Tirol, Tirol! du meine Heimat traut,
Auf die mit stolzem Blick das Auge schaut!
Du türmst die Wälle dir von Gletschereis,
Die Stirn umflicht der Kranz von Edelweiß;
Kein Zwingherr durfte dein zu spotten wagen,
Er liegt als wie von Simsons Faust erschlagen,
Und Efeu klimmt empor an Turm und Mauer,
Die stürmend ausgebrannt der freie Bauer.
Die Rebe schlingt das üppig grüne Band,
Durchwebt von Trauben um die schroffe Wand,
Wenn oben hoch, wo nur die Wolke zieht,
Von Fels zu Fels die muntre Gemse flieht.
Auf deinen Firnen thront die Poesie
Und schmückt mit Purpur, schmückt mit Sternen sie,
Auf deinen Schrofen ruht der rote Aar
Und blickt hinaus mit Augen hell und klar.
Er denkt vielleicht an längst entschwundne Zeit,
Wo er voranflog in den heiß’gen Streit!
Er denkt vielleicht, wie er einmal dem Franken
Tief in den Schädel schlug die scharfen Pranken:
Das war die hohe Jagd! der Stutzenknall
Sang nieder von den Felsen überall,
Verwegne Schützen zielten scharf und gut,
Und röchelnd fiel das Edelwild im Blut;
Denkst du der großen Tage, Land Tirol?
Denkst du, mein Aar, an jene Jagden wohl?
Auch eine Jagd! nur gilt ein andres Ziel:
Wer sind die Jäger, welche nah’n zum Spiele?
Gleich Wölfen grimmig schleichen sie daher,
Doch ist kein Stutzen ihres Armes Wehr,
Es schmückt die schwarzen, breitgekrempten Hüte
Nicht Spielhahnfeder, noch des Speikes Blüte,
Und wo sie nah’n, verstummt der frohe Sang,
Die Zither birst, es springt der Saiten Strang.
Und was sie wollen? — Gottes Ehre zwar!
Doch dieser Gott ist nur ihr Gott fürwahr!
O Wort der Liebe, holden Friedens Kunde,
Du wurdest schwerer Fluch in ihrem Munde,
O Wort der Huld, das vom Kreuze drang,
Wie viele gehn für dich des Kreuzes Gang!
Es kommt ein Zug, wie keiner ward gesehn,
So lang des Tales graue Felsen stehn,
Kein Banner flattert weiß und grün voraus,
Vom Hut des Senners nickt kein Alpenstrauß,
Kein alter Schütze harret auf den Sohn,
Daß dieser bringe Vest und Schützenlohn,
Es scheint selbst von der Mädchen lichten Wangen
Wie Abendrot die Heiterkeit vergangen.
Die Männer schreiten vorwärts stolz und frei;
Ob auch umwölket ihre Stirne sei,
So beugt doch nichts den edlen Schwung der Glieder,
So beugt doch nichts die Kraft der Seele nieder.
Sie ziehn vorbei im grauen Lodenrock,
In starker Faust den spitzen Alpenstock,
Am Riemen hängt der Väter letztes Erbe,
Der Stutzen, daß sich Ruhm der Sohn erwerbe.
Mit stummem Schmerz blickt manches Aug’ empor,
Berechnet nicht, wie viel es auch verlor:
Wem Treue blieb, der darf ja fest vertrauen,
Die Treue wird die neue Heimat bauen.
Ein Knabe faßt den Vater bei der Hand;
„Gibt’s Alpenrosen auch im fremden Land?
Und Gemsen auch? — Recht viele gibt es dort,
Nicht wahr? sonst zögen wir von hier nicht fort!“
So schreiten sie am grünen Zillerstrand,
Wer jagt sie fort von Herd und Vaterland? —
Ein Wanderer bleibt stehn und fragt voll Leid, —
„Wir sind halt Lutheraner!“ der Bescheid.
So wandern sie, laut schallte durch das Tal:
„Ein feste Burg!“ der mächtige Choral.
Doch mischen sich ins Lied auf einmal Klagen:
Sie sehen fern des Landes Grenzstein tragen
Und träg’ beginnt der matte Huf zu schleichen,
Um nicht des Bannes Marke zu erreichen.
Sie schauen um, ins tiefste Herz das Bild
Zu prägen noch vom heimischen Gefild,
Sie senden ihren Gruß mit offnen Armen, —
Zur Seite nur der Mönch hat kein Erbarmen
Und blickt mit Freudelächeln himmelan,
Daß Gott durch ihn ein solches Werk getan!
Doch plötzlich, sieh! den Himmel aufgeschlossen,
Die Nebel an des Berges Kamm zerflossen,
Daß rot im Abendgold die Zacken glühen,
Und neu verjüngt die grünen Matten blühen.
Ja, blickt empor! die Berge werden ragen,
Liegt die Tiare auch im Staub zerschlagen;
Ja, blickt empor! die Blumen werden sprossen,
Wenn längst der Meßgewänder Pracht verschossen;
Ja, blickt empor! die Sonne stirbt nicht aus,
Verglimmt die Kerze auch im Gotteshaus!
Schon sind sie fern und es beginnt zu dämmern,
Da hört man leise einen Finger hämmern
Am andern Tor des Landes und „herein!“
Ruft drinnen eine Stimme lispelnd fein.
„Gelobt sei Jesus Christus!“ Paar an Paar
Ziehn Jesuiten ein in voller Schar:
Aufs neu beginnt der Kampf, bis hell dein Kranz,
Tiroleradler! flammt im Morgenglanz!
