Τὸ δὲ φυᾷ κράτιστον ἅπαν·
Was von der Natur komt ist das beste!
Pindar.
Es ward dem Menschen angeboren das
Zu ehren welches Gott dem Menschen giebt,
Und mehr als jenes was er selbst erwirbt;
Bezeichnet mit der Gottheit Siegel reißt
Es die Bewundrung nach sich, aber auch
Den blassen Neid. Des schönen Weibes Blick
Der sanft und feucht aus grossen Augen stralt,
Unkundig seiner Siege, wie der Mond,
Der sanft herschimmernd Flut und Ebbe wirkt,
Der Blick dem jeder Jüngling huldigt, reizt
Der welkenden Matrone Neid, den Groll
Der häßlichen und ihrer Zunge Gift.
Sei mutig wie Achilleus, ein Thersit
Wird deiner spotten, sei ein Philosph,
Nicht deren einer welche das Skelet
Der Weisheit zeichnen auf des Hörsaals Tafel,
Und nie verklärt die Göttin wandeln sahn,
Wie Sokrates und Plato sie erschien,
Und Tullius, wie Mendelssohn sie sieht;
Sey diesen gleich, man wird dir Schluß für Schluß,
In vieler Paragraphen Kettenreih
Beweisen, du gehörst nicht ins Sistem,
Und wissest also nichts, und seist ein Thor.
Der Dichter welcher kühnes Fittigs steigt
Den Gott ihm gab, entschwebt dem blöden Blick
Des Narren, aber seinem Urtheil nicht.
Je heller er vom nähern Himmel stralt,
Und je melodischer sein Flügel tönt,
Je mehr mit Thränen in dem offnen Blick
Ihm die Entzückung nachschaut, und sein Volk
Ihn segnet, Jüngling, Jungfrau, Greis und Mann,
Erreget Klopstock desto mehr den Neid
Des kleinen Wizlings, welcher dünkelnd sich
Wie eine giftgeschwollne Kröte bläht.
Auch zischet, wie im Gras die Schlange zischt,
Des Wizlings ungenannter Miethling, lahm
Ist dieser krummen Schlange Windelgang,
Und gleich der Schlange Lichtwehrs beisset sie
Sich selber in den Schwanz, und muß daher
Verrecken bey der Sonne Untergang.
Doch nicht die Schlange, nicht die Kröte nur,
Die jeder Biedermann verachtend flieht,
Auch mancher Zögling edler Wissenschaft
Verkennt den Wehrt der Poesie, und wähnt
Zum Heil des Ganzen tauge er doch mehr
Als Gerstenberg und Göthe. „Denn wie fromt“
Spricht er „der Dichter zu dem Heil des Staats?
„Ist jeder der des Landes Bürde trägt
„Nicht nüzlicher als er“? Ich sehe wohl,
Mein Freund, weil du die Meßkunst lehrst, und weil
Dein Vetter Urtheil im Gerichte spricht,
So dünkt ihr nüzlicher als Milton euch?
Seid also Milton vorzuziehn? nicht wahr?
Ihr lächelt, euer Lächeln sagt mir: ja!
So thuts mir weh fürs menschliche Geschlecht,
Das blindlings tappte, tappt, und tappen wird,
So lang der eitlen Dichter Stimme schallt.
Doch eh du ihm den Staar auf immer stichst,
So sinn ihm nach was du dabei gewinnst
Wenn jeder nach dem Nuzen seiner Kunst
Geschäzet wird. Mein Herr Professor, Sie
Sind aller Ehren wehrt, das weiß ich wohl!
Auch Sie! Sie sprechen über mein und dein!
Doch wenn der Nuzen seiner Kunst, und nicht
Die Kraft des Geistes jedes Wehrt bestimt,
So ist der Becker über Sie! so ist
Er über Newton — „Nein, das ist er nicht,
„Der Becker sind viel tausend, und wenn Hans
„Nicht bäckt, so glühet Niklas Ofen doch.“
Sehr wohl! gesprochen! aber, meine Herrn,
Der Ihren sind viel hundert, und wenn Sie
Dem Staate sich entzögen, nähme gleich
Ein andres Mutterkind die Stellen ein.
Da liegt der Hund begraben, meine Herrn!
Sie hätten über mein und dein so gut
Als er gesprochen, er so gut wie Sie
Das Feld gemessen, hätte nicht die Wahl
Der Eltern jedes Loos bestimt. Es fiel
Den Dichtern von dem Himmel selbst ihr Loos,
Und fiel sehr wenigen! ihr Wirkungskreis
Ist allgemein, und daurend ihre Kraft.
Kein Dichter lernte was er ward, daher
Sein Ruhm, daher der Neid der ihn verfolgt,
Weil des gekränkten Eigenliebe nicht
Sich schmeichelt mit dem Troste: was er ist,
Das hätt ich werden können gleich als er.
Und nun sein Nuzen? groß ist seine Macht,
Der Menschen Geist, der Menschen Herz ist Wachs
In seiner warmen Hand. In kühnem Flug
Sucht er die Wahrheit auf, und findet sie
Im Feuerhimmel an der Muse Hand,
Hoch über Sternen welche Kepler sah.
Er senket in die graue Tiefe sich,
Und findet in geheimen Grotten sie,
Wo keines Philosophen Bleiwurf prüft,
Der auf des Zweifels wilden Wogen schwebt.
Den mühbeladnen Menschen führet er
Die Göttin zu, und weigert sie sich nackt
Zu kommen, hüllt er sie in Morgenroth,
Und gürtet mit der Iris Scherpe sie,
Er lokt die Thräne von der Jungfrau Blick,
Und lenket Ströme himmlisches Gefühls
Ins Herz der Irdischen, er lehrt den Tod
Verachten, und den Helden bildet er.
Er thauet sanfte Freuden um sich her,
Und lehrt verschmähen was nicht edel ist.
Ihn ehrt der wahre Philosoph, und er
Den wahren Philosophen; Hand in Hand
Gehn beide himmelan, und leuchten hell,
Den Sternen von Helenens Brüdern gleich,
Dem Pilger der auf dunklen Fluten schwebt.
