Inhalt
Nacht. Dem träumenden Nordfrank werden der vorigen Tage Begebenheiten durch die homerische Muse vorübergeführt. Anlaß und Einleitung der Reise. Vereitelte Abfahrt mit dem Thunerwagen. Die Jungfrauen beschließen einmüthig die Wanderung zu Fuß, und erreichen, erschöpft von der Mittagshizze, einen von dem Führer angezeigten Brunnen, wo sie sich erquikken. Feierliche Weihe des Dichters, der in ihnen die Grazien erkennt. Während sie im Schatten ausruhen eilt er zum nahebelegenen Dorf und erhält ein Fuhrwerk. Von ihm selber gefahren rollen die Jungfrauen in fröhlichem Jauchzen nach Thun, wo sie bei Sonnenuntergang im Wirthshause zum Freihof einkehren.
Ringsum ruhte nun sanft in mitternächtlicher Stille
Friedlicher Hirten Gewühl auf den mondumleuchteten Alpen.
Nirgend hallte der Laut des mühsam regen Gewerbes,
Nirgend der feirende Klang gesellig erhöhter Ergözzung
Alles lebendige schwieg; und der nahrungsausaugende Erdball
Lag, ein schlafendes Kind an der Brust des lächelnden Himmels.
Sie, die Lieblichen selbst, umgaukelten Träume der Unschuld,
Aethergewebte, dem Mond’ entflatterte, himmelentsproßne,
Die sich von weitem noch nie dem reinsten der Jünglinge nahten.
Selber der feinste Gedank’ erdrükte der Feineren Zartbau,
Ach! und das reinste Gefühl versengte der Heiligen Fittig,
Wenn sich erkühnet ein Mann, die Namenlosen zu nennen.
Einst am kronenden Abend des Redlichen, dem die Erlösung
Nach den Kämpfen der Pflicht nun winkt in dem Blikke des Engels,
Welcher die Fakkel der Erd’ ihm löscht, eröffnend den Himmel,
Träumt ein sterbender Greis den Traum der schlafenden Jungfrau.
Aber es schwebten vorüber dem Blik des schlummernden Nordfranks
Leicht an einander gereiht, ein Heer, der gestrigen Wandrung
Und des vorigen Tages zerstreute Begebnisse, langsam,
Hexametrischen Takts, geführt von homerischen Göttern.
Gleichsam lebender ward dem Träumenden alles, und heilig.
Führe vorüber den Traum, du holdeste Freundin der Wahrheit!
Nicht, was in Stükken sich traf, was im Ganzen geschah, ist Geschichte.
Lange schon hatte versprochen die Fahrt zur gepriesenen Jungfrau
Seinen erwachsenen Töchtern der Gutsherr Andros von Bonal,
Welcher seit einigen Monden in Bern, von jedem verehret,
Aber mit wenigen freundlich vertraut, halb Fremdling, sich aufhielt.
Immer mit anderer Wohl, sich selbst aufopfernd, beschäftigt,
Hatte zur Stadt ihn geführt ein Bemühn für die Schulen des Landvolks,
Dort bei den gnädigen Herrn; er selbst sonst liebte die Stadt nicht.
Eins mit ihm in Bestreben und Zwek, und in jeglicher Neigung,
Sonderlich aber in Hirtengeschmak, und in Liebe zur alten
Eidgenössischen Sitt’ und Natürlichkeit, lebte der Bergfreund,
Welcher mit ihm viel Reisen gemacht, der bewanderte Nordfrank.
Dieser war ihm aus Bonal gefolgt, wo die Gattin zurükblieb
Mit den untrennlichen Töchtern, derweil die Männer besorgten
Ihre Geschäft’ in der Stadt. Doch es fand der Vater, daß langsam
Eilen würde die Sach’ und daß Monate dürften darauf gehn.
Also sandt’ er den Freund, die Geliebten zu holen; und alle
Haußten nunmehr beisammen in Bern, wie ehemals in Bonal,
Nicht viel fragend nach diesem und dem, in häuslicher Eintracht.
Aber es fragete dieser und der nach den lieblichen Schwestern,
Welche durch blühende Reiz’, und besonders sittsamen Anstand,
Allen Holden der Stadt vorstrahleten, immer vereinigt.
