Inhalt
Der sich wieder erhohlende Führer fleht Apollon und Urania um Hülfe, als er Myris neben sich sterbend erblikt. Diese erwacht aus der Ohnmacht, und verräth dem Liebenden Gegenliebe. Sie vertraut sich aufs neue seinen Armen; allein er wagt nicht mehr das verwegne Hinüberklettern. Höchste Gefahr und Verzweiflung der Getrennten. Helios entlößt auf Apollons Befehl dem Berghaupt einen Felsenblok, der herunterstürzend, über die Kluft eine Brükke wirft. Die Geretteten eilen hinüber. Wiedervereinigung der Schwestern, und Gelübde des Nordfrank. Sie gelangen auf die liebliche Wengeralp, wo sie sich alle auf den reizenden Abhang, über das Lauterbrunnenthal lagern. Beschreibung der Alp. Lobpreisungen der Aussicht und derWeide. Begeistertes Erklimmen des Tschuggenstoks, der höchsten, am Scheidek, der Jungfrau und dem Eiger gegenüberliegenden Höhen. Erreichung des Gipfels. Dank der Entzükten am Ziel. Prächtiger Anblik der Jungfrau, die, während die ganze Gegend in Wolken eingehüllt wird, allein von der Sonne beleuchtet erscheint. Beschreibung der Jungfrau. Verklärung der Gewanderten auf dem Gipfel. Dankgebet, Lobgesang, und Blumenopfer. Herabschaun Uranias, des versöhnten Eros, und der gesammten segnenden Götter. Plözliche Erhellung der ganzen Alpenkette. Nach dreistündigem Verweilen auf der höchsten Höhe, steigen die Holden mit dem Führer herab auf die Tschuggenalp, wo sie drei verlassene Sennhütten vorfinden, in welche sie einkehren. Alpmahl. Sie beschließen hier oben auszuruhen. Nacht.
Also sanken, am Rande des Schlunds, starr neben einander
Nordfranks herrliche Kraft, und die holdanlächelnde Myris.
Todte Stille beherrschte die Luft, die ganze Natur schwieg
Athemlos, und der Tag verweilete hinter des Tschuggens
Mauer, als scheute sein Licht diesseits den schreklichen Anblik.
Eine Weile verstummt im Himmel zugleich und auf Erden
Jeder lebendige Laut, auch selbst das Gelispel der Liebe;
Ach! denn es athmete nicht der Chariten holde Belebung.
Leblos starrte das All; denn leblos starrten in Ohnmacht
Jezt die Getrennten zugleich; auch Daphn’ und Cynthia sanken
Bang um die Schwester, dahin, als nie der Träger zurükkam,
Und die gewanderten Vier umnachtete gleiche Betäubung.
Nach drei schreklichen Blikken, in welchen der Puls der Natur nicht
Schlug, erwachte zuerst der schnellaufspringende Führer;
Denn es floh, von Uranias Strahl gefluchtet, das Schrekbild.
Auch war kaum der gesunkene los der bezaubernden Bürde,
Als ihm kehrte die Kraft; durch sie nur bebt’ er, für sie nur;
Nur ihr Zittern durchzukte sein Herz, am Rande des Abgrunds.
Nicht die Gefahr, nicht Furcht, nein Eros, deine Gewalt nur
Uebergab ihm der Macht des sonst getrozzeten Dämons.
Aber wie jezt er den Blik auf die liebliche Blume des Lebens
Heftete, welche, zerknikt wie die Lilie, neben ihm dalag,
Hart auf dem rauhen Geklipp, eiskalt, entathmet und blutlos;
Sank er vom neuen dahin auf die Knie’, und flehete laut auf:
Höre mich, Gott der Begeistrung, erleuchtender, Weltenbeleber!
Der du mich oft heilbringend erhört, wenn eigene Wünsche
Dir mein ergebenes Herz aufsandt’ in gläubiger Demuth!
Rette die neben mir sterbende jezt! errette die Beiden
Jenseits Verlaßne! vereine den Chor der Grazien huldreich,
Welchen ich Unglükseliger, ach! nicht ahndend die Folgen,
Kühn durch vermessenen Eifer, getrennt; und stürze mich ärmsten
Selbst, wenn ein Opfer gebührt den Erinnyen, tief in den Abgrund;
Daß ich allein entgelte, was ich unwissend, verbrochen!
Hör’ auch du, die mir jüngst in der Nacht, ein Himmel, emporstieg,
Hellste der strahlenden Mächte, Urania! schaue voll Mitleid
Auf die verzweifelnde nieder! Der Unschuld bist du ja Mutter,
Charis, jeglicher Huld und der Tugend erhabene Göttin!
Also fleht’ er; und blift’ auf die unbewegliche Myris,
Angstvoll lauschend, ob leise kein Laut ankünde die Seele.
Horch! und sie seufzt, und es zükte die Lipp’; und ein rosiger Schimmer,
Theurer dem Held als der Glanz der Unsterblichkeit, flog mit der Zukkung
Ueber die Lilienwang’ und verkündete kehrendes Leben.
Aber die Augen noch stets verbarg die Wolke der Ohnmacht.
Weinend den Himmlischen Dank, ergriff er jezt der Erblaßten
Schnell die erkaltete Hand, und, der Blik voll zärtlicher Wehmuth,
Sprach er, hinübergebogen, die herzentstromenden Worte:
Jüngste der Chariten, Knospe der Huld, zartblühende Myris!
Rufe zurük die Besinnung, die Fliehende! rufe der Seele
Hohe Begeistrung zurük, und den Engel der weichenden Hoffnung!
Lasse mich unglükseligen nicht qualvoller Verzweiflung
Hier durch gänzliches Zagen! Erheb’ o jungfraugewinkte,
Himmelentsprungene Blume, das sinkende Haupt, und errette
Dich, die geängstigte Schwestern, und mich durch neue Belebung
Jener unsterblichen Kraft, die vertraut, und nimmer beschämt wird.
Also sprach er, und drükt’ auf das Lilienhändchen die Lippe,
Während hinab von der Wang’ ihm rann die Perle der Wehmuth.
Und sie fühlte die fallende Thrän’; und erwachte der Liebe.
Dir, o weinende Liebe, der lächelnden sanftere Schwester,
Himmlischer, seliger noch als jen, unendlicher Wonne!
Dir erwachte sie jezt. So schließt die knospende Rose,
Lange den zarten verhülleten Kelch dem sonnigen Lichtstrahl,
Dem sich die übrigen Blumen der Flur, aufblühend, entfalten;
Aber es fällt auf die Knosp’ ein blinkender Tropfen des Abends,
Und sie entblüht. So schlug jezt auf die geschloßene Wimper,
Und mit den Augen das Herz die holdanlächelnde Myris.
