Des Bräutigams BesuchAn F. H. Jacobi.Heiter in Rosengewölke, verkündend den lieblichen Maitag,Stieg der Morgen empor, und beleuchtete sanft durch das Weinlaub,Welches die Fenster umrankte, des Pfarrers grüne Gardinen.Durch den Schimmer geweckt und den Schlag des Kanarienvogels,(Denn nur leis’ umschwebte der Schlaf, von des kommenden TagesBilde gestört, den Greis mit dem flüchtigen Traume der Ahndung:)Rieb er froh die Augen sich wach, und faltete betendSeine Hände zu Gott, der vor Krankheit, Feuer und DiebstahlVäterlich ihn und sein Haus in nächtlicher Stille beschirmet.Jezo erhub er sich am Bettquast, drehte sich langsamUm, und streckte die Hand, sein Ernestinchen zu wecken.Aber die Stätte war leer. Da riß er den rauschenden VorhangAuf, und sah durch die gläserne Thür’ in der Stube den TheetischHingestellt, und geschmückt mit geriefelten dresdener Tassen,Welche die häusliche Frau vornehmeren Gästen nur anbot,Etwa dem Probste beim Kirchenbesuch, und der gnädigen Gräfin,Und wenn ihr Hochzeitstag gefeirt ward, und ein Geburtstag.Auch das silberne Kaffegeschirr, der gnädigen GräfinPatengeschenk, die Dos’ und die schöngewundenen LöffelBlinkten im Sonnenglanz hochfeierlich; und in der KücheHört’ er knattern das Feuer, und brausen den siedenden Kessel.Zweimal zog er den Ring, daß hell in der Küche das KlöckleinKlingelte. Siehe da kam, im ehrbaren Schmucke der Hausfrau,Trippelnd die alte Mama, und sprach, die Lippen ihm küssend: Väterchen, wachst du schon? Da ich aufstand, schliefst du so ruhig;Und ich schlüpfte so leis’ aus dem Bett’, und ging, die PantoffelnIn der Hand, auf Socken. Doch warte nur! gegen den HahnschreiHast du schon wieder im Traum mit gebrochner Stimme gepredigt,Auch geweint. Du sprachst, so viel ich verstand, vor dem Trautisch. Freundlich drückt’ ihr die Hand der fromme Pfarrer, und sagte:Richtig, ich traute sie beide. Mein Text war: Willst du mit diesemManne ziehn? und die Bilder des Wegziehns machten mich traurig.Aber so kränkend es ist, ein solches Kind zu verlieren:Wohnte nicht die Wittwe das Gnadenjahr noch im Pfarrhaus,Oder wären wir nur mit der Aussteur fertig; noch heuteWollt’ ich sie traun, und sagen: Seid fruchtbar, Kinder, und mehrt euch!Zeuch in Frieden, o Tochter, und sei die Krone des Mannes;Denn ein tugendsam Weib ist edler, denn köstliche Perlen.Thu ihm liebes dein Lebenlang, und nimmer kein leides,Bis euch scheide der Tod!... Nun, Mütterchen, nicht so ernsthaft!Sieh mich an. Auch wir verließen ja Vater und Mutter.Hurtig den Schlafrock her, den blauen von wollenem Dammast,Und die Müze von feinem Batist! denn ich muß mich ja puzen,Wann der Bräutigam kommt von Seldau, jenes berühmtenHochfreiherlichen Dorfs hochwohlehrwürdiger Pastor!Horch, da bläst schon die Post, und raßelt über den Steinweg. Lächelnd erwiederte drauf die alte häusliche Mutter:Männchen, das ist in der Küche; Susanna windet ihr Garn ab. Also sprach sie, und ging vor die blanke Kommode von Nußbaum,Welche die Priesterbefchen, die Oberhemd’ und die ErmelIhres Mannes verschloß, und die steifen gefalteten Kragen,Ihm ein Gräul! auch den schönen und weitbewunderten Taufschmuck.Jezo fand sie die Müze, und nahm aus dem Schranke den Schlafrock,Legte sie beide vors Bett’ auf den Lehnstuhl nieder, und sagte: Stehst du schon auf, Papachen? O wart, du sollst mir die neuenWollenen Strümpf’ anziehn. Nach dem Aderlaß werden die FüßeDir leicht kalt; auch ist es noch etwas kühlig des Morgens.Liege nur noch ein Weilchen im warmen Bette; du hast nochZeit. Des Verwalters Georg, der die Pferde bewacht in der Koppel,Meldet es uns, wenn er über dem See das Blasen des PosthornsHört; dann