Sonderlich machte dem Hause den Hof ein stattlicher Hauptmann,
Der von französischem Dienst aus Paris seit kurzem zurükkam,
Widrig den Eltern, den Holden noch mehr, und am meisten dem Nordfrank.
Jener, sobald er erfahren den Plan zu der Wandrung ins Hochland,
Drang sich als Ritter den Wandernden auf, und hemmte die Reise.
Vorwand ließ den Verlegnen zum Glük einfallender Regen,
Später ein dringendes neues Geschäft, das den Vater zurükhielt;
Ach! und es wurde zulezt fast aufgegeben die Lustfahrt.
Aber es sann auf ein Mittel, die Tochter zu freun am Geburtstag
Seiner Theone das liebende Herz des treflichen Andros.
Also sprach zu der Gattin gewandt der gesegnete Vater:
Trauteste! mir ist erschienen im Traum ein himmlischer Anblik
Welcher noch wach mich verfolgt, und das Herz mir füllt mit Verlangen
Wahrzumachen des schönen Fantoms holdselige Dichtung.
Sieh! es stand mir vor Auge verklärt, in lebender Anmuth,
Gleich dir, holdeste Gattin, am Brautaltare der Hochzeit
Rosenbekränzt, hellschimmerndes Haupts, die ätherische Jungfrau,
Welcher zu nahn wir beschlossen die jezt vereitelte Wallfahrt.
Vor ihr knieten himmlisch verklärt in verschlungener Unschuld
Unsere Töchter, den Chariten gleich am Thron Aphroditas;
Hinter der heiligen Grupp’ in der Hand den Apollischen Lorbeer
Stand der erhabene Mönch, der Hohepriester der Jungfrau,
Aehnlich in allem dem herrlichen Gast, in welchem wir beide
Fanden den Sohn, den der Himmel versagt, und die Mädchen den Bruder.
Wünscht’ ich doch herzlich erfüllet den Traum! Denn es sendete wahrlich
Solchen ein Himmlischer mir; auch freut’ ich so gerne die Töchter
Mit der Erfüllung! Wie wär’ es wenn jezt am künftigen Sonntag
Ihnen wir gönnten die Kehr’ im Gefolge des herrlichen Junglings?
Grad’ am Geburtstag würden sie dort auf dem ragenden Scheidek
Angelangt darstellen das Bild der geträumeten Weihe.
Lächelnd erwiederte drauf die sanfte verständige Gattin;
Herzlich, geliebtester! gönnt’ ich die Lust den Inniggeliebten;
Auch vertraut’ ich sie gerne dem Schuz des redlichen Jünglings;
Aber mich schrekt das Gerede der Stadt, der Verklatschenden, einzig.
Glaubst Du, es werde der kleinliche Neid, und die müßige Schelsucht
Schweigen dazu, wenn die Mädchen allein mit dem fremden Genossen,
Also dahinziehn? Leider! das Rein’ ist rein nur den Reinen!
Und wir leben nicht mehr in der Zeit der Geßnerischen Hirten,
Wenn auch Hirten noch selbst, im idyllischen Lande des Dichters.
Drauf erwiedertest Du, treuherziger Andros von Bonal:
Dies ist eben das Kranke der Zeit, und die Schwäche der Schwachheit,
Daß auch die Besseren selbst ihr Betragen nach Schlechteren richten,
Und daß die Sitte ihr Gesez von dem Ungesitteten hernimmt.
Scheu vor der Welt ist geworden dadurch die Scheu vor den Göttern;
Ach! und es herbt in dem innersten Keim das Gute durch Scheinfurcht,
Seitdem löblich nur ist was stimmt mit verkünstelter Sitte.
Sittlich ist mir, was Sittsame thun; unschuldiges schuldlos,
Und was Dir, Herzreine, gefällt braucht nimmer den Beifall
Einer verdorbenen Stadt; es gebietet denselben, und obsiegt,
Troz dem Gerede. Wenn nichts Du sonst dagegen als Einwand
Heimlich im Busen verbirgst, gestatte das Recht dem Verdienste,
Und der geprüfeten Tugend den Lohn, und dem Traum die Erfüllung!
