I.An den jungen Philomelus1778.Wenn ich den Kranz, mein theurer Philomelus! dirAm ehrenvollen Ziele zeigte, wennIch jeden Funken, der in deiner Sele schlief,Erweckte, deinen Lauf zu fördern, dichIn manchen schweren Künsten unterwies;So hatt’ ich noch bey weitem nichtMir selber gnug und meiner Pflicht gethan,So liess ich immer noch, am Scheideweg,In Zweifel dich versenkt zurück.So mancher Fusssteig, keiner unbetreten, ziehtZum sonnenhellen Gipfel sich hinauf.Der kleidet sich mit Frühlingsbluhmen,Der verliert sich in verwachsner Wälder Nacht,Der windet sich, durch manche Felsenwand,An fürchterlichen Schlünden schroff hinan.Wem Weisheit nicht und Tugend hierZu Führerinnen sich entbieten, der erhält,Was auch für Ehren ihm der Pöbel seiner ZeitBestimmt, wie weit auch seiner Lieder PreisDen Erdkreis füllt, der Afterzeiten Krone nicht,Die mit Unsterblichkeit den edlen Sänger lohnt. Du heischest Unterricht, begehrst,Dass ich die Hand dir biete, woDer kleinste Fehltritt dir verderblich werden kann;So nimm, mein Trauter! denn, nicht, was ich selbst erfand,(Der schwache SterblicheHat jede Wahrheit doch zuletzt von Oben her;)Nimm, was in nächtlichen Besuchen michEin Genius des Himmels lehrete,In treuer Wiederhohlung an! — Aus reiner Quell’ allein entspringt ein reiner Bach.Willst du mit leerer Rede SchellenklangNicht Beyfall, den du nicht verdientest, dirErschleichen; o, so heilige zuvor dein Herz!Gott lieben, ist der Weisheit Grund;Ihn ehren, aller Freuden Inbegriff.Im Raum der unermesslichen Natur ist nichtsIhm zu vergleichen, ewig unter ihmIst jede Grösse, jede Trefflichkeit.Er ist allein, (nicht Fürsten, nicht Erobrer sinds;)Des kühnsten Hymnus Adlerflug.Wer ihn nicht denken kann, mit Lieb und Ehrfurcht nicht,Zu welchem grossen Vorsatz istDer fähig? Säng’ er auch von ihm;Sein Lied ist Wortgepräng, ist schallendes Gewäsch,Nicht Davids heilger Chor, nicht Assaphs Saitenspiel.Sobald dem Menschen nur der jungen Sprache StromWohltönender von regen Lippen floss,Bevor die Kunst annoch ihr Maass und Schranken gab,Da war der Inhalt seiner Lieder schonEr, der dem Chaos diese Welt entrief,Die Sterne wog, den Erdball mit der Spanne maass,Des Staubes Sohne diesen Blick emporZum Himmel, seiner endlichen Bestimmung, gab.Und in der langen Folgezeit ward noch,Von Volk zu Volk, kein Dichter gross, der nichtDie kühnen Flügel auf zur Sternenbühne schwang,Der, unter diesem Nahmen bald,Bald unter jenem, nicht den InbegriffDer höchsten Kraft in seinen Liedern feyerte. —So, mein Geliebter! sey die bessre Gottheit dirDes Denkens, der Empfindung erster Gegenstand,Sey deiner Lieder Ziel, dein ganzes Leben durch!Zu allen Tugenden erleuchte dirReligion den Pfad, erwärme dir das Herz! Fern sey von dir die wohlgemeynte Schwärmerey,(Wenn anders nicht das Wohl der Menschheit drauf beruht,Und Klugheit selber nicht zur Strenge räth;)Dich wider ein geweihtes VorurtheilZu setzen, Wehr und Waffen in der Hand!In wilder Hitze, geht der Stürmer oft zu weit,Reisst von der heilgen Stätt’ ein Vorurtheil herab,Und setzt an seiner statt ein schlimmeres darauf.Oft selbst vertritt ein unerweislicher,Einfältiglich geglaubter, Satz dem schwachen VolkDer Wahrheit Stelle, wird zum SamenkornVon tausend Tugenden und mancher edlen That.Drum wappne lieber deine Muse sichMit Duldsamkeit und sanftbelehrender Vernunft!Des Vorurtheiles Hefen senken sich gemach,Und lassen oft den hellen TrankDer Wahrheit überall zurück. Ernst sey indess und feyerlich dein Lied,Wenn Würd’ und Ernst sein Gegenstand erheischt!Ich tadle den nicht, der bescheiden sichDen Tejer Greis zum Muster auserkohr;Allein wenn er mit Gott und