Schnell, mit der Seele durchdringendem Blik, der unnennbares ausspricht,
Nahm sie dem Führer die Hand, und sprach die freundliche Worte:
Edler! verzweifele nicht! ich vertraue dir ewig, o theurer,
Mehr als Bruder mir werth! auch hier, am Rande des Abgrunds,
Uebergeb’ ich mich dir! Umbinde mir selber die Augen.
Trage mich über; ich zittre nicht mehr; es trägt mich die Tugend.
Also sprach sie, ergeben dem Freund, und reichte das Tuch ihm,
Wonnethränen im schwimmenden Blik. Mit jeglichem Worte
Drang in die Seele dem Held ein Strahl des höchsten der Himmel,
Und mit dem Blik in sein Herz des Elysions heilige Fülle.
Sieh! und er band um der Lächelnden Stirn das schirmende Blendtuch,
Nahm sie aufs neu’ in den Arm, und nahte dem schreklichen Absturz.
Aber, o heilige Macht der höheren Liebe, die muthvoll
Sich nur wagt, und die eigne Bedrohungen trozzig verachtend,
Für die Geliebte doch bebt, und für sie die kleinste Gefahr scheut!
Hier noch einmal wankt’ er, und stand. Ein dunkeles Etwas,
Unbegreifliches Graun, noch nie empfundene Schauer
Hemmten den Tritt. Er hatte die Welt mit Freude gegeben,
Um den Triumph der Vollendung; allein um Himmel und Erden,
Und die gesammelte Schäzze darin, vermocht er das Wagstük
Nicht zu vollführen mit ihr. Er stand, rathschlagete, bebte,
Wandte sich, eilte zurük, und sezte sie wieder; entschlossen,
Nie den vermessenen Gang mit der himmlischen Bürde zu wagen.
Traun! ihm gab es ein Himmlischer ein; denn himmlischer Blik nur
Sieht was bevorsicht, eh’ es erfolgt, und vollendet herannaht.
Hätte der Unerschrokne nicht hier besiegt die Versuchung
Kühn der Gefahr zu begegnen, und hätt’ er nur wenige Schritte
Weiter gewagt, er läge gestürzt mit der Edlen der Jungfraun,
Unter dem Schutt des Geklipps begraben im Schlunde des Abgrunds.
Zitternde Muse! Du wendest das Aug’ in himmlischer Rührung
Weg von der Wandernden Gram, der Verzagenden, hier an der Felskluft!
Trokne die Thrän’, und kehre den Blik, o Tochter Kronions!
Auch du schaust ja zugleich, was geschieht, und geschehen dahinfährt,
Und was geschehen wird, eh’ es erfolgt, und vollendet herannaht.
Rettungslos schien jezzo die Lag’; unendliches Elend
Drohte den Armen, getrennt in der wilden felsichten Einöd;
Ach! und die Hoffnung entfloh, und es waltete grause Verzweiflung.
Aber es sah vom erhabenen Thron des parnasischen Eigers
Mitleidsvoll auf die Noth der Verzweifelnden Föbos Apollon.
Tönendes Schwungs entflog er den zween hochragenden Gipfeln,
Und mit der Schnelle des Strahls, der von Sonne zur Sonne daherfliegt
Naht’ er dem Helios, welcher annoch, vom Gebirge beschattet,
Jenseits weilete, rings die hintere Thäler erleuchtend.
Ihn anredend befahl der in Noth heilbringende Herrscher:
Eile mir, leuchtender Gott, tagbringender, Wolkenzerstreuer!
Schwinge die goldene Geißel mit Kraft, und treibe die Rosse
Mächtig hinauf, hinlenkend am Horn des schattenden Tschuggens.
Dort, wo von unten gespaltet, noch fest die ragende Fluh droht,
Schmelze den Schnee, daß gelöset der Fels, der Unendliche, häuptlings
Stürze’ hinab auf das Scheidegeklipp’, und zermalmend die Bergwand
Fülle die gähnende Kluft, und sich ganz verwandle die Gegend!
Also sprach, lauttönend, der Gott, und enteilet im Nachhall.
Jener gehorcht’, und mit sprühendem Rad und schnaubenden Rossen
Fuhr er hinauf an das Horn, wo die Felsanhöhen Intramens
Schattend über die Kluft herbrandeten, Wolken vergleichbar.
Hier nun entsandt’ er zugleich die lichtbeflügelte Lanzen,
Glühende, spizz’, unzählige, rings in die schneeige Rizzen;
Und hell flammte die Fluh, das Geklipp’, und die vordre Gebirghöh.
Sieh! und der Strahlen Gewalt entlöste dem träufelnden Berghaupt
Einen hochher hangenden Fels; und getaummelt, entrollt er.
Aber die beiden Paar’ umfieng urplözliche Grabnacht,
Als dumpfkrachend, mit Donnergetös, der entrollende Felsen
Sank, einstürzend die Wand, die scheidende, welche getrümmert
Tief in die Spalt’, und hoch in die Luft, und hiehin und dorthin
Sprang in unzählige Stükken, ein Himmel verhüllender Schuttdampf.
Um die Betäubeten donnerte lang’, im chaotischen Wirbel,
Nah’ und fern das Gedröhn der unendlichen Felsenzertrümmrung,
Wiedergehallt vielfältiges Schalls von erbebenden Berghöhn.
Ach, und mit jeder Erschüttrung erwarteten alle mit einmal
Tief sich begraben im Schutt des zusammenstürzenden Weltalls.
Aber es heiterte jezt sich die Luft; der umhüllende Dampf sank;
Sanfterer wurden die Stöß’, es legte der heulende Sturm sich,
Und das betäubende Rollen verdonnerte. Liebliche Weste
Wehten balsamischen Hauch den Erstikten. Der farbige Bogen
Strahlete Hoffnung im fliegenden Staub der zermalmeten Felsen,
Welcher dem neuen Gebirg, wie Gewölk, abwallete ringsum;
Und im zerstreueten Rindergebrüll zum Geläute der Glokken,
Fern, von geweideten Höh’n, her halleten Laute des Lebens.
Erst nun erhob den gesunkenen Blik, umschauend, der Führer;
Sieh, und verwandelt erschien dem spähenden jezzo die Gegend.
Thal war da, wo vorhero Gebirg’, und Gebirge, wo Thal war;
Weg war das schroffe Geklipp; und, entzükkendes Wunder dem Anblik!
Jenseits schaut’ er die zwo weißschimmernde holde Gestalten
Winkend mit flatterndem Tuch; und die nicht mehr scheidende Felskluft
Brükt’ in der Trümmrungen Mitt’ ein geebneter breiter Granitweg.
Sprachlos zeigt’ er die selige Schau der erwachenden Myris,
Nahm der freudig erstaunten die Hand, und vor Seligkeit sprachlos
Eileten beide dahin in der jauchzenden Schwestern Umarmung.
