Die Quelle1783.Insanientis dum sapientiaeConsultus erro, nunc retrorsumVela dare, atque iterare cursusCogor relictos.Horat. I. od. 34, v. 2–5Wie im Gewimmel von der großen StadtDiogenes bei hellem SonnenscheinMit einer Leuchte in der Hand umherLief, und den Menschen suchte, ihn nicht fand;So lief Jean Jacques umher mit scharfem BlickUnd heißem Seelendurst. Hoch schlug das HerzDem Jüngling und dem Mann, dem Greise hoch.Er suchte Weisheit, fand sie nicht im TandDer Wisserei; der Schulstaub war ihm Staub;Der Afterweisheit lauter Jahrmarkt, woDer Thorheit Schell’ in allen Winkeln tönt,Wo feil der Lehrstuhl seine PanazeeUnmündigen anpreiset, wo das BildDer Göttin sich im Narrenmantel bläht,War ihm, was dem ein leerer Becher ist,Der in der Wüste, unter heißem StrahlDes Mittags, nach der Quell’ im Thale lechzt.Wohl dem, der an der Quell’ im Schatten ruht!Der Schatten ist kein Traum, die Quelle nicht.Sie floß zu allen Zeiten, überall,Hier trüber, heller dort, hier schmal, dort breit,Genährt vom Himmel und aus tiefem SchoßDer heimlichen, allnährenden Natur;Und wo sie fleußt, da labet sie und stärktDen Trinkenden mit immer neuer Kraft.Doch immer fanden sie nur wenige;Denn eitel gräbt der Fürwitz, und wo derDen Spaden einsenkt, grüb’ er noch so tief,Entquillt dem Boden nie die helle Flut.[145]Doch schreit er jubelnd, wann er feuchten Schlamm,In welchem nie des Himmels Bild sich zeigt,Aufgräbt, und ruft die Irrenden herbei,Die, oft aus Trägheit, oft aus Unverstand,Aus seiner Grube schöpfen, und den QuellBald für ein Märchen halten, jenem gleich,Der in Elysium die Helden tränkt.O Einsamkeit, in deinen Schatten fleußtDer Weisen Labsal, o, wer stärket mich,Dich zu ertragen! Nie genügte mirDes Hörsaals hochgelahrter, leerer Tand,Und nie der eitlen Schlüsse hoher Bau.Mit Mitleid und Verwundrung sah ich oftPedanten auf erhabnen Stufen stehn,Um welche sich der Schwarm der Jugend drängtMit offnem Munde der Aufmerksamkeit,Den nackten Vögeln in dem Neste gleich,Die, blind und piepend, mit gedehntem Hals,Heißhungrig schnappen nach dem hohen Kiel,Mit welchem sie der lose Bube nährt,Der sie der Mutterpflege selbst entriß.Ich hätte blind vielleicht wie sie geschnappt,Wofern nicht Hellas mich auf mildem SchoßGewieget und gesäuget hätte, mirDas Aug erhellt, und unter Bäume michGeführt, die immer Duft und Kühlung wehn,An Blüten und an goldnen Früchten reich.Nun sucht’ ich auf der Logik Dornen nichtDie Rosen, welche mir mein Plato gab,Und hört’, o Quelle, deinen Silberton;Doch Schwäche hielt mich lang von dir zurück,Und wie das Kind den irren Kräusel treibt,So trieb die Thorheit lange mich umher,Und wie das Kind dem bunten Drachen folgt,Der an dem langen Faden in der Luft[146]Hoch schwebet und ein Spiel des Windes ist,So riß auch bunter Wahn mich hin und herUnd itzt? – Der Schule Lehrern und dem PapstWard nur Unsterblichkeit – doch sehn’ ich mich,Dem mattgejagten Hirsche gleich nach dir,O Quell! nach deinem Thal, o Einsamkeit!In deine Schatten nahmst du Numa auf,Den Edlen, welcher weinend dich verließ,Und auf dem Throne, dem er Würde gab,Sich sehnte nach den Hainen, wo vordemDie Weisheit in Egerias GestaltMit ihrem Nektar tränkte seinen Geist.Im Sonnenglanz, o Weisheit, strahltest duDem Seher Gottes; nicht im lauten Sturm,Nicht im Erdbeben und im Feuer nicht,Nein, im Gesäusel walltest du ihm sanftVorüber, bei der stillen Felsenkluft,Entfernt vom irrejagenden Geräusch.Als Gottes Weisheit selbst auf Erden kam,Da suchte sie die stillen Wüsten oft,Und weihete zu Paradiesen sie.Der Seele Leben atmeten in dir,O Einsamkeit! des hohen AltertumsGesunde Söhne, Weise wurden dieIn deinen Schatten, jene Heilige!Dein spottet der moderne Moralist,Und bauet ein Gebäu von Pflicht und Recht,Wo Schluß auf Schluß sich paßt, wie Stein auf SteinSehr fest vielleicht, wofern der lockre GrundNicht stürzte, wann der Leidenschaften StromHochschwellend an den Sand des Ufers braust.