Die Rückkehr der PförtnerinnLegende.Früh geweihet sonder Wahl noch Willen,Lebt’ ein unerfahrnes holdes Kind,Eine Nonne, klösterlich im StillenTief im Innern weltlich doch gesinnt.Schönheit hatt’ ihr die Natur gegeben,Heiß Gefühl der weichen Mädchenbrust,Und ein ahnend sehnsuchtsvolles StrebenNach des Lebens tausendfacher Lust.Und so werden ihr des Klosters MauernBänglicher mit jedem Tag verhaßt,Wo gespenstig sie in kalten SchauernGräberluft und Dunkelheit umfaßt;Wie vom heitern Tageslicht geschieden,Dem sich alles froh entgegen drängt,Ihre Sinne, fremd dem heil’gen Frieden,Düstrer Zwang, die streitenden beengt.Also irret Clärchen umgetriebenZwischen Pflicht und bangem Zweifelmuth;Fruchtlos strömet unter GeißelhiebenLängs dem Marmor-Nacken oft ihr Blut.Frei erduldend selbst geschaffne SchmerzenFühlt sie ihrem Heile kein Gewinn:Denn es ziehet mächtig tief im HerzenSinn und Trachten nach der Welt sie hin.„Glücklich Vöglein!” seufzt sie, da mit SingenSich die Lerch’ in blaue Lüfte hebt:„Kannst dich leichtlich über Mauern schwingen,Wenn der kleine Sinn ins Weite strebt:Wiegst dich lustig zwischen diesen Bäumen,Singst den Schwestern fromm dein Morgenlied,Bis entflatternd zu der Freiheit RäumenDich die eingeborne Sehnsucht zieht.”„Seh’ ich doch zu nachbarlichen ZweigenAußer dieser hohen Mauern RaumSich vertraulich jene Wipfel neigen,Still gesellig webet selbst der Baum;Mit dem Schmuck der vollen Blüthen-AesteWill er gern des Wandrers Blick erfreu’n,Seine Blätter im Gefolg der WesteFreundlich auf den Pfad der Mädchen streu’n.”„Aber Todestille herrscht hier innenIn der heitern Hoffnung stummem Grab,Und, ein farblos dunkler Faden, spinnenSich des Lebens Stunden langsam ab.Trüb erfüllen wir die trüben Pflichten,Unfreiwillig, oft in Haß gesellt;Können Sclaven Freundschaft auch errichten,Die gezwungen Eine Kette hält? —”So, in weltlich Sehnen tief befangen,Träumend sie durch düstre Gänge schweift,Wo unnennbar rings ein schauernd BangenGeisterhaft bedrohend sie ergreift.Ach! es war dem armen jungen HerzenHier, von Angst und dunklem Wunsch bewegt,Nur ein Ort, wohin es seine SchmerzenSeine Zweifel still vertrauend trägt.Denn aus Marmor hob sich vom GemäuerAn der Vorhall’ ungeschmückter WandDort ein hold Marienbild, von treuerKindlich frommer, deutscher Meisterhand.In des schweren Mantels keusche FaltenStill gehüllt mit demuthsvollem SinnStand es ruhig, längs dem Nacken walltenZart gekräuselt reiche Locken hin.Innig in den mütterlichen ArmenSie voll heil’ger Lust das Kindlein trägt,Das am Busen scheinet zu erwarmen,Sich bedeutend seegnend vorbewegt.Still beglänzt der Ampel Licht die Kronen,Hellet des Gewandes goldnen Saum,Und ein ew’ger Friede scheint zu wohnenHier mit ihr in stiller Halle Raum. —Weinend wirft sich vor dem heil’gen BildeMit gerungnen Händen Clärchen hin:„Schau, Maria, heute noch mit MildeAuf die schwer bedrängte Sünderin! —Ach, Du willst umsonst sie bei Dir haltenMit dem Blick voll himmelsreiner Huld,Siegreich ziehen feindliche GewaltenSie hinaus in eine Welt voll Schuld! —”„Stillen muß ich dort das heiße Streben,Muß erkennen endlich Schmerz und Lust,Muß erfassen tief empfund’nes Leben,Lieb’ und Leiden in die eigne Brust.Und so leg’ ich Dir von Thor und ZelleHier die Schlüssel, heil’ge Jungfrau! hin:Denn auf immer flieh’ ich diese Schwelle,Bin von nun an nicht mehr Pförtnerin.”„Innig hat mein Herz an Dir gehangen! —Ach, ergoß vor Dir sich tausendmal.Tröstung ist von Dir mir ausgegangen,Oft des Friedens sanfter Himmelsstrahl;Dankbar hab’ ich Kränze Dir gewunden,Wie sie gläubig heitre Andacht flicht.Wachsam nährt’ ich still in nächt’gen StundenTreu vor Dir der Lampe frommes Licht.”