Aber, wie alle nunmehr in unnennbarer Wonnentzükkung
Wieder vereint sich umschlangen, und weineten, forschend und meldend,
Alles verwirrt durcheinander, und preisend die seligen Götter;
Schwur, in der hohen Begeistrung des Danks für die Wundererrettung,
Nordfrank, nimmer zu ruhn, bis hinauf, wo nie noch ein Fuß trat,
Hoch am Apollischen Berge, durch Felsgeklüfte sich windend,
Einsam er finde den Quell, den erhabenen, wolkenverborgnen,
Welchem nur göttliche Dichter genaht, ein bleibendes Opfer
Dort am Altare zu weihn dem errettenden Föbos Apollon.
Jezt war erstiegen die Höh der weitumschauenden grünen
Wengeralp, die geengt, allmähliger Hebung, sich rechtshin
Ueber die Schulter des Tschuggens, des halbenthaupteten windet.
Blumengefild’ empfiengen sie hier, und tempische Fluren,
Sanfte, duftende, milde, voll mehr als irdischer Anmuth.
Wie, wenn ein liebendes Paar, am Tage der frohen Vermählung
Hingewandert, im trauten Gespräch, zur einsamen Moosbank
Unter der Eich’ im Hain, wo zuerst in begegnenden Blikken
Ewige Liebe gelobt die einander begegnende Seelen.
Jezzo sizzen sie da, voll Hoffnung und süßer Erinnerung,
Arm in Arm, und erwarten den Freund, und die emsige Freundin,
Welche mit Kränzen sich nahn, sie abzuführen zur Hochzeit.
Aber es dunkelt sich plötzlich der Hain; schwarz über die Häupter
Ziehn sich zusammen allmählig emporgestiegene Dämpfe,
Drükkend die Luft; es zerplazet die Wolk’, und in strömenden Güssen
Prasselt der Aether herab. Sie schlingen sich enger und enger
Unter des schirmenden Baums diklaubigen Wipfel; mit einmal
Zukket die Flamm’, und erkracht die Eich’, und in dumpfer Umdämmrung
Trift mit zerschmetterndem Mord sie der dreieinschlagende Blizstrahl.
Bang’ entfliehen die Seelen dem Staub der gelöseten Hüllen
(Asche nunmehr an der Wurzel des Baums) zur Aides Wohnung,
Stürzend betäubt in den Kahn des grausen stygischen Fährmanns,
Noch von dem Blizze geblendet, getrennt sich wähnend auf ewig.
Schreklicher noch als der Donner des oberen dunkelen Himmels,
Rollen nunmehr um die Bebenden hier, die Donner des Abgrunds,
Kerberos Bellen, das Rasseln des Rads, acherontische Brandung,
Und in der Wogen Geheul die Schläge des rudernden Charons.
So nun flieht, aus dem Leben verstürmt, durch die Schrekken des Todes,
Einer allein um den andern besorgt, das liebende Brautpaar,
Nichts anschauend als Nacht, nichts hörend als grause Verzweiflung.
Aber gelandet empfängt die erwachten Elysions Lichthain,
Blühender als der Verlaßne, voll Rosen des ewigen Lebens.
Und sie erblikken sich wieder, vereint; und schöpfen aus Lethe
Holdes Vergessen der irdischen Qual, und himmlische Jugend.
Jezzo wandeln sie selig auf nimmer verwelkenden Blumen
Und mit verkläreten Kränzen dahin, von Wonne zur Wonne,
Also wandelte jezzo der Zug, nach bestandnen Gefahren
Längst nun vergessenes Drohns, auf der sanft sich hebenden Alphöh.
Himmlische Hell’ umstrahlte den Blik, mit jeglichem Hauch sog
Reine balsamische Luft in ätherischen Zügen ihr Odem.
Unter den schwebenden Tritten beperlt im thauigen Rasen
Keimeten Veilchen empor, Enzianen, und Alpanemonen,
Oft von der hüpfenden Myris gepflükt, und vom Busen der Erde
Schöner verpflanzt, wie der Führer bemerkt’, an den Busen des Himmels.
Immer erhöhteres Leben durchströmte sie. Jezzo mit einmal
Dekte den Wandernden gänzlich sich auf das lächelnde Bergthal,
Lauterbrunnen, zur Rechten gesenkt, mit unzähligen Wundern,
Längs der geschlängelten Lütschene Lauf, in bestrahlter Vertiefung,
Ganz ein Elysion, Wonne dem Blik. In bläulicher Ferne
Gukten am Ende des Thals noch hervor der Thuna Gebirghöhn,
Und am Anfange links, wo die Lütschene hüpfet, ein Bächlein,
Sprang den bewundernden Blikken empor die krystallene Bergwelt;
Aber vor allen Gebirgen erhaben, in blendendem Vollglanz,
Hehrer als je, den Erhöhten erhöht, die ätherische Jungfrau.
Rings war unendliche Pracht; mit der wundergefülleten Aussicht
Oefneten jenen, so schien’s, sich die sämmtlichen Pforten des Himmels.
Aber noch mehr als die Höh’, und der Glanz, und die Fülle der Schönheit
Hob die Entzükkung Gefühl noch nie empfundener Urkraft
Jegliches Sinns, und Erhebung der Seel’, und des Herzens Erweitrung,
Gleichsam ein inniges Wonnegefühl unsterbliches Daseyns.
Kräftiger schlug, und doch leiser, das Herz; es schwebten die Füße
Leicht, wie beflügelt, als trügen sie nur luftähnliche Hüllen
Ohne Gewicht; und der Leib bewegte sich mit den Gedanken.
Tief in der ruhigen Brust schwieg Still’; in der heiteren Seele
Spiegelte klar sich die Sonne des inneren geistigen Himmels.
Wie auf dem Gipfel des Bergs ein See, durchsichtig und glanzhell,
Nimmer von Winden bewegt, (es erflog die Höhe der Sturm nie)
Wellenlos, in beständiger Ruh’, abspiegelt den Aether;
Also ruhte das offene Herz in friedlicher Unschuld,
Sorglos, selbst sich genug, voll Heiterkeit. Alle die trüben,
Alle (sie fühlten es selig) die heftigen Sorgen und Wünsche,
Leidenschaften des Staubs, erdklebende, himmelentfernte,
Hatten sie unten gelassen; und wunderten jezt sich, daß jemals
Solch’ ihr unsterbliches Herz anfechteten. Hier, wo dem Anblik
Sank das Getümmel der Welt, und ein Land ein grünlicher Streif schien,
Schwanden so niedrig und klein die Geschäft’ und die Sorgen der Menschen,
Auch die bedeutendsten selbst. Hier, näher dem wölbenden Himmel,
Strahlte so hell der erhabne Beruf. Sie fühlten sich Geister,
Fühlten sich äthergeborne, beflügelte Funken des Urlichts;
Und so flogen sie selig dahin. Doch selbst die Entzükkung,
Diese noch nimmer empfundne, den Alpen nur eigene Wonne,
War nicht heftig, wie irdische Lust, nicht trunken, wie Freude,
Die man in Ebenen fühlt. Ein erhabenes, heiliges Etwas
Schweigte das Brausende drin; und die Stille der thronenden Jungfrau
Theilte den Holden sich mit, und dem wortlos schreitenden Führer.