Lange besprachen sich über die Fahrt die Beiden; zulezt doch
Wurden sie eins im Entschluß, den sie gleich mittheilten den Kindern
Meldend dem Freunde zugleich das Loos der alleinigen Führung.
Also sprach zu den vier eintretenden festlich der Vater:
Acht gegeben, ihr Kinder, dem Wort, das jezt ich verkünde!
Naht ihr Mädchen der Mutter euch dort, der Lächelnden, langsam
Hand in Hand, und knieend empfangt die vergönnte Gewährung
Eures Gesuchs! Du Sohn des Olympos, umweltlicher Jüngling,
Dem zu dem himmlischen Flügel des Lichts ein waltender Gott gab,
Stelle dich hinter den Drein und empfah mit ihnen den Segen!
So wie, Geliebt’, ihr jezzo nun kniet, so standet im Traum ihr
Alle mir jüngst; so werdet ihr bald an dem nahen Geburtstag
Stehn auf des Scheideks Höh’ im Gesicht der thronenden Jungfrau,
Welcher zu nahn euch der Vater erlaubt mit der Mutter Genehmung.
Wandelt dahin von dem Freunde geführt in der Wonne der Unschuld!
Und dort oben am hohen Altar der erhabenen Göttin
Feiert der Mutter Geburt in der Andacht Wonne Begeistrung,
Hochgehoben im Arm der Natur, an dem Busen des Himmels!
Hirt den Hirtinnen sey, und Geleiter der sinnige Nordfrank,
Dem ich als Bruder die Führung vertrau’ und jegliche Vollmacht
Eigener Hut; so lohn’ ich den Freund, der die Gattin mir rettet’
Als sie entführten die Rasenden dort in der Hölle des Schwarzwalds.
Nimmer vergeß ich die Nacht, und die Hilfe des tapferen Junglings.
Aber es küßte der knieenden Stirn’ aufstehend die Mutter;
Und es weineten alle gerührt; der erkohrene Führer
Küßte die segnende Hand, und mit Thränen gekehrt zu dem Vater,
Schwur dem Vertrauenden ewige Treue sein kräftiger Handdruk.
Kaum war also beschlossen der Zug in der Straße wo Berchtolds
Thurm sich erhebt, als bestellt ward eilig die Post, die des Sonntags
Längs der begegnenden Aar’ anrollt bis hinauf zu der Thuna,
Schon erreichten die Drei, an der Spiz’ ihr Geleiter, das Posthaus,
Eine Minute zu spät nach der vorgeschriebenen Ankunft;
Aber des Wagens gewiß. Denn zur Sicherheit waren die Pläze
Tages vorher schon bezahlt; und es pflegt das sinnige Bärvolk
Zeit sich zu geben zur Fahrt. Eilweilender Schnelle nur kundig,
Schlentert der hinkende Bote den Weg, und schreitet bedachtsam
Selbst in dringenden Fällen die Post. Auch nimmer erhört war
Seit Ur-Berner-Gedenken ein Fall der pünktlichen Abfahrt.
Aber ein andres erfann voll Tükke Hermeias, der Postgott.
Fernher sprang er vom Niesen herab in die Hormatsarkade.
Aehnlich dem Meister der Post an Gang, an Gebehrd’, und an Stimme,
Rief er im Vierthel nach zwölf dem Pfeif’ anzündenden Fuhrknecht:
Zu! Was ergrimmet der Herr? antwortete dieser vom Bok ab,
Noch sind die Leute nicht da! — Thut nichts, rief wieder Hermeias,
Räsonnire mir nicht, und gehorsame! Zu! wiederhol’ ich,
Zu! Die Minut ist vorbei! Die Post muß eilen! nur zu! ди! —
Ach! und verblüft fuhr schnell mit dem leeren Geroll er den Rain ab,
Aber der listige Gott flog wieder hinauf; und vom Gipfel
Jener erhabenen Felspyramid’ in der Vorne des Hochlands
Schaut’ er nahen die Vier, lautlachend, daß alle die Hörner
Auch der entferntesten Alpen umher nachhalleten, grausam
Mischend das Echogelach mit dem Rainabschmetternden Klitsch Klatsch.