„Doch ich fülle heut zum letztemaleFrisch mit Blumen diese Krüge Dir,Gieße, daß die Leuchte fürder strahle,Letzte Nahrung aus dem Oehlkrug ihr.Kannst, Maria, nimmer doch mich hassen,Wenn Dich stumpfes Frömmeln blöd umgiebt,Keine hat Dich so wie ich verlassen:Aber Keine hat Dich so geliebt.”Sprach es und enteilt den heil’gen MauernAus des frommen Friedens sicherm SchooßHin, wo lächelnde Gefahren lauern,Ach, wer ahndet nicht ihr traurig Loos! —Sehnsuchtsvoll, wie lang ihr Herz empfundenNach der Neigung feurigem Erguß,Hat sie allzuschnell ihn nur gefunden,Den sie lieben bald und hassen muß.Frevelnd bricht er ihrer Unschuld Blüte,Frech vergiftend ihrer Jugend Glück —Stößt gesättigt roh das Herz voll Güte,Ihr vertrauend heißes Herz, zurück. —Kann denn Liebe nicht zur Treue rührenKeimt Verrath aus innigstem Verein? —Soll zur Sünde jedes Süße führen,Muß ein Irrthum alles Leben seyn?! —Und so stürzt sie zwischen Wahn und SchmerzenSich in eitles Thun und Sinnenlust;Glück entfliehet ewig ihrem Herzen,Nur Verlangen wechselt in der Brust. —Schmeichler locken, Gaukelspiele wallenUm die leicht Berückte schwindelnd her.Ach, für sie, die einmal schon gefallen,Wacht hinfort kein guter Engel mehr.Tiefer muß sie stets und tiefer sinkenSieben Jahre wüst hindurch gerauscht,Wo, statt reinen Lebens Quell zu trinken,Gift’gen Trank ihr Thorheit eingetauscht. —Plötzlich da, in Mitte bunter Scenen,Steht Mariens Bild vor ihrem Blicke,Und allmächtig ruft ein heißes SehnenSie nach jener Unschuldswelt zurück. —Und sie säumt nicht, eilet sonder ZagenVor der Kirche schaudervollem Bann:„Mögen sie den Leib in Fesseln schlagen,Wenn ich nur die Seele retten kann.Seh’ ich einmal nur vor meinem Scheiden,O Maria, Deinen Mutterblick,Laß ich dieses Thal voll Schuld und LeidenDeiner Fürbitt’ trauend froh zurück.”Unermüdet so im raschen SchreitenRuht sie nicht auf weitem Pilgergang:Horch, da tönet fromm ihr schon von weitenIn der stillen Frühe Chorgesang.Bebend zieht sie an der Klosterschelle,Knieet in stummer Seelenangst davor —Schau! da leise öffnet auf der StelleIhr — Maria selbst das Gitterthor.Und sie spricht zu ihr, im feuchten BlickeHimmlisch milden mütterlichen Schmerz:„Kennst Du Arme nun des Schicksals Tücke,Kennst Du nun Dein eignes schwaches Herz? —Sag’ was gab Dir diese Welt an Freuden,Die sich schneller nicht in Gram verkehrt,Welche Lust Dir, die so herber Leiden,Ewig bittrer Reue Thränen werth? —”„Wisse, nur vom Irdischen geschieden,Das die trüben Sinne wild empört,Blüht hinieden reiner Seelen FriedenVon dem Kampf des Lebens ungestört.Seelig heißet, wer zu höherm GlückeFrei sich dieser Erde Lust begab —Reue bringet Unschuld nicht zurücke:Doch sie wäscht die Sünden endlich ab. —”„Treu hab’ ich indeß Dein Amt verwaltet;Blühend einst gestellt um diesen Schrein —Sind nicht Deine Blumen hier veraltet,Leuchtet noch der Lampe milder Schein —Denn versenkt in Irrthum, Sünd’ und SchmerzenNoch gedachtest Du, o Tochter! mein;Die mich treu bewahret so im HerzenSollt’ auf ewig nicht verloren seyn.”Sprachs und Clärchen schaut gerührt die Kränze,Jene Sträuße, die sie selber wand,Blühend alle noch durch sieben LenzeUnerneuet hier von fremder Hand.Und sie sinkt in froher Inbrunst nieder,Trost von oben löst die Schmerzen mild,Und sie findet ihre Thränen wiederVor der reinen Jungfrau Gnadenbild.Doch die weist sie ernst an ihre Pflichten:„Zu der Frühmeß eile sonder Fahr,Mit den Schwestern dort den Dienst verrichtenSah man stets Dich diese sieben Jahr.Öffnet Gnade nach des Irrlaufs EndeIhren heil’gen Schooß der Sünderin,Hebe dankbar zu dem Herrn die Hände,Zu dem Heiland, dessen Magd ich bin.”Und dem Wort vertrauend, zu den SchwesternTritt sie betend in den dunkeln Chor,Die, sie traulich grüßend wie von gestern,Still den Platz ihr räumen wie zuvor.Dort in brünst’ger Andacht hingegossenVor dem Gott an Gnaden reich und HuldFlehet sie, wie heiße Thränen flossen:„Herr, vergieb der Reuigen die Schuld! —”