schwingt sich der Weg noch weit herum nach dem Dorfe.Dort im Wald’ ist ein Echo; da bläst der fröhliche PostknechtGern ein Morgenlied, und den Marsch des Fürsten von Dessau. Also ermahnte sie ihn wohlmeinend. Aber der PfarrerHörete nicht, stand auf, und sprach, indem er sich anzog: Ei, er muß bald kommen! der Weg ist gut, und die Uhr weistFunfzig Minuten auf fünf; dann les’ ich oft schon die Zeitung.Gieb mir das Wasserglas; das Becken nur auch, und das Handtuch.Aber Mama, wo bleibt denn die Braut? Ich habe noch gar nichtsPoltern gehört. Sie verschläft doch nicht des Bräutigams Ankunft? Ihm antwortete drauf die alte häusliche Mutter:Mann, wie du reden kannst! Verschlafen des Bräutigams AnkunftSollte die rasche Luise? Gewiß sie steht vor dem Spiegel,Kleidet sich, schmückt ihr Haar in mühsam erkünstelter Einfalt,Ordnet die Lillaschleifen, das seidene Tuch, und den frischenBlumenstrauß, und lächelt, und machte sich gerne noch schöner.Holla, wie bellt Packan! Ganz sicher wird es Georg sein. Als sie noch redete, trat in grauer Pikesche der EidamLächelnd herein; und die Eltern, vor Freude bestürzt und Verwundrung,Eilten, umarmeten ihn, und hießen ihn herzlich willkommen. Und mit Thränen begann der gottesfürchtige Pfarrer:Gott sei gelobt, mein Sohn, der große Dinge gethan hat,Und das Herz der Gemeine gelenkt, daß sie alle vereinigtIhn zum Lehrer gewählt! Der Allbarmherzige leit’ ihn,Daß er sein heiliges Amt mit Segen verwalt’, und vieleViele Seelen erleuchte, das ewige Heil zu erkennen!Nun was ich sagen wollte: das Wohnhaus, schreibt er, ist artig;Aber die Bäume nur schlecht, und der Küchengarten voll Unkraut.Was die Menschen doch wunderlich sind! Wie leicht ist ein FruchtbaumHingepflanzt, der so reichlich die wenige Pflege belohnet!Glaubt er? ich löse des Jahrs an hundert Thaler aus Backobst,Jungen Bäumen und Spargel und weißem Kohl und Kartoffeln!Was? und diesen Gewinn versüßt noch die Freude, durch Beispiel,Rath und That zum Fleiße das ganze Dorf zu ermuntern!Sohn, er ehrt mein Geschenk; ich geb’ ihm den Lüders zum Brautschaz. Väterchen! sprach die alte Mama, und klopft’ ihm die Wangen:Siehe, du kommst auch gleich mit der Wirthschaft! War es die Nacht kalt,Lieber Sohn? Wie häßlich sein neues Amt ihn doch einschränkt!Nachts durch Nebel und Thau fünf Meilen zu fahren! Den SonntagHätte der Küster ja gern aus dem Herzensspiegel gepredigt!Trinkt mein Sohn auch ein Gläschen fürs nüchterne? oder nur Kaffe? Aber der junge Pfarrer von Seldau gab ihr zur Antwort:Liebe Mama, nur Kaffe. Mir schauert doch etwas! die Nacht warHeiter und schwül; allein heut Morgen weht’ es ein wenigKalt aus dem See, da die Sonn’ aufging; und der schläfrige SchwagerKarrte so langsam fort, und nickte stets mit dem Kopfe.Aber Mama erlaubt doch, daß ihn Luise mir einschenkt?Hier ist ein türkisches Rohr und ein Pfund virginischer Knaster,Lieber Papa. Ich hoffe, der schmeckt beim Kaffe. Das Rohr istRosenholz, und der Kopf aus Siegelerde von Lemnos. Freudig bewunderte jener den Wuchs des Rosengebüsches,Glänzend von bräunlichem Lack, und sprach mit erhobener Stimme: Welch ein Rohr! Das hat wohl der Freund aus KonstantinopelMitgebracht! Bei Machmud! das reicht mir ja über den Kopf hin!Nun den virginischen Knaster geprüft! Weib, rufe Susanna,Daß sie uns Kaffe bring’ und einen brennenden Wachsstock.Sieh auch zu, wo Luise denn bleibt. Wenn der Probst nur nicht wittert,Daß ein Priester die Lippen mit türkischem Gräuel entheiligt! Aber mit ängstlicher Stimme begann der Pfarrer von Seldau:Liebe Mama, Luise ist doch nicht krank, daß sie wegbleibt? Lächelnd erwiederte drauf die alte häusliche Mutter:Faul, mein