Jene nun standen getäuscht, und sahn voll Staunen den Wagen
Rollen am Ende des Rains. Laut seufzete Myris, und Daphne
Weint, und Cynthia schmollt, und es fluchte der stürmische Nordfrank
Ach umsonst! Denn es hemmt den Treiber der Post und der Toden
Weder Thräne noch Fluch. Es scholl sein unendliches Lachen
Nur noch lauter wie vor; denn ein Unbarmherziger ist er.
Als nunmehr war verschwunden die Fuhr, und unmöglich der Rükruf,
Wandte sich schnell zu den Holden der herzerbitterte Nordfrank,
Bergend im Busen den Zorn, und sprach die gelassenen Worte
Trauteste! lassen wir heut, umkehrend nach Hause, die Wallfahrt;
Morgen ist wieder ein Tag, auch übermorgen, und Mittwoch!
Nicht scheint dieser uns glüklich zu seyn; ich rathe zur Rükkehr;
Mißlicher Reisebeginn ist Wink des Himmels zur Warnung.
Schnell erwiedertest drauf du, Cynthia, muthiges Herzens:
Nimmer erreichet den Schluß, wen gleich abschrekket der Anfang!
Kämen wir heute nicht fort, dann kämen wir nie zu der Jungfrau.
Haben wir alle doch Füße, mein Rath ist, diese zu brauchen.
Leicht trägt jed’ ihr Bündel; ich laufe voraus; — und sie lief schon.
Beifall lächelnd dem Rath nachhüpften ihr Myris und Daphne.
Und, weil staunend dem Muth noch stand der bewundernde Nordfrank,
Tanzten entschloßen die drei, Hermeias zum Trotze, den Rain ab
Inniglich freute sich drob der Begleitende; rieth er doch ungern
Umzukehren! ihm selbst war Hinderniß Sporn, und Gefahr Lust.
Aber er hatte die Meinung verstellt aus schonender Sorgfalt.
Jezzo deutet’ er anders den Wink des gewendeten Unfalls,
Lief den enteilenden nach, und zwang sie mit flehenden Bitten
Ihm die reizende Bürde der Nachtzeugsbündel zu lassen.
Lange sträubten sie sich, die Begeisterten, wahnend es trüge
Jede leichter ein Drittel der Last, als er die gesammte
Neben der seinen, allein; doch endlich knüpft’ an den Stok ihm
Eine der andern nach ihr Bündelchen; und, wie das Siegsroß,
Froh der getragenen Last, schritt leichter er, stolzes Triumphgangs,
Zwischen den Holden einher. Heiß glühte der sonnige Mittag,
Und der Wandernden Stirn’ enttröpfelten Perlen der Mattheit.
Dennoch strebten sie weiter, gehüllt in Wolken des Staubwegs,
Sonnenschirm ausspreitend die Drei, vom Dorfe zu Dorfe,
Jener voraus, ansprechend um Fuhr, was zu Pferde daher kam,
Oder im Wagen. Umsonst! es scheiterte jede Bemühung.
Almdingen hatten sie schon auf den Rükken, und Rubikon vor sich;
Nicht den Italischen Strom, wo Cäsar wagte den Glükssprung,
Sondern das Bernische Dorf, das bald der staunenden Nachwelt
Strahlender noch wird bekannt, als das schon längst troknende Stromlein.
Jenes Rubikon trägt nur Lukans wildwieherndes Kriegsroß,
Dieses der Chariten Schwan auf Fittigen tönendes Fluges
Der Unsterblichkeit zu. Selbst dann, wenn Schlachten und Sieger
Länger die Erde nicht preißt, dann lallen noch Stimmen der Unschuld
Friedlicher Musen Gesang, und der Grazien Wandrung zur Jungfrau,
Ohmweit Rubikon hebet sich rechts von der Ebne des Heerwegs
Lieblich ein Hügel, bespült von der sanfthinwallenden Aare,
Mählig erhöht, weichgrasig, gemach dem müdsten Wandrer.
Dorthin laden von Fern, drei weit vorherrschende Bäume,
Wipfelverschlungen, sich ähnlich an Wuchs und dichter Belaubung;
Auch in der Mitt ein sprudelnder Quell, deß kühlige Grundfluth
Künstlich emporgetrieben, dem Stein, dem gehauenen, rastlos
Durch die metallenen Mündungen strömt mit dreifachem Strahlguß.
