Der FrohnAn LichtwehrStrenua nos exercet inertia.Hor.Nimm späten Dank für Freuden die du frühDem Knaben schenktest, als nur du und Gleim,Mit vollen Schalen aus der Musen QuellMich und den Bruder tränktest, wenn wir baldVon Foris Zauberhöhle Feld und HainErschallen liessen; bald das laute marsch!Von Moriz, ehe Friedrich war zu sehn,Und dann, als Friedrich war zu sehn, das marsch!Des ganzen Heers durch Mark und Bein uns scholl.O Lehrer meiner Kindheit, der mir oftDen Kräusel und den bunten Ball entriß,Vermag dein Lied bey grossen Kindern nicht,Daß sie den Tand der minder Harmlos istAls Ball und Kräusel von sich würfen? werHat so wie du mit sichrer Meisterhand,Der bunten Blätter Thorheit stark gemahlt,Als du von denen die ihr frohnen sangst:„Sie sein den Furien des Tartaros„An Wut, den Höllenrichtern gleich an Ernst,„Und wie betroffne Missethäter bang.Viel sind der Thorheit Schellen, und es istIhr Federbusch von allen Farben bunt,Doch jedem Alter tönt nicht jeder Klang,Und jeder Stand, und jegliches Geschlecht,Sucht eine Feder zum Panier sich aus.Nur dieser einen Schelle dumpfer Klang,Tönt wie die Sturmglock jeglichem Geschlecht;Matrone, Jüngling, Jungfrau, Mann und GreisVersammeln um die eine Fahne sich,Und taumeln eitler Hofnung blindlings nach,Von Armuth, Angst und Wut, und Schmach verfolgt.Wie schimmert dort der kerzenhelle Saal,Voll, still und starrend, wie die Bühne, wenn„Doch, meine Tochter, doch!“ der Vater ruft,Und nun den Stahl in seine Tochter stößt.Ich schleiche kaum bemerkt durch lange Reih’nDer grünen Tische hin, hier ward sogarDer Dieb am Lichte nicht bemerket, bisDer Dame Hauptpuz schnell in Flammen stand,Dem andern Dieb ein günstiger AugenblickDer schnell die Karten durcheinander warf.Welch Unhold keucht zu meiner Linken hier?Ein zahnlos Weib das an der Grube wankt,Mit weisser Schminke wie ihr Grab getüncht.Rubin und Demant blizt im falschen Haar,Wie bald das Wappenschild in ihrer Gruft.Wie schnappt die dürre Hand dem Golde zu,Indeß der Krampf aus allen Fingern zuckt.Ihr gegenüber wägt Herr LobesanDer Präsident ein pro und contra ab,Es schwanket zwischen Pik und Tref sein Geist,Denn unbestochen wägt man nicht so schnell,Mit feilem Lächeln spielt Lucinde dortDie rothen Herzen ihrem Liebling aus,Der Liebling weiß zu leben, und erkauftGeheime Freuden, die er doppelt büßt.Wie jener alte Krieger dort erblaßt!Herr General, sahn Sie so ängstlich ausAls Laudon Ihnen gegenüber stand,Und in dem krummen Thal sein Donner scholl?Ist furchtbarer als Tolpatsch und PandurDer rothe Bube? schreckt der frohe BlickDes Fräuleins mehr als Laudons Adlerblick?Kleinmut ist Kleinmut, mein Herr General!Ob Erz Sie blendet oder Gold, so sindSie eine Memme, mein Herr General!Mit beiden Buhlern spielt an einem TischDie schöne Chloe, stolz auf ihre MachtVerhieß sie doppelte Triumphe sich.Dem einen winkt sie Hofnung, und berührtIndem sie Karten giebt, des andern Hand.Zweideutig schwankt die Wagschal ihrer Gunst,Und zwischen beiden theilet sie sich schlau,Wie man die Sonne vor dem Zweikampf theilt.Sie aber scheinen nur ins Spiel versenkt.Doch nun entbrennen sie, sie fahren auf!Erwacht die Liebe? nein, der eine hatArgine statt der Pallas ausgespielt.Sieh