Hauchet scharf, ihr nördlichen Winde! Zerreisset die flatternden Blumengehänge, und verstreuet sie weit umher auf dem wilden See! Sinket erstorben herab in den Kahn, ihr grünen gewölbten Laubbögen! Herab! Was nützt ihr da oben? Sie fährt nicht mit mir, für die ich sie wölbte. Nein, sie fährt nicht mit mir; umsonst erwart’ ich das süsse engelreine Mädchen!
Ich Thor, der ich war, ich Hartherziger! Meine Schuld ist’s, dass sie mich flieht! O noch höre ich ihre Weigerung, noch klinget ihr Verweis in meinen Ohren! Bitter, wie falber Wermuth, ist er, und strenge, wie unreife Schlehen. Ach! Ihre Stimme, ihre Worte — so lieblich, so sanft, und der Ton, mit dem sie sprach, so himmlischreitzend — ach! reitzender als schmachtender Nachtigallen Gesang — und doch, doch drang er mir herb in die Seele, doch blutet mein klopfendes Herz. Denn ich fühle es, ich fühle mich schuldig, schuldig vor dir, Geliebteste, und vor der frommen Tugend, die dem Armen zu helfen gebeut!
Da sass ich im buntgeschmückten Kahne, sang, und wartete deiner. Bald solltest du da seyn, um mit mir auf den glänzenden See zu fahren. Mein Herz schlug dir verlangend entgegen. Ein armer Greis wankte am Knotenstabe heran, und bat, ich sollte ihn über den See bringen. Da wies ich ihn ab. Was sollte uns der Gesellschafter? dachte ich. Traurig gieng er zurücke, und traf dich auf seinem Wege, und klagte dir sein widrig Geschicke. Ach, da giengst du mit ihm gütig nach deiner Hütte, und liessest mich bange bange warten. Und als ich dich abzuholen dahinkam, Mädchen, was sprachest du da? Irin! sprachest du sittsam, kannst du auch hart seyn? Bedenke, wer die Armen nicht liebet, den lieben auch die Götter nicht: ich wage es heute nicht mit dir in den zerbrechlichen Kahn zu steigen. O ihr heiligen Nymphen, ihr Götter! Wie stand ich itzt da? Wusste ich auch, was ich dachte? Wusste ich, wie mir zu Muthe war? Ach nein, ihr heiligen Nymphen! Ich weiss nicht, wie ich aus der Hütte kam. Da bin ich nun wieder am Ufer, und traure.
O hauchet scharf, ihr nördlichen Winde! Zerreisset die flatternden Blumenkränze, und die umsonst — ach, umsonst so schön gewölbte Laube auf dem Kahn! Welket ihr bunten Blümchen, welket ab! Was nützt ihr da oben? Sie kömmt nicht, die süsseste Schöne, sie kömmt nicht! —
Ich armer Junge! Da sitz ich nun! Verlassen, wie die verwittibte Bachstelze, der ein böser Geyer das liebende Männchen geraubt hat, sitz’ ich hier, und traure! Ach! warum hörte ich den bittenden Greisen nicht? Warum musste mein Hartsinn dem lieblichsten Mädchen missfallen? O Venus, mächtigste Venus, die du getrennte Liebende wieder vereinigst, gütigste Göttinn! höre mich! Lehre mich, mein süsses Mädchen wieder besänftigen! Die grösste schönfarbigste Muschel will ich an deinen Opferaltar hängen mit zwey drinnsitzenden jungen Täubchen. O höre mich, gütigste Venus, die du getrennte Liebende wieder vereinigst, und lehre mich, mein süsses Mädchen wieder besänftigen! —
Aber was beginne ich, das meinen Fehler vergütet? Was will ich thun, das ihr gefällt? Ha! Ich will laufen, was meine Beine vermögen, will den Greisen aufsuchen, will ihn bitten, ins Schiffchen zu kommen, und ihn über den See setzen. Dann geh’ ich zu meinem Mädchen, und sag’ ihr: Sieh, Meta, sieh! ich habe meinen Fehler verbessert, der Greis ist am andern Ufer: du vergiebst mir doch? O dann wird sie mir vergeben, dann will ich sie in die Arme schliessen, so enge, wie das Epheu den Baum umschliesset. O wie süss, wie süss wird’s da seyn? Ach, dann fährt sie mit mir auf den See; ihr Blumenbögen! o welket nicht, bis sie kömmt, welket nicht! Schweiget, ihr Winde! Sie kömmt, sie kömmt! Ich eile den Greisen zu suchen.