ob wohl irgend sich fände zum Born ein möglicher Aufgang;
Aber umsonst! Er wagte zulezt auf Händen und Füßen
Anzuklettern die Fluh, oft unterliegend der Arbeit.
Endlich gelang er hinauf an der anderen Seite des Gipfels.
Aber noch grausere Wüsten als je, voll gräßlicher Zakken
Rings, und entsezlicher Spalten, empfiengen ihn. Sieh! und die Sonne
Schwand aufs neu’; es füllte das Blau des dunkelen Himmels,
Graunvoll drohend, ein Heer anwogender Wolken, und dumpf sank
Allumhüllende Nacht herab auf des klimmenden Irrpfad.
Furchtvoll schauerte rings die Natur, es athmete kaum noch,
Schwer von der marmornen Last des herabgesunknen Gewölkbergs
Niedergedrükt, hohlröchelnd der Höllenriese des Abgrunds.
Immer beklommener wurde der dikgeronnene Dampfqualm.
Leiseres Hauchs, stets stiller, entwehte die Luft; und todstumm
Schwieg die verhüllete Schöpfung ein Grab; als krachend auf einmal
Riß die gewaltige Wolk’, und als stürze die himmlische Wölbung,
Trümmerrollend herab im Gekrach nachhallender Trümmrung
Aller Felsen umher, der schmetternde Strahl aus der Nacht fuhr
Hellerleuchtend, um drauf noch finstrer zu dunkeln, das Nachtgraun.
Tief erbebend versank, geschrekt von der Nähe Kronions
Jezzo der irdische Sinn des herzerschütterten Nordfranks.
Aber, als hätte der Bliz, durchzischend die starrende Glieder,
Ihm die sterbliche Hülle gelöst, entschwang sich der Geist frei,
Tönendes Schwungs; und, getragen vom Flug der erhabnen Begeistrung
Ueber die Trümmer des Staubs frohlokt’ er in jauchzendem Jubel,
Ganz von dem ewigen Strahl der Unsterblichkeit wonnedurchdrungen.
Höhere Bilder umschwebeten jezt sein Aug’ in dem Nachtgraun:
Zukunft, Gegenwart, und Vergangenheit floßen in eins ihm;
Sieh, und er schwamm in dem All der Unendlichkeit froh der Entkörprung.
Also wiegte sich hoch auf entbundenen Schwingen im Aether
Jezt der unsterbliche Geist, ein Adeler. Aber er selber
Stand noch, betäubt von dem Schlag des Alpenerschütterers, leblos
Da, bis ein zweites Gekrach, noch schmetternder, wekte die Sinne —
Ach! und es kehrte zum Körper zurük der entschwebete Flüchtling.
Rings durchrollte nunmehr mit hohlhindröhnendem Murmeln
Alle Gebirge des donnernden Halls unendlicher Nachhall,
Graunvoll kehrend mit neuem Getös, nur dumpfer und dumpfer,
Bis in den Alpen sich endlich verlor das ferne Gebrülle.
Tiefer indeß und tiefer hinein in die grause Verwüstung
Hatte geführt ihn sein bebender Fuß, wildwankendes Trittes,
Immer befangen in Dampf, umhüllt vom nächtlichen Dunkel.
Jezzo klärt’ entwettert sich auf das qualmende Luftgraun,
Und er erblikte den Weg, den er blindumtappend gewandelt
Schaudernd; sieh! denn er stand am Rande des gähnenden Abgrunds.
Nur ein einziger Tritt noch vorwärts, jählings, häuptlings
Taumelt’ er rollend herab in die unabsehbare Tiefe,
Lang’ entseelt noch bevor die fallende Schwere des Leichnams
Grundsank; hier von oben gesehn, ein plumpender Kiesel.
Mark und Gebein mit dem Blik durchschauerte kaltes Entsezzen,
Als auch jezt ihm verwandelt erschien die ganze Gebirgwelt.
Rings zertrümmert, des Schimmers entblößt, ein unendliches Chaos,
Ungestaltet, und öd’, und wild, und Gespenstern nur wohnbar.
Mahle den Anblik, Muse, des Staunenden! hebe den Vorhang
Auf von der Urwelt Bild! und enthülle der Alpen Entstehung!