Christus, wieMit Mädchen tändelt,1 wenn, in seinem Leichtsinn, erDer Christen heilige ReligionMit roher Sinnlichkeit vermengt:2Unwillig leg’ ich das besudelte PapierDann aus der Hand. — Rein sey des Dichters Herz,Sein Wandel rein und einfach. Wer von frommer PflichtGewissenhaft sich leiten lässt, der zwingtAus seiner Leyer keinen Ton hervor,Der nicht zu andern stimmt, der schwärmt so nichtMit zügelloser Phantasey zu Gott hinauf,Als wenn, sobald ein kleiner Anlass ihnZu Sinnenfreuden reizt, er mit Bacchanten rast.Am Busen einer Lais er,Auf Bluhmen hingegossen, Himmelsfreuden träumt.Und so nicht minder untersagt er sichUnd andern jenen Ausdruck frecher Sinnlichkeit,Der vormals im verderbten RomDer feinen Welt geläufig war, der nochSo manches Liederbuch des alten LatiumsBefleckt, den kaum der züchtge Maro sich verboth.Ihm reicht’s nicht hin, wie einst dem Sänger Sirmiums,3Von unbescholtnen Sitten selbst zu seyn:Auch seinen frohen Liedern, seinen Scherzen istDer Unschuld Siegel aufgedrückt. — Wie freut es ihn,Dass Deutschlands Heldensprache nichtZu jener UngezogenheitHerabgesunken ist! doch auch wie kümmerts ihn,Wenn manche Muse seines Vaterlands,Mit innrem Zeug zu ewgem Ruhm versehn,In Krebillons durchsehbarn Flor gehüllt,Nur um des Jünglings Beyfall buhlt,Der, wenn nicht seine Sinne mit den Lüsten selbst;Doch seine Fantasey so gernMit ihren lockren Bildern speist. Hinweg unheilig Volk! — Wer Einen Tugend WerthEmpfunden hat, der neiget sich zu allen leicht.Der Musen ächter Zögling ist ein Mann,Wie für die Welt, so für sein Vaterland,So für den nächsten Zirkel seiner Wirksamkeit,Für Freund und Haus. — Wie härmt ihn allgemeine Noth,Wie Bürgerzwist, wie nicht der Fürsten Raubbegier,Die, kalten Bluts, für wenig Morgen Lands,Das Leben oft von Tausenden verschwendete!Doch wird von ungerechter, feindlicher GewaltSein Vaterland bedroht; wie weckt da nichtSein lauter Donnerruf entschlummertenPatriotismus auf! — „Ins Feld, ins Feld,Ihr Longobarden, ihr Vandalier,Ihr Sveven, und du Volk Borussens,Ihr Söhne Friedrichs allesammt!” — Wie unterhältDa nicht Tyrtäus — Gleim, mit hellem Flötenspiel,Den aufgeflammten Schlachtengeist! Wie theiltDer Brennen Pindarus nicht Kronen, nichtUnsterblichkeit den Göttersöhnen aus!Und kehrt an Ehre grösser, als er auszog noch,Des Landes Genius zu seiner stillen BurgZurück; wie feyert da der sanftre Sänger nichtDes süssen Friedens Glück, des Fürsten VatersinnUnd jeden Sieg der Kunst und jeden höhern FlugDer Wissenschaft, den ganzen schwesterlichen ChorDer Bürgertugenden! Glückselig Land, wo Weise Dichter sind!Wie unauslöschlich tiefDringt was der Schwan der Pleisse sangNicht in des Knaben, in der Mädchen Herz!Wie stammelt nicht ihr kleiner ChorDen Unterricht in Hillers Melodien nach!Und, o! (dank ihm einmal, du Christenvolk,Am Throne Gottes!) wie entwöhnte dichDer fromme Gellert vom GebrauchVerjährten, unverstandenen Gesangs!Wie lindernd ist der Trost, von ihm ins HerzDes Leidenden gegossen! sein Gebet,Wie herzlich; sein Vertraun, wie felsenfest!Wie fleht er um Vergebung nichtZu Gott, dem allbarmherzigern, hinauf,Wenn sein Gewissen tausendfacher Schuld ihn zeiht!Sein Lobgesang, wie füllt er nichtFür jeden Segen Gottes, nicht für jede FruchtDes unerschöpften Feldes, nicht für Speis’ und Trank,Für jede Lehre, jede Hoffnung nicht, die Gott,Ein allgemeiner Vater, seinen Kindern gab,Des hohen Tempels Wölbungen!4 — Nein! niedre Leidenschaft verträgtMit ächtem Dichtergeist sich ewig nicht.Viel eher gatteten sich Flamm’ und Fluth.Betrogner Jüngling! findet erst dein BlickAm Glanz des Goldes Lust;5 o, wie ist dann so baldIn Dunst und Nebel dir das