Jezt auf der luftigsten Höhe der Alp, wo am Rande des Vorbergs
Oestlich sich drehet der Weg bis hinauf zum Altare der Jungfrau
Standen sie still, und versanken gesammt in bewunderndem Anschaun.
Jezt in Entzükkung begannst du Cynthia, ringelndes Haupthaars.
Wonne! wie wird uns schon jezzo belohnt die beharrliche Kühnheit
Ueberschwenglich! o selige Schau! o himmlischer Anblik!
Fülle des Schönen! Wenn auch schon hier aufhörte die Wandrung,
Würde den mühsamsten Gang vom äußersten Pole des Erdrunds
Bis hieher, wo der Himmel beginnt, ich nimmer bereuen!
Schönste der Alpen, o sey mir gegrüßt, du Schwelle des Himmels!
Sey mir gegrüßt, holdseliges Thal, voll friedlicher Hütten,
Unten, du Wiege der ländlichen Ruh, und der fröhlichen Einfalt!
Und ihr oben, ihr glänzenden Höhn, ihr strahlende Firsten,
Schimmernde Thürme von ewigem Eis, ihr Säulen des Weltdohms!
Auch ihr, schwebende Heerden voll Klang, auf Blumen geweidet
Ueber die Wolken! und ihr, der irrenden, traurige Horten,
Ihr unschuldige Sennen, zerstreut auf luftigen Rasen,
Welch’ in der Berg’ Umarmungen ruhn am Busen des Himmels!
Also tönten, Gesang, die Worte der ältesten Schwester.
Ihr gesellte sich Daphn’, und rief voll gleicher Entzükkung:
Schönste der Alpen, ja sey mir gegrüßt, du Schwelle des Himmels!
Blikket, o blikket hinab, Geschwister! und staunet dem Anblik:
Seht! wie die Mutter voll Stolz aufhebt die Dekke des Säuglings
Einer besuchenden Freundin, die froh erstaunt der Schönheit;
Denn es strekt in der Wieg’ empor das lächelnde Kindlein
Rosige Händchen, und strozzet gesund, voll blühendes Lebens.
Also enthebt die Sonne dir jezt den neblichten Schleier,
Hold aufwachendes Thal! und zeigt uns übergebükten
Alle die Fluren und Höhn, die die lächelnde Lütschene durchwallt.
Also sprach sie, und sanft hin hallten die tönenden Worte.
Und es verfolgte der Blik des Stroms durchschlängelnden Faden
Tief im entnebelten Thal, das von hier ein blumigtes Beet schien,
Halb in dem Schatten des Bergs, und halb in der Sonne Beleuchtung.
Aber es öfnete Myris die purpurne Lippen voll Anmuth;
Und, wie durch Rosengesträuche die West’ hinsäuselen, sprach sie:
Schönste der Alpen, ich grüße dich auch, du Gattin des Himmels,
Dich, dich selbst; voll Perlen des Thaus, des ätherischen, feinen,
Himmelgeathmeten Thaus! du Mutter des duftenden Lenzflors!
Eurer gedenken wir auch, ihr kleine bescheidene Wunder,
Heilig der kindlichen Freud’, und der sanfteren Wonne der Unschuld:
Seyd uns Schwestern gegrüßt, ihr zarteren Töchter des Aethers,
Alpenblumen! ihr frischeren Keim’! ihr nimmer bestäubten
Pflanzen, den Ebenen fremd’! ihr balsamduftende Kräuter!
Nicht mit Namen zu nennen euch all’, unschuldige, weiß ich;
Aber ich lieb’ euch inniger noch als benennete Blumen;
Drükk’ an den Busen euch all’! Ihr blüht verborgen und scheinlos,
Weit von bewundernden Augen der Welt, wie Thaten der Tugend;
Aber mit Wohlgerüchen, mit himmlischen, füllt ihr die Lüfte
Rings, und in Wonne zerfließt durch euch der Strom der Entzükkung.
Also lobte den lieblichen Flor die jüngste der Schwestern.
Und von den hohen Gebirgen herab, und hinauf von der Tiefe,
Zog sie der übrigen Blikke, die froh jezt staunten der Anmuth,
Alpenrosen umringt, auf dem Blumenbeete des Abhangs.
Wie, wenn im schattigen Hain von dem abendrothlichen Ufer
Jenseits über den See die Zwillingstöne des Waldhorns,
Weithin wiedergehallt, herklingen dem ruhenden Wandrer;
Horchend dem Schall verliert er den Blik in der sinkenden Sonne
Purpurnem Glanz; es erglühen der Wald und die hallende Küste
Prachtvoll; Auge zugleich und Ohr hinzieht die Bezaubrung.
Aber die Nachtigall schlägt nah hinter ihm. Jezt von der Helle
Wendet er plötzlich den Blik, und lauscht dem heiligen Dunkel.
Also wendeten jene nunmehr von der reizenden Aussicht
Eilig die fliegende Blikke gesammt zu der sanfteren Nähe.
Sieh! und vom neuen begannst du Cynthia, fragendes Umbliks:
Schwestern, o höret mein Wort! Noch nicht an der Mitte des Himmels
Strahlet die Sonn’, und der weitere Gang, behauptet ja Nordfrank,
Wird schon leichter nachher bis hinauf zum Altare der Jungfrau;
Lagern wir denn uns ein wenig aufs Gras, derweil uns noch Blumen
Lächeln! Höher entsinkt uns die Alp; und ragende Zakken
Werden uns dort, wie es scheint, noch lang entnehmen die Aussicht;
Gar zu zauberisch fesselt mich hier der blühende Standpunkt!
Sprachs; und der fragende Blik durchflog die horchende Gruppe.
Schnell beifallend versezte die klugheitblikkende Daphne:
Ja! verweilen wir hier! auch hier ist ein Tempel der Jungfrau!
Hier stand auch mit verweilendem Tritt die große Natur still,
Als sie die Fülle der Pracht ausgoß auf Thal und Gebirge.
Mich auch fesselt, wie Cynthia, ganz die reizende Warte;
Sehn wir auch höher hinauf weit mehr, wir schauen doch schwerlich
Holderes dort als hier, das Thal tief unten, und jenseits
Eine noch sanftere Gebirge voll hangender Wiesen und Wälder.
Undank wär’ es, und ewig gereut’ uns solche Versündung,
Nicht zu verweilen ein weniges hier mit ruhiger Andacht!
Sprachs, und der fragende Blik durchflog die kleine Versammlung.
Aber erwiedernd begann die an Reiz holdselige Myris:
Traun! ihr sprecht aus der Seele mir ganz, o holdeste Schwestern!
Langsam schlürft’ ich sie gern, die Frühlingslüfte der Jungfrau
Hier (denn ihr Odem umweht uns sanft mit süßer Erfrischung
Hergetragen vom Fittig des lindansäuselnden Südes.)