Lange durchspähte sein Blik die Verwüstungen irrendes Umflugs,
Hoch bald schwebend empor, bald sinkend hinab in die Tiefe,
Bald ringsflatternd, ein Raub der immerwechselnden Unform,
Zweifelnd ob wirklich er sah, was erschien ihm, nichts unterscheidend.
Endlich dämmert’ ihm auf in der Urwelt dunklem Geheimniß
Jenes gestaltende Licht, das kühn den Himmlischen abrangst
Du, die ahndend enthüllst, was geschah, was geschieht, und geschehn wird,
Dichterbegeistrung; Er sah die himmelstürmenden Riesen,
Coos, Othos voll Wuth, und den Ossaheber Typhoeus,
Die mit dreimal zukkendem Strahl der bedrohte Kronion
Traf, und, trümmernd den Bau, begrub in der krachenden Tiefe.
Diese sah er aufs neu’, entsezliches Wunder! empordrohn.
Halb in der Hölle verborgen die hundertarmigen Leiber
Huben sie brüllend empor, stets höher sich bäumend, die Häupter,
Strebend hinauf; es erbebte die Erd’, und es dröhnte der Abgrund
Hohl, wie mit eins empor, weitschattend die Greuelgestalten
Rageten. Dreimal huben geballt sich die dräuenden Fäuste,
Dreimal sanken sie. Nacht entquoll, und unendliches Dunkel.
Graunvoll rauscht’ es im Sturm; Zeus donnerte; dumpfes Gebrumm scholl.
Plözlich erglimmte die Nacht. Doch unermeßliches Lachens
Brüllten die Rasenden Hohn; denn es traf sie jezzo der Bliz nicht.
Als entrollt nun der Dampf verschwand, und das nächtliche Dunkel,
Sah er jene, gebükt aufwühlen die Erd’, und der Tiefe
Demantwurzeln zerhaun’; dann, kehrend, hoch aufziehn
Dich, unendliche Schwere des Alpenbodens in Orkos!
Taumelnd blikte herab in den Schlund der bebende Seher,
Und erhob mit dem hebenden Arm des gewaltigen Coos
Wieder den schwindelnden Blik. Heiß dampfeten Typhon und Othos,
Haltend die marmorne Last, weil jener noch zog, selbst träufelnd.
Alle nun schoben, von unten gefaßt, anwälzend die Masse;
Dann anstrengend mit Macht nun häuften sie, schweres Athmens,
Rastlos Fluh an Fluh gebirgbelastete Berge
Mauer auf Mauer empor, mit wälderwogender Waldung
Uebergewölbt, und drauf aufthürmend in schwindlichter Höhe
Gipfelkoloß an Koloß der krystallenen Zakken Granitgrat.
Jezzo bestieg sein Gebirg der gewaltige Coos, ein Berg selbst:
Griff mit hundert Armen empor durch donnernde Wolken
Tief in den Himmel — und jezt wär’ eingestürzt des Olympos
Herrliche Wölbung, wenn nicht dein Pfeil ihn, o Foibos, getroffen.
Schon erbebte der Götter Schaar, und die Göttinnen alle
Flohen verwirrt durch einander; auch selbst der erhabne Kronion
Schüttelte düster das Haupt; denn Coos trozte dem Strahlschwung
Ueber des Donnerers Adler erhöht; als rollend heranfuhr
Helios wieherndes Doppelgespann mit dem funkelnden Wagen,
Drauf triumphirendes Bliks der strahlende Foibos Apollon.
Dieser spannte den Bogen mit Kraft, und schnellend den Pfeil ab,
Traf des trozzenden Stirn. Nicht taumelt’ er; aber erstarrt stand
Hochaufragend, ein Fels, das himmelgreifende Schrekhorn.
Wie wenn, Orkanengepeitscht, des Ozeans, unter Orions
Herrschaft, wütender Grimm wild bäumt die schäumenden Wellen
Tief aus dem Grund aufrauschender Flut; hoch thürmen die Stürme
Wassergebirg’ an Gebirg’ unermeßlich die schwellenden Wogen;
Und es starrte gefroren das Heer der gethürmten mit einmal:
Also standen erstarrt die himmelstürmende Riesen,
Strekkend empor der Arme Gewalt (jezt nennt man sie Hörner)
Himmelspaltendes Drohns, stirnkühn dem Donnerer trozzend.