AngesichtDer immerfreundlichen Natur gehüllt!Ein Sinn, der nur auf Wucher denkt, dem sindDie Flügel schon gelähmt, den hebt nicht innre KraftZur Sonne mehr empor; der hat zur Knechtschaft sichDes herrschenden Geschmacks herabgewürdiget;Der dient mit feiler Hand, um Lohn und Brodt,Den Sosiern.6 — Des Kenners Beyfall ists,Der trunkne Blick des Fühlenden, die Thräne, dieEr nicht verhalten kann; die Hoffnung ists,Mit Ehrfurcht seinen Nahmen nach JahrtausendenGenannt zu wissen, die dem edlen jungen MannZu höherem Gesang Gluth in die Adern ströhmt.Des leichten Volkes Händeklatschen giltIhm wenig, wenig ihm der Fürsten Gunst,Wenn bessres Bewusstseyn nichtIhm Zeugniss seines Werthes giebt.Das Ungewöhnliche,War es ein Puppenspiel, ein WechselbalgDes üppigen Genies; ein deutsches BardenliedAuf Stelzen Griechenlands zum Beyspiel; oder warsEin leerer Minnesang zum Dudelsack gelallt,Nahm unsern Pöbel stets durch seinen Zauber ein. —Weg mit Kothurn und Socken und dem blanken PompDer Bühne; wenn nicht innerer GehaltDen Zeitverlust vergütet, wenn das Aug’ alleinAn schönen Raritäten sich ergetzen soll;Wenn so das Meisterspiel der edlen alten KunstZum Bilderprunk der magischen Laterne wird! — Von schwarzer Galle, Freund! war diessKein Ausbruch; Neid und Scheelsucht brachten michNie gegen Kunstgenossen auf.Wie klein ist der, den jeder Vorzug kränkt,Der einem andern wird? Ist der ein Mann? —O, Freund! verwahre gegen diesen RostDein Herz.7 — Wenn vom Cithäron8 aufDer Adler zu den Sternen steigt; so freue dichDer Kraft der höheren Natur, so speise, weil,Ihm vorzufliegen, du aus richtigem GefühlVerzagst, mit Unmuth deine Sele nicht!Wenn du kein Waldstrom bist, der sich von Felsen stürzt,Dass vom Geräusch der Himmel wiederhallt;Was hindert dich, ein Bach zu seyn,Der mit melodischem Gemurmel, vom Gebirg’Herunter, in Arkadiens Gefilde rauscht? —Dass Alle sich vertrügen, Ein TalentDem andern sich zur Hülf’ entböte, diese WeltDas schönste Ganze würde: darum spendeteDer Menschen Vater mannichfaltig seine Gaben,Und ungleich aus. — So hüte nunDich vor Verachtung auch des Kleineren!Der du mit stärkrer Brust die goldne Tuba füllst,Der Helden Sprache sprichst und ihre Schlachten mahlst,Dein Ruhm ist gross, die späte Nachwelt einstGesellt dich den Homeren zu; doch blicke drumVerachtend nicht auf den herab, der nichtAn deine Grösse reicht! Geringeres VerdienstIst immer auch Verdienst. Und findet nichtNoch Möglichkeit, im Kleinen gross zu werden, statt?9Ist nicht das Fabelbuch des schlauen Phrygiers10So gut der Zeiten Ungemach entgangen, alsDes Mæoniden Lied, dem wüthenden AchillGesungen? Glänzt ein kleineres Gestirn,Des Tejers Nahme, nicht an Einem Himmel mitDem göttlichen Thebaner, der, ein Sirius,Ins Unermessliche sein Licht vergeusst! — Der Mensch, (und wär’ er ungestalt und schwach und DiebUnd Mörder;) ist von deiner Gattung, Freund!Und deiner Liebe werth. Wer bist du der du dich,Ihn mit Verachtung zu belegen, unterfängst? — „Vom ganzen Thiergeschlecht, das in die Lüfte steigt, „Die Meeresfluthen theilt und auf der Erde kreucht, „Von Japan bis nach Rom, von Peru bis zu mir, „Ist, wie mich dünkt, der Mensch das lächerlichste Thier:So schmäht ein Despreaux.11 — Ha! dachte wol sein Stolz,Dass er zum Wurme sich erniedrigte,Der an dem Mantel des Monarchen nagt?Und rächt er sich am weiblichen GeschlechtDafür vielleicht, dass ihn kein schönes KindMit Gegengunst belohnete:Wie ungebührlich wird dann nicht sein Spott!12 Das Laster, Freund! allein ist deines Abscheus werth,Und Thorheit deines Spotts. Dein Eifer undDein Hohngelächter treffe die; wenn deinBeklemmtes Herz vielleicht den Unmuth