Und o wie gerne verweilet’ ich! ach! ich bliebe wohl ewig,
Ohne des seligen mehr zu ersehn! Im höchsten der Himmel
Fühl’ ich mich schon; und ein süßes Genug stillt jegliche Sehnsucht.
Aber es schweigt, in sich selber gekehrt, der denkende Führer;
Hören wir ihn; er weiß, ob etwa weiteres Fortgehn
Dringt; und gehorchen wir ihm, was auch uns rathe sein Ausspruch!
Sprachs; und blikte den schweigenden an mit fragendem Lächeln.
Und es erwarteten alle gespannt die Entscheidung des Führers.
Jener versunken im Wonnegenuß des doppelten Himmels,
Deines, o holde Natur! und Deins, noch holdere Liebe!
Hatte das Wechselgespräch mit bezauberten Ohren verschlungen.
Mehr als die Höh’ und die Tief’, und das ganze bewunderte Schauspiel,
War ihm der Redenden holder Gesang; er theilte mit ihnen
Ganz die verweilende Lust, und freute sich tief in der Seele.
Aber er schwieg; denn sein Herz war voll noch höherer Wonnen,
Stillerer, nahmenloser, der Seligkeit nahe verwandter,
(Wenn nicht Seligkeit schon) seitdem ihm himmlische Ruhe
Jen’ in die Seele geblikt, und Gefühl der erwiederten Liebe.
Jezt zu den Holden gewandt erwiedert’ er, segnendes Blikkes,
Lagert euch, himmlische Töchter Uranias, holdeste Schwestern!
Lagert euch alle getrost! wir sind am Ziele der Wandrung.
Höher hinauf zwar zieht sich der Weg zum Altare der Jungfrau;
Aber, wie Daphne bemerkt’, schon hier ist der Heiligen Tempel.
Theuer auch mir ist die Alp, vor jeder bekannten mir Liebling
Aller Alpen der heiligen Schweiz; denn schwerlich auf Erden
Blüht ein Zweiter mit ihr an Pracht und Schöne vergleichbar.
Sey mir gesegnet du holde, du heilige, Schwelle des Himmels!
Sey mir auch unten gegrüßt du, fallende Thräne des Staubbachs
Jüngst ein ätherischer Strom, und jezt ein Tropfen der Tiefe!
Aber vor allen gegrüßt, vor allen entzükkenden Wundern,
Wonnegegrüßt, Ihr selbst, holdselige, schönste der Blumen,
Jungfrauheilige Drei! dreifach erhöhet ihr jeden
Zauber; und dreifach selig genießt die Bezauberung Nordfrank!
Also sprach er entzückt; und es lächelten rosig die Jungfraun,
Jezt der begeisterten Sprache gewohnt, auf die Rechnung des Dichters
Schreibend die Flamme des Manns; und am rosigsten lächelte Myris.
Aber es lagerten alle sich froh, und ergaben sich gänzlich
Deiner Betrachtung, Natur! sie verweilten ruhiger Andacht
Jezzo bei jedem besonderen Zug des großen Gemäldes
Deiner unendlichen Pracht. So sizt auf der Höhe des Pindus
Hold um Apollon vereint das Chor der pierischen Schwestern,
Blikkend herab auf die Räume der Erd’, und die rollenden Jahre,
Jegliches Schöne der Kunst, der Natur, und der Thaten bemerkend.
Denn sie schauen zugleich, was ist, was war, und was seyn wird,
Hell; und theilen es dunkel nur mit unsträflichen Sängern.
Also saßen am blumigen Hang jezt neben einander,
Hoch auf der tiefabschauenden Alp die selige Schwestern,
Frühling athmend, und schauend zugleich des Sommers und Herbstes
Untre Gefild’, und das obere Reich des ewigen Winters;
Sämmtlich in einem Verein die vier Jahrzeiten bewundernd;
Hinter den Seligen saß, noch seliger selber, der Führer,
Jedes bedeutend umher, und benennend, der Gegenden kundig.
Aber nachdem er nun alles gezeigt von der unteren Mündung
Jenes im Thal tiefwallenden Stroms bis hinauf zu dem Ursprung,
Und die Gefilde genannt, und die sämmtlichen Wunder der Aussicht;
Machten sie wieder sich auf, voll heiterer Ahndung der lezten
Höchsten Entzükkung am Ziel auf der Scheidekhöhe des Tschuggens.
Und es entsank allmählig die Alp den steigenden Füßen.
Links wand jezt sich hinauf, an dem Rükken der oberen Berghöh,
Pfadlos irrend der Gang, durch oft einhüllende Wolken,
Ueber verödnete Gräten, im Schritt unendlicher Trümmrung
Rings umher; doch es spürten auch nicht die mindeste Müde
Jezzo die Holden, gestärkt von der nervenspannenden Bergluft.
Ohn’ an Sizzen zu denken, an Ausruhn, oder nur Stillstehn,
Liefen sie, tanzten sie, hüpften sie leicht, wie Gemse der Eishöhn,
Oft wetteifernd im Flug, die eine voraus mit der andern,
Und mit dem Führer sogar, voll überirdischer Kühnheit.
O! Denn es stieg mit den steigenden jezt die ganze Gebirgwelt,
Nie noch so nahe gesehn, grenzlos, unermeßlicher Hoheit.
Dunkeler wurde die Kluft des Trümleten, dunkler und dunkler
Jene verödete Tiefe des Abgrunds, welcher den Scheidek
Trennt von der Jungfrau Fuß; stets blendender wurde der Schneeglanz;
Und stets blauer und blauer die nähere Wölbung des Himmels.
Jezt war versunken die wohnbare Welt, die Menschengebaute,
Jede Spur des geselligen Senns, des vergänglichen Daseyns,
Und des verworrenen Gewühls in dem dumpfigen Kerker des Lebens;
Auch die Wolken versanken umher, und unter den Füßen
Donnerten tiefe Gewitter, nicht mehr den steigenden hörbar.
Jezt erweiterte rings sich der Raum; und der Ewigkeit Wächter,
Jen’ in den Stürmen und Wogen der Zeit beharrliche, feste,
Nimmer erschütterte Riesen, die Erzgeböhrnen der Urwelt,
Oefneten jezzo das Thor der Unendlichkeit. Stillere Stille
Herrscht’, als jen’ in des untern Gebirgs einengenden Klüften,
Weithinschweigende Stille des Alls, Feststille des Himmels.
Und das Gefühl des Erhabnen nunmehr, das Höchste der Menschheit
Faßte der Wandernden Seelen, und hob auf Armen der Allmacht
Ueber die Schranken des Staubs der endlichen Kräfte Bedürfniß.
Feierlich stieg der gehobene Zug von Stufe zur Stufe
Hoch auf der Treppe des Tempels, des jungfrauheiligen Scheideks,
Und mit jeglicher Stufe versank ein erklommener Felsgrat,
Und mit jeglicher stieg, noch fremd, ein ragender Gipfel
Vorn’ aus der blendenden Wüste des unabsehbaren Eismeers.