Sturmhorn links und Aletsch rechts, und du in der Mitte,
Alpenkeraunion hoch umrollt vom Donner des Aarhorns.
Solches erblikte, den Wolken entrükt am parnassischen Gipfel,
Nahe dem heiligen Quell, in der schaurigen Höle des Schiksals,
Nordfrank, bebend dem Blik. Auch Zukunft schaut’ er; und bebte
Heftiger noch bei der Schau; denn gräßlich nahte die Zukunft.
Neue Titanen erblikt’ er, voll Blut, noch grauser als jene,
Kommend aus Westen zerstörendes Gangs, und über die Alpen
Schreitend mit Zweigen empor, ein weitherwandelnder Bergwald.
Bäume waren die Zweige, voll Mord und Früchten des Elends
Pestdampf dünstende, jeder ein ringsverheerender Giftbaum.
Diese pflanzte das schreitende Heer auf die bebenden Alpen;
Und wo ein solcher nun stand, verdorrt’ in der Runde die Lenzflur,
Starb in der Blüte die Frucht und verwelkt’ in der Knospe die Rose;
Und an der Stelle der sterbenden wuchs untilgbares Unkraut.
Ach! er schaute der heiligen Schweiz Altäre besudelt,
Schaute die Hain’ entweiht, die Palladien alle zerstöret,
Weh! und gelöset den Bund der Eidgenossen; und weh! weh!
Hört’ er auf Bergen, und sah den händeringenden Schatten
Tells in die Wüste geflohn vor der eigenen Kinder Empörung.
Nicht ertrug er den schreklichen Blik; mit thränenden Augen
Wandt’ er sich schnell, und entfloh aus der dunkelen Höle des Schiksals.
Aber geflohn empfiengen im Tanz ihn sämmtliche Musen,
Unsichtbare; denn Himmlischen nur sind Himmlische sichtbar;
Doch vernemlich dem höheren Sinn des seligerstaunten.
Leises Geflatter umweht’ ihm die Stirn im melodischen Säuseln
Sanfterer Tön’ als der Liebende hört, wenn im Nachtigallhaine
Hold die Geliebt’: ich liebe dich! singt; mit süßerem Anduft,
Als entathmen Violen und Lilien, rosiger Helle,
Milder als Abendschein und der Früh’ erröthende Dämmrung.
Gleich erschien ihm verwandelt umher die verödete Gegend,
Nicht mehr wild; zwar ohne Gewächs; doch blühendes Anschauns,
Wie wenn die Sonne versinkt, die gestreifete Fluren des Himmels.
Jezt auf Pfeilern wölbte sich ihm der beschneiete Gipfel
Ründlich zum Tempeldohm; zum Altare wurde der Felsblok;
Schwelle des Tempels der Rand des nicht mehr schwindlichten Abgrunds;
Denn er schaute mit Lächeln hinab, wie Selige blikken
Nieder zur Erde von himmlischer Höh; Hain wurde die Wüste,
Pforte jegliche Spalt’; und die Felskluft Delphische Grotte.
Ach! Denn es hellte des Seligen Blik unsichtbarer Musen
Glanz! Der traurigen Wirklichkeit Bild verwandelt in Urbild
Ihre Bezauberung. Form ertheilen die Holden der Unform;
Ordnen der Dinge Gewirr’; und zur Welt gestalten sie Chaos.
Immer umschwebte der Himmlischen Flug mit neuer Begeistrung
Seinen geleiteten Pfad. Er wandelte nach, wo die Helle
Rosiger ward, und der Duft jungfräulicher, und wo die Töne
Klarer und flötender noch herwirbelten. Jezzo vernahm er
Rauschende Flügelschlag’, und hochherbrausendes Annahn
Großer Ström’, und Donnergetön, vollstimmiges Einklangs
Steigend in lautem harmonischen Sturm; dann mähliges Fallens,
Bis zum Gelispel entweht, Melodie, nur Himmlischen hörbar.
Sieh! und er stand vor dem Quell in dem Kreis umtanzender Musen.