länger nichtVerhalten kann. Dem Aberglauben reisstEin Haller so die Larve vom Gesicht;So hat Cervantes einst fantastischen GeschmackAn seinem edlen Volk mit gutem Glück gerügt;So kömmt ein Misanthrop bey Molierens SpielVom Traume finstrer Timonie zurück,Indess, mit kühnem Arm zum Spiegel hin geschleppt,Vor eigner Missgestalt sich ein Tartüff entsetzt. —Dem edlen Sänger Dank, der Bürger iztIn bessren Welten ist! — Den frechen Raufbold hatSein Satyr einst bestanden; Kunst und WissenschaftUnd Sitten schlossen, seit der Zeit,Den schönen schwesterlichen Bund. —Doch allenthalben nützt nicht Tadel. — Freund!Der Tugend Reiz, in ein verklärend Licht gestellt;Ein angemessner Lobspruch, edler That ertheilt,Oft nahmentlich, dem der sie that; ein Ehrenmahl,Einfältig schön und wahr, dem Bidermann geweiht,Der, allem Widerstand und aller Noth zu stark,Mit ewig unerschütterlichem Sinn,Der Pflichten rauhe Bahn durchlief. —Das alles weht in schönen Selen mehrDen Funken auf, der in der Asche glimmt,Das, ungezweifelt, zeugt mehr Tugenden,Und bessrer Art, als jemals JahrgehaltUnd Stern und Band erzeugten. — Aber, Freund!Auch hier ist eine Scylla, SchmeicheleyIhr Nahme. Tugend, die im offnen Meere sich,Im Sturm der Leiden sich erhielt: wenn Weisheit nichtBis in den sichren Hafen sie geleitete;Fand jezuweilen noch an dieser Klipp’ ihr Grab.Der Held, und wär’ er in den Styx getaucht;13Hat Blössen doch, die der gelehrte PfeilDes Schmeichlers treffen kann. — Ha! diese schlaue Kunst,Und lenkte sie den Paktolus14Mit reichen Ströhmen unsern Hütten zu;Sey ewig fern von dir und mir! — Ich sollte, Freund!Dem Laster, oder nur dem kleineren Verdienst,Das geben, was ich Tugenden entzog,Worauf Bescheidenheit stillschweigend Anspruch macht,Was aller Redlichen geheimer Wunsch,Für unerkannten Werth, für unbelohnte That,Vom goldnen Barbiton15 des Musenpriesters heischt? —Ihr Erdengötter, nein! vom innigen GefühlDer eignen Würde schwoll mein Herz dazuZu hoch empor. O, wählt den LigurnZu eurem Tafelgast; für mich Unwürdigen,Der, um zu essen, isst und, weil ihn dürstet, trinkt,Der auch den königlichen TraubensaftKonstantiens verschmäht, wenn er dafürDen eitlen Gastmahlsgeber feyern soll,Dem über Stirn und Haar hinaus,Der Midasohren Paar16 bereits gewachsen ist. — Mein Philomelus! soll ich noch zu Freundschaft dichErmuntern; fach’ ich noch schuldloser Liebe GluthIn deinem Herzen an? Wie, oder brennst du nichtViel mehr von diesen schönen Flammen schon?Zog nicht ein innres, unerklärlichesGefühl dich erst zum edlen Philaret,Und fesselte dich dann gleichförmiger GeschmackNicht fest an ihn? Ist er nun nicht dein andres Selbst?Ohn’ ihn, was wäre diese Welt für dich? —Und, mein Geliebter! brach der Freude StrahlAus deinen Augen heller nicht hervor,Wenn nur von fern sich Laura sehen liess?Entschloss ihr Rosenmund zu süsser Rede sich;Ha! bebte dann nicht jeder Nerv’ in dir?Floss mit entzückendem Gefühl dann rascher nichtDein Blut in allen Adern um? Ja, Freund!Der Menschen Vater senkte, mit dem Leben selbst,Dem Sterblichen die Lieb’ ins Herz;Des Lebens schönste Stunden dank ich ihr.Wenn jemals, zärtlicher Empfindung voll,Ein Lied mir aus entglühtem Herzen kam;So war es, Freundschaft! deinUnd deiner holden Schwester Liebe Werk. — Freund! du verstehest mich; dein Blick verräth es mir,Dein Blick voll trunknen Beyfalls, vollDer Güte die in deinem edlen Herzen wohnt.So wandle denn die Wege zur Unsterblichkeit;Dein guter Engel leite dich und auch,Wenn du’s begehrst, mein Rath! Nicht alles hab’ ich dirGesagt; ein Wink, ein Fingerzeig, zu seiner ZeitGegeben, ist dem Denkenden ein BuchVoll allgemeiner Regeln werth.