Unten empfångt die krystallene Füll ein marmornes Bekken,
Dem aus verborgener Öfnung entfleußt unsichtbar am Boden
Wieder, die Matten erfrischend, der Guß des gewaltigen Urquells.
Kundig der Gegend entdekte den Ort, umblikkend, der Führer,
Dem auf der sorgenden Brust lag schwer, wie ein Berg, die Erschöpfung
Jener geführeten Drei, die Durst schon martert’ und Fußweh.
Und er bewegte mit stotternder Müh’ am trockenen Gaumen
Jezzo die klebende Zung’, und sprach die stöhnenden Worte:
Wenden wir ab ein wenig vom Weg, holdselige Jungfraun!
Rechts, wo mählig hinauf weichgrasige Matten emporblühn,
Bis zum Altare der drei dort weit vorherrschenden Bäume?
Gar zu erstikkend ist hier die Schwül’ im wirbelnden Wegstaub,
Auch ist der Boden den Füßchen zu hart; dort oben ist Kühlung,
Labsal auch für den Durst, und gemächliches Lager zum Ausruhn.
Während euch dort in den Schatten erquikt nothwendige Stärkung,
Eil ich zurük und durchfliege das Dorf von Wohnung zu Wohnung,
Bis ich jemand gefunden, der Pferd’ und Wagen daheim hat,
Und für klingende Bazen nach Thun uns heute noch hinfährt.
Sprachs; und es nikketen Ja! die Drei, zu müde dem Wörteln.
Sieh! und sie folgten, nicht ohne Gestöhn, auf blumigtem Grase
Mählig hinauf bis zum Brunnenaltar dem ermunternden Führer.
Hier nun warfen die Müden sich gleich, kaum achtend den Quellsprung,
Auf dem beblümeten Moose dahin in der Wipfel Umschattung,
Sanft, wie im weichesten Flaume, sich bettend im duftigen Grase.
Aber es sprudelte gar zu genehm die erfrischende Kühlung,
Winkend mit silbernem Strahl, herrufend mit süßem Gemurmel.
Auf bald sprangen sie, halb schon erquikt vom labenden Anblik.
Hüpfend zugleich auf den schlüpfrigen Rand des gefülleten Bekkens,
Und, anfügend den drein Springrohren die lechzenden Lippen,
Tranken sie, über und über besprizt vom Gesprudel des Quellstrahls;
Stiegen dann wieder hinab, ausziehend die niedlichen Handschuh,
Welche das Sprudeln benezt, mit Müh; und tunkend zum Handglied
Tief in das Bekken, bis über den Puls, die Lilienhändchen,
Spülten sie dies in dem hellen Krystall, bis roth sie ergluhten.
Noch nicht hatte getrunken der Held, vergessend den Durstdrang
Ueber der Holden Erlabung, und froh des lieblichen Anschauns;
Aber nun fühlt er in brennender Brust ein doppeltes Lechzen,
Nahte sich jenen erglühend, und sprach die begeisterten Worte:
Himmlische! nimmer ist mehr mir verhüllt, was lange verborgen
Ihr dem Begleitenden hielt. Ihr seyd pierische Schwestern,
Oder die Chariten selbst! O Heil mir, daß von dem Schiksal
Wurde vergönnet mir Sterblichen hier der Unsterblichen Anblik!
Aber es lächelten, über die Red’ erröthend, die Jungfraun,
Läugnend die Himmelgeburt, und beschuldigend jenen des Schmeichelns.
Doch der strafenden Worte Gesang, und das zürnende Lächeln,
Und das ätherische Rosenerglühn auf jeglicher Wange
Zeigte nur klarer, daß recht er gesehn, der begeisterte Führer.
Hier ist Helikon, rief er entzukt, o würdiget huldreich,
Daß, an der Grazien Händen geführt zum Quell Aganippes,
Selbst aus der Grazien Händen nun auch ich trinke die Weihung,
Löschend den Durst, der im Busen mir glüht! o Holde! gewährt mir!
Jene verstanden nicht gleich die Bitt’, ob aber nur scheinbar?