Nahend dem rauschenden bog er die Knie’ und küßte den Boden
Ehrfurchtsvoll, nicht wagend den Durst der Seele zu stillen
Hier in der Gottheit Nah’ (er fühlte die göttliche Waltung;)
Und zu blendend umher war die Herrlichkeit. Aber Apollon
Zog um die heilige Stätt’, und den knieenden, hüllende Nebel;
Und unsichtbar vollendet er selbst die erhabene Weihe.
Nach drei festlichen Blikken geheimnißvoller Verrichtung
(Was in dem Stillen geschah erfuhr kein sterblicher Späher)
Trat aus dem Nebel hervor voll Ernst der heilige Nordfrank
Jezzo geweiht, kein Sterblicher mehr, ein Priester Apollons.
Strahlen trug er ums Haupt; in der Hand ihm sproßte der Dornstab
Lorberduftend; und, öffnend das Aug’, erblikt’ er die Seele
Jeder Gestalt, und in Theilen das All, und im Tode das Leben;
Urharmonieen, homerische, laut bald donnernde, bald sanft
Rieselnde, leis umtönten sein Ohr in ewigem Nachklang;
Und den geöffneten Lippen entfloß mit des Honiges Süße
Jegliches Wort, Melodie, daß Gesang hinströmte die Rede.
So nun krönte des Siegenden Muth, und beharrliches Streben
In den bestandenen Proben bewährt, der belohnende Foibos.
Steil ist die Bahn zu dem Tempel hinauf des hohen Parnasos,
Oft ermüdend zum Tod, und voll stets neuer Gefahren
Auch, wenn lezte die späteste scheint; nur wenigen glükt es
Bis zu dem Quell zu erklimmen die schwindlichte; nur den Erkohrnen,
Welchem hold anlächelte schon in der Wiege die Muse,
Ihm, der unsterblichem Seyn aufopferte flüchtiges Daseyn,
Und, mit den Chariten allen vertraut, doch keine verscheuchte.
Dem nur gelingt es vielleicht; denn ein Gott entscheidet die Weihe.
Jenem, sobald aus dem Nebel er trat, verschwand die Bezaubrung,
Tempel und Grott’ und Altar, und der Duft, und die rosige Helle;
Nur die innere blieb, die Begeisterung, und der gehörten
Himmlischen Töne Gesumm, und der Blik in die heilige Ferne.
Jezzo stand er vom Traume gewekt, auf dem Gipfel des Eigers
Spähend die Schroffen umher, bedacht auf schleunige Rükkehr;
Denn jezt zog ihn zur Erde herab der Chariten Anmuth,
Und nicht länger bekämpfte Gewalt unschuldiger Sehnsucht.
Aber es zeigte sich nirgend dem Aug’ ein möglicher Abgang:
Luft schien einzige Bahn, und Hinabsturz einzige Rükkehr.
Dennoch entsank in dem Busen ihm jezt der freudige Muth nicht
War auch ein Traum nur die Weih’, in dem Traum war göttliche Stärkung.
Strahlen erquikt, und beseelt von der reinen ätherischen Bergluft,
Tanzt’ er zur Rechten die Trümmer herab, er wußte nicht selbst wie.
Mancherlei Mittel ersann er, der kühne, zur schnelleren Abfahrt:
Hingelehnt an den Stok, dreibeinig, entrutschet’ er oftmal;
Bald, an dem starken geschwungen, entflog er im Sprunge dem Absaz,
Wie mit Geschwirr der geschnellete Pfeil entflieget der Senne.
Bald, wo vom Bergrand gleitete jähabschüssiges Glatteis,
Ueberlegt’ er nicht lang’, er sezte sich, selber ein Nachen,
Rudernd mit beiden Händen, und steuernd die Fahrt mit dem Alpstok,
Ueber die dünnergefrorne durchlöcherte Rinde des Abgrunds
Leichthinglitschend; und bald, im voraus hinschleudernd das Ruder,
Zwischen den Füßen der Kopf, enttaumelt’ er rollend dem Abhang
Schneeiger Hügel im Hui betäubender Schnelligkeit stäubend.
Hätt’ ihn von unten gesehn ein gebirgsumwandernder Geishirt,
Dieser entweichend des Balls im Geroll anwachsender Kugel,
Hätte wohl nimmer geglaubt, daß der Kern ein lebender Mensch sey.