Jezzo vermehrten sich rings den erhöhten die glänzenden Firsten
Endlos; schauriger wurde die Still’; es schlugen die Herzen
Kaum vor erhabner Erwartung des nah’n, jezt näheren, jezzo
Glüklich errungenen Ziels: Es betrat die Höchste der Stufen,
Tschuggens verwitterte Stirn’, im Triumph aufjauchzend, die Wallfahrt.
Höchste der Musen! o flüstre mir jezt hellklingende Laute,
Harfengewirbelte, reine, melodische, himmelgesungne,
Wenige nur von den hohen, beflügelten Urharmonieen,
Die du dem Vater gesammt vertrauest, dem heiligen Sänger
Klions, wenn er die Wunder besang des alten Olympos!
Daß mein athmender Hauch, der Chariten horchender Anmuth,
Nicht unwürdig ertöne das Fest am Altare der Jungfrau!
So wie ein liebender Jüngling, ein Edeler, welchem das Schiksal
Unerbittlich versagte das Ziel der ewigen Sehnsucht,
Seiner Geliebten Besiz (denn gar zu groß ist der Abstand
Ihrer Geburt von der Seinen) erstarrt in banger Verzweiflung,
Jezt, da dem Abschiedweinenden naht urplötzlich der Vater,
Welchem sie beide verhehlt die gegenseitige Liebe.
Aber, o Wunder! es faßt ihm die Hand der Gefürchtete freundlich,
Legt sie der Tochter darein, und spricht: Da habt ihr euch ewig!
Jener nun schaut die Geliebte nicht mehr, die mehr als das Leben
Theuer ihm ist, er umarmet sie nicht, für deren Umarmung
Erd’ und Himmel er gäbe mit Lust; er sieht nur den Vater,
Stürzt ihm zu Füßen, umfaßt ihm die Knie’, und vergißt die Vermählung
Ueber die Wonne des Danks, und die Gabe, nur voll von dem Geber.
Also, vergessend die Höh’, und den lang ersehneten Standpunkt,
Ohne sich umzusehn, wo ein Gott selbst weilte dem Anblik,
Warfen sich nieder am Gipfel gesammt, anbetend, die Holden,
Dort mit dem Führer, im flammenden Dank für des Zieles Erreichung,
Und nur dunkel empfanden sie lang’ in heiligen Schauern,
Daß sie die Höchste der Höhn jezt hub an den Busen des Himmels.
Aber nachdem sie den knieenden Dank nunmehro vollendet,
Standen sie auf, umblikkend; und sieh! verschwunden mit einmal,
Waren gesammt die Gebirg’, und gehüllt in Nebel der Umkreis.
Bis zu dem Scheitel umwallet rings das erklommene Berghaupt,
Wog’ an Woge gedrängt, ein Meer vielfarbiger Wolken,
Thal und Gebirg, und die Land’ in unendlicher Ferne bedekkend.
Aber sie kehrten den Blik nordwärts. Wie jezzo gen Süden
Alle sich wandten, o Wonne! o Bezauberung! strahlend im Vollglanz,
Sie nur enthüllt von der Scheitel zum Fuß, trat mitten im Nebel,
Zwischen verschleierten Bergen hervor die ätherische Jungfrau,
Dreimal höher, und näher, und herrlicher in dem Alleinlichte.
Hoch auf dem ewigen Thron, zwar höher und höher bisher war
Ihnen erschienen die hehre Gestalt; doch immer gelagert.
Jezzo stand sie, begegnendes Bliks, ganz waltende Göttin,
Hoch in dem Himmel das strahlende Haupt, der Fuß in dem Abgrund,
Hell im Gewande des Schnees, mit ewigem Eise bepanzert.
Und um die schimmernde Stirn erschien, durchfunkelnd den Aether,
Wie, wenn Urania winkt, ein Glanz des heiligen Urlichts.
Hinter den Wolken verbarg sich der Kreis aufragender Berge,
Welche zur Seit’ ihr stehn gleich dienenden Opferpriestern,
Alle verhüllt vor dem Blik der Erhabenen, knieend im Dunkel.
Feierlich furchtbar, allein in der ganzen verhülleten Schöpfung
Stand sie; und gegen den Thron, den krystallenen, brandeten, hochauf
Schwellend, von ferne gewälzt, die dicht anwogende Wolken;
Aber sie prallten zurück, wie Okeanos Fluten im Androhn
Rükwärts stürzen vom einsamen Fels des hohen Poseidon.
Um sie schwieg der unendliche Raum, und unter dem Thron ihr
Sank die verschleierte Welt, und die Zeit stand still bei dem Anblik.
Nur zwei Höhen der Erd’ erhellete, staunend dem Wunder
Selbst, im gehemmeten Laufe, der leuchtende Sohn Hyperions:
Jene Bewunderte dort, und hier der Bewundernden Warte
Gegenüber; die ganze Natur sonst hülleten Nebel.
Aber, wie jene nunmehr die Blikke zurük von der Göttin
Kehrten, geblendet von himmlischem Glanz; mit verkläretem Antliz
Schaute die eine die andr’; und das Haupt des begleitenden Jünglings
Leuchtete hellumstrahlt, wie der Mond im farbigen Lichtring.
Jezt auch zeigte sich nah den erstauntenden, welch’ im Hinaufgehn
Hingerissen von wonnigem Dank, nichts sahn als den Himmel,
Mitten im Gipfel ein Fels, an Bildung einem Altar gleich,
Nicht von sterblichen Händen gebaut; von Keilen des Donners
Seit Jahrtausenden kegelgeformt und zur Säule geglättet.
Vorn’ an dem Heiligen funkelte hell ein ründlicher Felsteich
Sternenerfüllt; denn es spiegelte drin der dunklere Himmel
Sichtbar am Tage die Nacht, das erhabenste Wunder der Alphöhn.
Alle nun nahten zugleich dem Altar; und es stieg die Verklärung.
Nichts erdklebendes fühlten sie mehr, nichts sterbliches jezzo;
Selige Geister erflammten sie ganz; und in höchster Begeistrung
Knieend am heiligen Stein, im Angesichte der Jungfrau,
Tönte Gesang ihr Gebet in der feirenden Stille des Aethers:
Jubel! das heilige Ziel ist erreicht! Empfange das Opfer,
Strahlende Göttin, voll Huld! wir Schwestern bringen uns selber
Feierlich dir, drei Knospen, entsproßen der edelsten Rose
Weiblicher Blüte, der Mutter, die heut’ uns schenkte der Himmel!
Alpenblumen auch preisen wir uns, voll kindlicher Einfalt,
Wonnesaugend an jeglichem Strahl des Schönen und Guten,
Und des Erhabnen, zu dir, zu dir, o Muster der Unschuld
Keimend empor! O möchten wir wehrt aufblühen der Mutter,
Wehrt aufblühen des Vaters, und wehrt des führenden Bruders!
