Das ErwachenAn Jens Emanuel Baggesen.Eingeschlummert unter Regenschauern,Als der Herbstwind an mein Fenster schlug,Und vorwinterliches trübes TrauernHemmte jeden freien Fittigflug;Und erweckt vom milden Sonnenlichte,Das sich freundlich durch die Wimper stahl,Fiel mein erster Blick auf die Gedichte,Aus Athene’s neuem Göttersaal.Kindheitsfreuden, Morgentraum des Lebens,Heitrer Scherz und Wehmuths-Frühlingsthau,Süße Lehr’ (o töne nicht vergebens!)Und der Hainbrief, der die BlumenauFroher Jugend, und die holden ZeitenBeßrer Tage mir vorüber führt,Wo sich milderhellte Schatten breiten,Und sich sanft der Sehnsuchtstraum verliert...Wehmuths- Sehnsuchts- und Erinnrungskränze,Süßer Sänger, ordnest du um mich;Und aus unsrer Jugend heiterm LenzeAthmet mir Erquickung her durch dich.Ewig junger, seelenwarmer, blauerPsycharide, aus Apollons Hain,Sage, welcher bunte BlüthenschauerTrug aus Mus’ und GrazienvereinDich im Schooße sanfter, süßer, lauerFrühlingswinde, von Kastalia’s Quelle,Aus der ewigheitern Strahlenhelle,In das Land, wo seltnes SonnenlichtKaum die trübe Nebeldämmrung bricht?Fern von Pindus vollen HarmonienUnd von allen Zaubermelodien,Denen trunken einst dein Geist gelauscht,Und in dunkeln Myrt’- und Lorbeerwäldern,In des Peneus immergrünen Feldern,Wonn’ um Wonne selig eingetauscht,Bald um Daphnens dunkle Locken gaukelnd,Bald am Bach dich unter Rosen schaukelnd;Drauf, selbst Tempe’s Wonnethal entflohn,Kreisend um Olymp und Pelion,Was du da im süßen Traum empfunden,Vor der Wandlung in die Körperwelt,Ist’s was dir, mit weinend-selig-wunden-Süßem Nachgefühl, den Busen schwellt;Ist’s was uns, beim hohen FlügelschlageDeiner Lieder, bald mit holdem Scherz,Bald mit leiser sanftverhallter Klage,Füllt das tiefbewegte frohe Herz;Daß ins Lächeln süße Thränen rinnen,Und der Wehmuth heil’ge Charitinnen,Sanft umhüllen den entschlafnen Schmerz;Ist’s was dir des Lebens DornenpfadeOft mit schmerzbethauten Rosen schmückt;Hierseits selbst, letheischem Gestade,Dich beneidenswerth und hochbeglückt.Dich, dem keine Blüthe je verblühte,Der Begeistrung Flamme nie verglühte;Nie der süße Liederquell versiegt,Noch der zarte Rosenduft verfliegt.Dich, den ewig jung und ewig warmPolyhimnia auf dem StrahlenarmHoch empor hebt aus der Dichter Schwarm.