So durch manchen Versuch der bewegendsten Mittel gelang’s ihm
Endlich von oben herab die geweidete Fluh zu erreichen,
Wo felskundige Jäger herumgehn, Gemsen erspähend,
Auch hochweidende Hirten des Bergs, die täglich die Wüste
Mühsam hinauf durchstreben, den Weg mit Gesängen sich kürzend.
Zwar betretner ist hin das Gebirg; doch immer und ewig
Wildert es hüttenleer, und nährt kaum flüchtige Heerden.
Denn es stürzen von oben herab zertrümmernde Haufen
Gipfelentlösten Granits und Schutt der verwitterten Felshöhn,
Oft auch ganze Gebirge von Schnee verheerendes Schwerfalls.
Hier nun durchstieg er den Tobel des Trümmleten, hart an der Jungfrau
Fuß! nicht ohne Gestöhn aufklimmend die Höhe des Scheideks.
Aber wie jezt er entdekte, genaht den ersehneten Hütten,
Einen (so dünkt es ihm hier in der täuschenden Ferne) dem Hauptmann,
Jenem verhaßten, ähnlichen Mann — o! lezte der Proben,
Harteste, immergeträumte! wie wallendes Feuer empor ihm
Flog aus dem Herzen das Blut in die heißerglühende Wangen:
War’s nur Blendung? Es zweifelte lang’, in wilder Empörung
Aller Gefühle die Seel’; als jezt dem Fremdlinge Myris,
Sie, sie selber vertraulich genaht, unglaubliches Wunder!
Nicht die Umarmung verweigerte. Nein! so traf ihn der Anblik
Nicht, der entsezlichen Schau, wie des seelenmordenden Ungotts
Schild ihn versteinerte; noch das Gesicht in der Höle des Schiksals,
Als er den Schatten des Tells in Verzweiflung stürzen vom Fels sah,
Wie jezt traf des Erbebenden Herz des grausamen Eros
Giftigster Pfeil. Auch diese bestand, die lezte der Proben,
Ueberwindend, der Held. Er bezwang den empörenden Wahnsinn
Durch dich, heiliges blindes Vertraun reinherziger Liebe!
Und was der Sinn wahrnahm, unmöglich erklärt es die Seele.
Jenen verläugnend, besiegt’ er des Bluts aufbrausende Wallung;
Und der vermehrten Gewißheit zum Troz, troz jener mit jedem
Näher steigenden Schritt ihm steigenden Ueberzeugung:
Sie sey’s, welche der Mann, der jezt in die Sonne hineingieng,
Traulich umarmt! schritt kühn er heran; bis endlich, von allen
Plözlich erblikt, ihm herab entgegen stürzten die Schwestern:
Heil! Heil! rufend, Triumph! daß Triumph nachhallten und Heil! Heil!
Alle Felsen umher. Doch genaht der Holden Umarmung
Sank in Betäubung er hin zu den Füßen der weinenden Myris.
Also durch Marter der Höll’ erkaufen die himmlische Wonnen
Sterbliche. Solches ist endliches Loos; so wollt’ es das Schiksal;
Stets nur Thränen entblühn die duftendste Blumen des Lebens.
Während er da lag hohlten die Zween den verschwundenen Fremdling
Und noch eine Gestalt; nur dunkel erblikte sie jener;
Bis sie dem staunenden völlig genaht enthüllten das Räthsel:
Siehe! der Vater war’s, und die holdanblikkende Mutter,
Welche den Seligen jezt im gedoppelten Sinne der Erde
Lächelnd enthoben. O Wonne des Bliks! o Fülle des Jubels!
Muse! du mahlest sie nicht, des erwachenden Siegers Entzükkung!
Aber enthülle das Räthsel uns ganz, o holde Gefährtin,
Dir ist alles ja kund, damit auch wir es erfahren!
Jene, nachdem sie den Kindern ertheilt den fröhlichen Urlaub
Dort in der Stadt, die romantische Fahrt zu der Jungfrau gestattend,
Waren sogleich, den entfernten gefolgt, um Gerede zu meiden:
Daß es schien, als machten vereint sie alle die Lustfahrt.