Sohn! Ich wette, sie steckt noch tief in den Federn. Sprachs, und eilte hinaus, und rief der alten Susanna:Hole die silberne Kann’, und spute dich, liebe Susanna,Daß du uns Kaffe bringst und einen brennenden Wachsstock.Aber seze den Kaffe auf Kohlen, wenn du ihn trichterst.Also rief sie, und stieg die Treppe hinauf nach der Kammer,Wo die rasche Luise noch schlummerte. Leis’ auf den ZähenTrat sie ans Bett’, und sah in dem rothen Glanz der Gardine,Bräutlich mit weißem Gewande geschmückt, die blühende TochterSchlafen; sie küßt’ ihr die Wang’, und sprach mit leisem Geflüster: Faules Mädchen, träumest du noch? Wie die Wange dir glühet!War dir nicht wohl, daß du in vollem Schmucke dich legtest?Höre, die Schwalbe zirpt, und der Kuhhirt tutet das Dorf wach.Mädchen, heraus! und binde von frisch entfalteten BlumenEinen thauigen Strauß, und leg’ ihn behend’ in den AlkovHin vor Papa, damit er sich wundert und freut, wenn er aufwacht.Dein geperletes Hühnchen hat auch im Stalle gekakelt;Eil, und suche das Ei, damit es der Iltis nicht austrinkt.Aber, Dirne, was machst du mit duftenden Blumen? Du weißt ja,Daß sie gefährlich sind; vor allen, Muskathiazinten! Sprachs; da fuhr aus dem Schlafe die Jungfrau, sahe sich wild um,Stüzte die glühende Wang’ auf den Ellenbogen, und sagte: Guten Morgen, Mama. Ein Strauß vor offenem FensterMeint’ ich, schadete nicht; es sind fast lauter Aurikeln.Gestern Abend konnt’ ich vor Hize nicht schlafen. Um ein UhrStand ich auf, und kleidete mich, und sah aus dem Fenster,Vom sanftathmenden Winde gekühlt, die Gegend im Mondschein,Wo der Nachtigall Lied und die einsame Flöte des SchäfersKlang, den weißen Nebel im Thal, und des plätschernden SeeesHelle Flut, und den Ost von Wetterleuchten durchschlängelt.Müde legt’ ich mich jezo, und schlief beim fernen GesangeEiner Nachtigall ein, und der wehenden Linde Gesäusel.Aber es war ein sehr unruhiger Schlaf! O mein trautesMütterchen, ist denn die Post schon lange gekommen? Ich lag wohlAlzu tief mit dem Kopfe; mir schlägt das Herz so gewaltig! Lächelnd erwiederte drauf die alte häusliche Mutter:Schlägt dir dein liebes Herz, mein Töchterchen? Klas hat die ZeitungEben gebracht. Sie ist voll von Amerika, und von Gibraltar,Auch von dem Parlement, und der Reise des heiligen Vaters.Auch ein Brief ist gekommen, vielleicht von dem Pastor in Seldau? Aber die Jungfrau küßte die Hand der Mutter, und sagte:Würklich ein Brief? Du lächelst. O Mütterchen, sei nicht so grausam!Denke, was soll ich doch mit Amerika, oder Gibraltar,Oder dem Parlement, und der Reise des heiligen Vaters?Sage, (du warst auch Braut!) o sage mir, ist er schon unten? Ihr antwortete drauf die alte häusliche Mutter:Tochter, ich weiß es nicht. Da bracht’ ein artiger JünglingEben ein türkisches Rohr für Papa, so hoch von der Erde!Und erkundigte sich sehr höflich nach der GesundheitUnserer lieben Mamsell. Komm selber, mein Kind, und betracht’ ihn. Freudig sprang aus dem Bette die Jungfrau, schmiegte die ArmeFest um den Hals der Mutter, und sprach mit feurigen Küßen:Mütterchen, freue dich doch! Du sollst auch die beste Mama sein!Sollst auch die Braut auspuzen, und tanzen auf unserer Hochzeit!Hurtig hinab! damit ich ihn sehe, den artigen Jüngling! Ihr antwortete drauf die alte häusliche Mutter:Mädchen, willst du auf Socken hinabgehn? Ziehe die Schuh’ an!Und wie das Halstuch sizt! Fi, schäme dich, garstige Dirne! Schnell mit Erröthen verbarg sie den schönen wallenden Busen,Schnallte mit zitternden Händen die Schuhe fest, und enteilteWankend die Stufen hinab; und die Treppenthüre sich öffnend,Kreischte sie auf, und sank in die Arme des wartenden Jünglings.Voß.