diese mit den schönen Augen an!Sie hüpfte gestern wie ein Reh im Tanz,Und Lycidas entbrannte schnell für sieDem Edelmut in jeder Ader schlägt,Für welchen sie der braunen Locke GlanzAuf ihrem Schwanenbusen schmachtend wiegt.Ein Blick der ängstlich auf die Karten fiel,Entriß auf immer ihr den Lycidas.Geh edler Jüngling, suche fern vom Hof,Und von der Stadt, in stillen Hütten dirEin gutes Kind mit Taubenaugen aus.Dem schönen Auge welches schärfer blicktWenn Gold ihm schimmert, hat die Luft der WeltDen Morgenthau der Unschuld weggesengt!Sieh jenen grossen runden Tisch, wo Angst,Wo Hofnung, Schadenfreude, stille Wut,In Blicken starrt, und auf den Lippen bebt.Erwartung hält die Sitzenden so stillDaß hörbar mir das Herz des Domherrn schlug,Der Herzlos sonst, ganz Mund und Magen ist.Mit Aug und Seele hangen sie an demDer in der Mitte, wie ein Richter ernst,Die Karten abzieht, Missethätern gleichDie grosser Frevelthat Genossen sind,Und Todeswürfel werfen wen das RadZermalmen, wen das Loos befreien soll.Wie mancher schleichet spät, vom MorgensternBelauscht, und fluchend ins verarmte Haus,Wo wachend sein die Gattin zagend harrt,Wie manche Rabenmutter achtets nichtDaß Kinder die sie unter’m Herzen trugVerschmachten! manche Rabenmutter läßtDen Säugling darben bis das MorgenrothDen trüben Horizont der Stadt erhellt.Vom Spiel erhizet und vom Wachen, beutSie zürnend Gift der Panze, welche frühUnd spät, so klagt sie, nach den Brüsten schreit,Zu glücklich wenn er Gift ins Blut allein,Nicht trübe Quellen niedrer Leidenschaft,Mit seiner Mutter Milch ins Leben saugt!Mich, sprichst du, trift kein Vorwurf, selber reichSpiel ich mit Reichen, achte den VerlustGering, geringer den Gewinn. Es sei!Versuch es, spiel um Bohnen! wird die LustDir da noch bleiben? ein Beweiß, mein Freund,Das Kizel des Gewinns und des VerlustsZwo Stunden täglich dich auf Dornen wiegt.Und achtest du den Flug der Zeit für nichts?Stockt ihre Sanduhr auf dem grünen Tisch?Du spielest mit der Zeit die nie verliert,Und stets gewinnt! Du klagst sie eile schnell,Und wirfst wie Rechenheller Stunden hin!Dem Bettler ähnlich der aus Wahnsinn bettelt,Und in den Strom das blanke Silber wirft.Dir lüget täglich die Erwartung, zeigtDir Freuden deren keine dir erscheint.Befrage die Erinnrung; ist der BlickAuf Stunden die am Spieltisch dir entflohn,Dir wie der Blick auf frohe Kindheit lieb,Als du auf freiem Feld, im jungen Schwarm,An Fäden bunte Drachen fliegen sahst?Du sprichst: der Kinderjahre Freud ist hin!Freund, jede Zeit hat ihre Freuden, nurDie grosse Welt hat keine wahre Lust!Der Weltling gleichet jenem TanzendenDen die Tarantal in die Ferse stach,Sein Tanz ist Fieber, Ohnmacht seine Ruh!Freund, du bist krank, und keine Brunnenkur,Kein Bad erneuet deine Kräfte dir;Doch wenn der Krankenstube Dunst dich nichtFür Hauche reiner Luft verzärtelte,So laß das grosse Hospital, die Stadt,Und athme dir im Schoosse der NaturGenesung, saug an ihrer warmen BrustGesundheit, Ruhe, Freud’ und Einfalt ein.Laß dich die Freundschaft, laß die Musen dichBesuchen! — wie, du jähnst? es wandelt schonDie Langeweile meines Raths dich an?So geh, und krank’, und spiele bis der TodDie schwarzen Würfel um dein Leben wirft.