Solches hatten geheim mit einander besprochen die Eltern;
Nicht um des Schiklichen willen allein. Ein anderes sann noch
Tief im Herzen der Vater als Freund des treflichen Nordfranks.
Lange hatte er zu merken geglaubt, daß jener mit Myris
Nicht so vertraut umgieng, und unbefangen, als Bruder,
Wie mit den älteren Schwestern; und gern bemerkt’ er den Anschein,
Denn er wünschte sich herzlich zum Sohn den herrlichen Jüngling.
Dieses beschloß er nunmehr: und vertraute der Gattin den Rathschluß
Jezt durch die Reis’, allein mit den Drein, zu prüfen den Führer
Ob er liebe die Tochter in Wirklichkeit, oder nicht also?
Und im gewünschten Fall gedacht’ er am heiligen Scheidek,
Wo sie gesehen sein Traum; an der Gattin theuren Geburtstag,
Selber mit ihr das doppelte Fest durch ein drittes zu krönen.
Und es genehmigte willig der Chariten liebliche Mutter.
Also fuhren sie nach den Gewanderten, wählend den Landweg
Rechts am Ufer des Sees, stets einige Stunden nach jenen
Ueberall einkehrend, im Wägeli, bis wo mit einmal
Theilt sich das Thal, und der Lütschene Strom zweenarmig heranbraust,
Dort verliehrend die Spur, weil der Zug gen Staubbach hinaufzog,
Kehrten sie links durch das Lütschenenthal; von entgegener Seite,
Wo viel sanfter erhebt sich der Berg, besteigend den Scheidek:
Nicht allein’; es begleitete sie bergkundige Führer,
Hirten aus Griedelwald, breitschultrige, Sproßen des Urstamms,
Tragend Gebäk’, und Körbe voll Brod und edelen Weines,
Auch viel holde Geschenke, den Töchtern bestimmt und dem Nordfrank.
Dort in der Mittagsstunde, wie grad’ aus der Senne die Holden,
Ausgeruht, vortraten, besorgt um den fernen Begleiter,
Trafen sie jene, die froh erstaunten dem Wunder der Ankunft,
Wenig nach so viel Freuden sich noch die größte vermuthend.
All’ erwarteten jezzo vereint, unruhig, die Rükkunft
Ihres entflogenen Freunds, bemüht einander zu trösten,
Als er noch immer nicht kam; doch die ganz untröstliche Myris
Hemmte nicht länger den Schmerz; und, allein mit dem zärtlichen Vater,
Sagt’ ihm ein Strom von Thränen der holderröthenden Liebe.
Jener umfieng mit segnenden Arm die Tochter, wie Nordfrank
Eben sich naht’, und eilte zurük in die Senne zur Gattin,
Cynthia rufend und Daphne heraus zu der einsamen Schwester.
Als sie nun, alle versammelt, der Fröhlichen Wiedervereinigung
Nektar in wonnigen Zügen geleert und mancher Umarmung,
Nahte der Vater dem Sohn, und herbeigeführt von der Mutter
Nahte die holderröthende selbst aus der Mitte der Schwestern.
Drauf nun redetest du, treuherziger Andros von Bonal:
Nimm aus des Vaters Händen sie hin, und den Händen der Mutter,
Sohn! die geliebte Tochter! Im Angesichte der Jungfrau
Segnen wir Euch: Seyd glüklich! und liebt einander auf ewig!
Also sprach er. Seyd glüklich, wie wir! sprach segnend die Mutter.
Aber es eilten herbei mit geflochtenen Blumen die Schwestern
Kränzend die Beid’; und sie knieeten empfangend den doppelten Segen.
Ach! und es bebte die Lilienhand in der Rechte des Jünglings.
Aber der beiden Entzükkung, der Seligen, weint nur die Liebe,
Singt kein Harfenlaut, und spricht kein tönender Ausdruk.
Holder nun lächelt’ als je herab die ätherische Jungfrau;
Sämmtliche Götter auch lächelten hold herab vom Olympos.
Und es krönt’ ein dreifaches Fest voll Wonnen der Unschuld
Nordfranks siegende Treu’, und der Grazien Wandrung zur Jungfrau.