Auch nicht unwehrt Deiner, erhabene Himmelsgenossin!
Und der Verklärung die hier uns Seligen lächelt dein Antliz!
Also beteten laut die Entzükten in heiliger Andacht;
Und zum Gebet nun gesellte den Preis, lobsingend, der Führer:
Fürstin der ewigen Alpen, ätherische, himmelgekrönte
Jungfrau! blikke mit Huld auf der Jungfraun kindliches Opfer!
Auch empfange geneigt die Huldigung ihres Begleiters!
Sey mir gegrüßt, anschauliches Bild unsichtbarer Hoheit,
Ewiger Schön’, und Hell’, und der überirdischen Allmacht!
Sey mir mit Wonne gegrüßt, als Urania! Wieder erkennt dich
Der in der tiefsten Tiefe dich sah, auf der höchsten der Höhen!
Göttin der heiligen Liebe, der ewigen! wähle die Schwestern
Dir zu Chariten stets, und mich zum opfernden Priester!
Daß uns bleib’ auch unten der Unschuld hohe Begeistrung,
Welche nur himmlisches sinnt, und den Staub der Erde verachtet!
Also tönt’ am Altar, im Heiligthume der Alpen,
Nordfranks weihendes Lied; und es streuten sämmtliche Blumen,
Die sie gepflükket im Gang auf den Stein, zum Opfer die Jungfraun,
Blumen voll süßes Gedüfts, getränkt vom ätherischen Maithau,
Heilige, nimmerberührte, die nie ein lüsterner Hinblik,
Auch nur von ferne gesengt, noch duftender seit der Verpflanzung,
Eingeschlummert, als Strauß’, an den Lilienbusen der Holden;
Diese streuten sie rings; und es blühete seit der Erschaffung
Jezzo zum ersten Mahle die Stirn’ des kahlen Gebirghaupts.
Aber das Opfer gefiel den Ewigen. Hoch vom Olympos
Schaute herab der Unsterblichen Schaar; vom Throne der Jungfrau
Lächelte, Segen im Blikke, Urania; Föbos Apollon
Schaute von Helios Wagen das Fest der siegenden Unschuld;
Selbst aufhörend im eigenen Chor, hinhorchend dem Dreiklang,
Sahn herunter vom Eiger die neun tonkundige Schwestern;
Auch die Chariten blikten herab vom Thron Aphrodites,
Hold anlächelnd sich selbst, und erstaunend dem doppelten Anblik.
Eros, der lose, versöhnt (seit der endlichen Huldigung Nordfranks,
Dort an dem Scheidegeklipp, wo sich ganz ergab der Verfolgte,
Weichend der Göttergewalt, ließ ab sein feindliches Streben)
Eros selber nun schaute herab, voll inniger Neigung,
Selber zu krönen das Fest, und das liebende Paar zu vermählen,
Heftig in jeglichem Wunsch, wie ein Kind; ein solches auch ist er.
Selbst auch Hermes hemmte den Groll, und lachte des Ausgangs
Seiner Verschwörung; denn Schaam ist fremd den seligen Göttern.
Also schauten herab die Olympier, segnend das Opfer.
Sieh! und den göttlichen Blikken zerflog der Nebel Umwölkung
Plözlich getilgt; den strahlenden wich in den untersten Schluchten
Jede Verhüllung. Das Trümmletenthal am Fuße der Jungfrau
Dämmerte bodenerhellt, und die Urnacht tagt’ in dem Abgrund.
Jen’ erhuben vom Opfer empor gefaltete Hände,
Wonnestaunend dem Kreis der gesammten verklärten Alpen,
Selber verklärt. Jezt sahn sie nicht mehr den seligen Himmel
Offen; sie standen darin; es umgab sie Herrlichkeit ringsum.
Glanz vom Scheitel zum Fuß, ein Berg von blizzenden Sternen,
Sonn’ auf Sonn’ auf einander gehäuft, schien jezzo die Jungfrau;
Hinter ihr funkelte Tschingel, und rechts Bidlesa mit Blümlis.
Glanzhell strahlte der Mönch; klar leuchteten Eiger und Mettberg;
Wellhorn flammte verklärt; es strahlete rother das Rothhorn;
Wetterhorn schien wallende Glut, es loderte Furka
Hell in der schimmernden Fern’, und heller als Sirius Titlis;
Alle Gebirgshöhn flammten, nur Licht schien jeglicher Gipfel
Rings, und ein glänzendes Feld von Blizstrahlgarben das Eismeer.
Drei Festheilige Stunden verweileten oben die Holden,
Mit dem beseligten Führer, am Hochaltare des Tschuggens,
Ueber die Erd’ erhöht im erhabensten Tempel der Jungfrau:
Nur drei Blikke, so schiens den Seligen, daurte die Feier.
Aber es bringen des Wonnegenugs und der Blüten des Lebens
Nicht so viel in dem Thal drei Frühlinge. Voll der Verklärung
Stiegen sie jezzo hinab, bewahrend im Auge den Abglanz
Jener Hell’, und im Herzen die selige Ruhe des Himmels.
Unten am Hange des Horns, hoch über die Wenger und Wergis,
(Alpen, die schönsten der Schweiz, anmuthige, Sennenbestreute)
Zwischen beiden, dem Eiger genaht, auf der Mitte des Scheideks,
Winkten dem Felsabsteigenden Zug drei hirtliche Hütten.
Nur drei Monde bewohnen im Jahr hoch über die Wolken
Solche die Hirten des Bergs, obwaltend den weidenden Heerden.
Schnell, wenn der Frühling sich neigt, und der eilende Winter herannaht,
(Denn nicht Sommer noch Herbst ist hier) wenn nirgend ein Rasen
Mehr in der Runde sich zeigt der ringsumkletternden Heerkuh,
Treiben sie tiefer herab, das Geräth oft lassend, zum Vorberg.
Sennen benennt sie die Sprache des Volks, ganz niedrige Hüttchen,
Einfach von Tannen gebaut, mit zerbrökkelten Steinen zum Obdach
Gegen den Sturz der Lawinen, und nie verschlossenem Eingang.
Senner nennt man die Eigner, der ringsumweidenden Aelpler
Höchste, genügsame, freie, der Welt unkundige Menschen,
Milder Natur, das wenige froh mit begegnenden theilend.
Gastfrei lassen die Guten zurük in verlassener Senne
Nicht nur Lager, und manches Geräth; auch einigen Vorrath,
Daß der ermüdete Wandrer, verirrt im wilden Gebirge
Solches vielleicht vorfinde, wo nicht, es opfernd den Göttern.
Jene Hütten erreichten die Vier, anstaunend, wie niemand
Drin sie erblikten; es hatten sie erst am selbigen Morgen
Ihre Bewohner verlassen, geschrekt von dem donnernden Bergfall,
Als von des Tschuggens verwittertem Haupt abstürzte das Felsstük
Jenseits, erschütternd die Alp. Es stand ein hirtliches Mahl noch
Unverzehrt auf dem Brett, wie für kommende Gäste bereitet.