Dies zu entscheiden vermochte wohl nie der Sterblichen einer.
Aber es machte durch Zeichen es bald der Flehende kundig.
Niedergeworfen aufs Kniee vor den dreimahlheiligen Schwestern,
Strekt’ er empor die gehöhlete Hand, hinweisend auf ihre
Hände, zugleich auf den Quell, und den lechzenden Mund, ihn eröffnend.
Und es gewähreten hold die verschämt umblikkenden Jungfraun,
Spahend, ob keiner die Feierlichkeit von Ferne belauschte,
Sieh, und es rundete jede die Hand zum rosigen Becher
Eine der anderen nach, hinhaltend unter den Rohrguß;
Reichte dem Knieenden dann die gefüllete.
Nektar des Himmels glaubte zu trinken, verklärt, ein Gott, der taumelnde Jüngling.
Also schlürst den ätherischen Thau aus blumigen Kelchen,
Psyche, dein Vögelchen wonneberauscht; so trinkest du, Psyche,
Selbst an Elysions Quell des vergessenen Lebens Verjüngung.
Dreimal füllete jede die Hand, und es schlürfete neunmal
Mehr als pierische Wonne der Mund des seeligen Nordfranks.
Wiedergebohren, von Freude berauscht nun, sprang er den Hügel
Hurtig hinab in das Dorf. Dort flog er von Wohnung zu Wohnung,
Bis er am Ende, nach vielem Bemuhn, ausspüret’ ein Fuhrwerk,
Welches sogleich er bestellt, abholend, indes es bespannt ward
Jene gelagerten Drei vom Altar des heiligen Quellhayns.
Endlich bestiegen sie alle nunmehr den helvetischen Wagen,
Wägli genannt, kleinrädrig, mit zween Sizbretern gerüstet;
Vorn ein muthiges Pferdchen, das selbst der fithrende Held trieb,
Hinten gestekt in den Korb das Bübchen, deß Siz er sich ausbat.
Als nun zurecht sich gesezt, nach Gelegenheit, nicht zu gemachlich,
Auf Heubündelchen duftendes Hauchs die lachenden Jungfraun,
Schwang er die Geissel erklatschendes Schwungs und es fuhr im Galopp fort
Schnell wie der Pfeil, durchs Gewirbels des Staubs das rasselnde Waglein
So durch Münsingen eilte dahin, und das fruchtbare Wichtrach,
Immer auf ebenem Wege gerollt das lustige Fuhrwerk,
Unter der Mädchen Gesang, und dem Hun des feirenden Landvolks,
Welches in Sonntagskleidern geschmükt juchheyend des Wegs kam.
O! wie fuhren vorüber, im Flug, die begegnenden Schaaren
Links und rechts! Weingarten und Hof, und Wiesen und Wälder
Nahten und schwanden, dem Blik ein Gemisch vielfarbiges Zaubers.
Schon lag hinter dem Rükken versenkt Gurtinias Anhöh,
Neben dem waldumrauscheten Belp und dem tannigen Langberg;
Und, jenseits des Behausungen rings durchschlangelnden Aarstroms,
Nahte zur Rechten der Dohm des weithinschattenden Stokhorns.
Immer erhabener stieg, vorherrschend, im naheren Hochland
Niesens spizziger Fels, die Naturpyramide der Alpen;
Und als über den bebenden Holzschwibbogen des Zühlbachs
Rollte die Fuhr, stieg plötzlich empor, blikblendendes Schneescheins,
Gegenüber der Gletscher Olymp, in der Mitte die Jungfrau.
Noch nur langsam lenkte hinab mit strafferen Zügeln
Helios dort das entflammte Gespann des strahlenden Wagens,
Als in das Fenstererglimmende Thun voll Feier des Sonntags,
Mitten ins frohe Gewühl einrasselte jezzo das Fuhrwerk.
Froh durch die Haufen des Markts und die rings vollwimmelnden Straßen
Fuhren sie, freundlich begrüßt von dem feingesitteten Stadtvolk,
Bis zu der unteren Stadt, wo, zum weitgepriesenen Freihof
Eingekehrt, sie den Abend am fröhlichen Mahle verscherzten,
Und durch erquikkenden Schlaf sich stärkten zur morgenden Wandrung.