Mannigfaltige Milch in reinlichen Butten, und Niedli,
Fanden die Wandernden hier, und sogar Waldnüsse zum Nachtisch.
Vorrath hatten sie selber des Brods, und hinter den Sennen
Sprudelte hell aus dem Fels ein sanfthinmurmelnder Bergquell.
Nordfrank trug aus der Senne hinaus die schäumenden Napfen,
Stellte sie hin auf den Boden, und lud die Holden zum Alpmahl.
Und sie lagerten alle sich jezt auf schwellende Moose,
Froh genießend des Mahls, an der silbernen Quelle sich labend.
Muntere Wechselgespräch’, und Wechselgesänge vom Echo
Wiedergehallt, umschufen das Brod in Ambrosia; Nektar
Wurde der kühlende Quell, und zum Festgelage das Ausruhn.
Aber nachdem sie das fröhliche Mahl nunmehro vollendet,
Und sich genugsam erquikt, und gedankt zugleich mit den Göttern
Jenen entfernten, unsichtbar, wie sie, wohlthätigen Wirthen;
Ueberließen sie ganz sich der Lust der himmlischen Lage.
Schöner als alle bisher schien diese, besonders den Schwestern,
Welche die milde Natur, die sanftanlächelnde, holde
Weit vorzogen, wie Mädchen geziemt, der herrlichen, großen,
Schreklicherhabnen, dem kühneren Geist des Mannes verwandter.
War’s die Verherrlichung oben, die noch umglänzte die Holden?
War’s die Erquikkung des Quells? war’s Ahndung? selber den Führer
Fesselte mächtiger noch, als der obere Himmel, das Hierseyn.
Ach! Unsterbliche waren sie nicht; die Schranken des Daseyns
Lassen nur Blikke des Göttlichen zu, nicht Tage der Götter!
Nur im Fluge vertragen die Seligkeit endliche Geister.
Denkend der Neige des Tags, und der hier stets hellen Gebirgnacht,
Sprach nunmehr zu den Frohen gewandt der fröhliche Führer:
Holdeste! bleiben wir hier! Nichts fehlt zum nächtlichen Ausruhn.
Gleichsam gebaut für die Chariten selbst beut dreifaches Obdach
Schuz und duftendes Lager von Alpheu, jedes gesondert;
Oder, wenn solches gefällt, ist eins für alle schon räumig.
Weit von hier ist hinab in das Thal; die leuchtende Sonne
Sinkt schon merklich; die Pfade sind rauh; durch waldige Wüsten
Senkt sich der irrsame Weg; und die Nacht hier oben ist Abend.
Kurz nur schimmert ihr Lilienblik in der rosigen Mitte
Zwischen dem Niedergang und der heiligen Frühe des Aufgangs,
Heiliger noch als sie beid’! ich selbst durchwache sie freudig.
Ungern opfert’ ich auf die höchste der himmlischen Wonnen:
Hier sie zu feiren mit euch in dem Alpenchor der Gestirne.
Segnen werdet ihr selbst den Entschluß, mir dankend den Anrath.
Denn ich verkündige hier, und es naht schon jezt die Vollendung:
Erst mit dem sinkenden Tag gehn auf die sämmtlichen Thore
Höherer Himmel als noch wir gesehn; zwar weniger blendend,
Aber noch ahndungsvoller, noch stiller, und tieferer Andacht,
Also sprach er; es willigten froh die jauchzende Mägdlein,
Eigene Wünsche gewährend; denn schon wie sämmtliche Musen
Solches allein zu besingen im Chor vermögen, wenn Foibos
Selbst sie begleitet, erschien des Abends rosiges Annahn.
Schauer, ätherische Schauer durchfuhren die schweigende Stille,
Wie sich die Sonne verbarg, weit dehnend den Schatten des Berghaupts
Ueber das Grindelenthal hinein in das schimmernde Hasli.
Plözlich erklang’s, wie das helle Gekrach einschlagender Donner,
Gegenüber; es rollten herab vom flammenden Eiger
Drei graunvolle Lawinen, mit feierlich drohnendem Nachhall.
Gleich drauf schwieg’s noch stiller wie vor; es erblaßten die Busen
Aller Gebirg’, und zugleich erglühten die ragende Stirnen.
Purpurne Nebel umwallten der Jungfrau schneeige Schultern;
Und der erröthende Mond stand hell auf der Spizze des Schrekhorns.
Aber vom unteren Berg, und den tieferen Alpen des Scheideks
Stieg durch die Stille der Luft ein Chor vielstimmiger Töne.
Fernhinhallende Laut’, hinsterbende, volle, gedämpfte,
Wechselten rings in der Heerden Geblök’, im Geläute der Glokken,
Und in dem feirenden Klang der hirtlichen Abendgesänge.
Hier und dort scholl einsam ein Horn; und die ganze Gebirgwelt
Klang ein unendliches Orgel voll Urharmonieen der Andacht.
Jezzo, wie jene schon lange gehorcht dem schwebenden Wohlklang,
Unwillkührlich begannen sie selbst ein fröhliches Danklied,
Und mit gewirbelten Tönen begleitete flötend der Führer.
Aber, wie jezzo das Thal sich dunkelte, tief in dem Schatten,
Zwiefach geworfen, vom Monde zugleich und der sinkenden Sonne,
Schwieg dein Tempel, Natur! und das Lied der feirenden Holden.
Heiliger wurde die Still’, und die Nacht stieg nieder vom Himmel.
Während noch ruhte der Tag auf der Berg’ ätherischen Gipfeln.
Muse, du schweigst! Du würdigst nicht dem morgenden Dichter
Vorzusingen, was nur die Verklärteren hören am Abend
Ihres vollendeten Laufs im Kreis der krönenden Schwestern.
Ach! ich singe sie nicht! ich sah sie einst, wo die Holden
Jezt anbeten, die heilige Nacht auf der Höhe des Scheideks;
Sah des scheidenden Helios Kuß auf die Stirne der Jungfrau;
Sah des Hesperos Rosen gestreut auf die Gipfelaltäre;
Schaute den überirdischen Glanz des heiligen, milden,
Farblos schimmernden Lichts in dem Heiligthume der Alpen;
Ach! und den näheren Mond, und die nicht mehr schillernde Sterne:
Sah’s; und hörte das Schweigen der Welt vor dem Schöpfer des Himmels,
Feirender noch als der Sphären Gesang voll ewiger Andacht.
Ach! ich sah sie, und hörte sie dort; und tief in der Seele
Bleibt mir der Jungfrau Nacht, und des Allerheiligsten Abglanz;
Aber ich singe sie nicht; denn säng’ ich die himmlische, stürb’ ich,
Noch nicht reif dem Triumph, noch weit vom Ziel der Begeistrung.
