Inhalt
Die beyden verfolgenden Götter begeben sich vor Tagesanbruch zum Nachtlager der Jungfrauen. Als der im Nebenzimmer gewekte Nordfrank hineintritt die Schlafenden zu wekken, verwundet ihn Eros, und der Führer entbrennt von ausschließender Liebe zu der jüngsten der schlummernden Schwestern. Er entgeht indeß der Entdekkung, wodurch jene die Reisegesellschaft zu trennen gehoft hatten. Nach genommenem Frühstük begeben sich alle zum bestellten Thunerschiff, das bei Schadau auf sie wartet, und gehen in der Morgendämmerung am Bord. Stille Fahrt auf den Thunersee. Morgengesang der Jungfrauen. Sonnenaufgang. Unruhe des entbrannten Führers.
Alle nunmehr dort oben, und unten die ruhende Pilger
Schliefen; nur Hermes nicht, noch Eros labte der Schlummer.
Wenig auch sonst genießen des Schlafs der ein’ und der andre,
Tag und Nacht in verschlagnem Verkehr mit sterblichen Menschen;
Zwar doch selten vereint, ganz ungleichartiges Treibens.
Jezt verbündet erreichten sie bald das ruhige Gasthaus,
Wo sie durchs offene Fenster hinein zu den schlafenden Jungfraun
Flogen, als Schmetterling Eros, und Hermes summende Fliege.
Flatternd umher im Geduft des Gemachs ersannen sie Tükken,
Während die Unschuld schlief, und erwarteten sehnlich das Aufstehn.
Oft auch nahten sie jenen im Bett, und staunten den Reizzen,
Leis anwehend die Lilienhänd’ und die rosige Wangen:
Ach, und es träumten die Drei von dem Führer zugleich und dem Hauptmann,
Oft im Traum ausstrekkend die Arm’, und wendend die Köpflein.
Aber es wekte nunmehr im Nebenzimmer den Nordfrank
Noch vor des Tags Anbruch der bestellete Bote des Schiffsvolks.
Eilig entsprang dem Lager der Held, anziehend den Rok nur
Und die bewaffnete Schuh’, denn im übrigen schlief er bekleidet.
Jezzo trat er hinan, leis öfnend die Thüre der Kammer,
Wo noch schliefen die Holden im einzigen Bette gesammelt,
Um sie, nach Abends gegebenem Wort, lautrufend zu wekken.
Aber es pocht’ ihm das Herz bei dem Oefnen der heiligen Thüre
Wunderbar; und als kaum er geblickt ins Zimmer, das Mondglanz
Oder auch Frühroth sanft durchschimmerte, plötzlich ergriff ihn
Heftiges Zittern der Glieder, und ängstliche Wonnebetäubung,
Daß er verwirrt, wie von Zauber gelähmt, ein träumender dastand.
Austhun wollt er die Lippen; umsonst! es versagte der Seufzer
Kurzaufathmender Hauch; und das Aug’ umflimmerte Blendung.
Lange vermocht er nicht hin, noch rükwärts; endlich der Wallung
Willig gezwungener Raub, gezogen von süßer Gewalt stand
Fest wie geheftet sein Fuß dicht neben dem Bette der Jungfraun.
Aber es klopfte noch heftiger hier in steigendem Aufruhr
Mit gedoppelten Schlägen sein Herz, als im zaubrischen Zwielicht
Rosiger Dämmrung, vom purpurnen Schein der Auroragardinen
Lieblich erhöht, er die Holden erblickt in des Schlafes Umarmung.
Stille herrscht in der Kammer; umher auf Stühlen dem Bett nah
Lagen der Magdlein schöne Gewand’ in zierlicher Ordnung;
Oben auf jedem Gelag die Strumpf, umwunden vom Knieband,
Und an der Lehne des tragenden Stuhls hieng jeglicher Strohhut.
Gleichsam Ambrosiaduft erfüllte die heilige Stille;
Und, wie von fern her säuselten sanft Harmonien (so schien’s ihm)
In kaum hörbarem Aethergesumm leis athmender Töne.
Immer in engeren Kreisen umflog der Schmetterling Eros
Nordfranks träumendes Haupt, bis ganz verlohren im Anschaun
Dieser, gebückt vorwärts, nichts sah, nichts sinnte, noch wahrnahm,
Als die verschlungenen Drei dem Schlaf holdlächelnde Jungfraun.
Während der Bruder, als Fliege’ noch summte“, umschuf sich der Zaubrer.
Nicht ein Schmetterling mehr, ganz Eros, spannt’ er den Bogen.
Abwärts; und wie sich auf Myris nun senkte der Blik des Bewundrers,
Schnellt’ er, und jenem ins Herz fuhr tief der spizzige Goldpfeil.
Solches vollbracht, nun verwandelt er gleich sich wieder, wie vorher,
Schmetterling, flatternd im Zimmer herum mit der summenden Fliege.
Aber der tiefverwundete sank in die Knie, und der Sehnsucht
Heftigem Schmerz entfuhr lautseufzend ein Ach, als er hinsank.
Jenes Geschrei nun schrekt aus dem Traum der Schlafenden Unschuld;
Und sie regten die Glieder gesammt schnell zukkendes Schauderns,
So wie der Nachtigall Brut in dem Nest des wiegenden Ahorns
Zittert zusammen vor Angst, wenn ein Schuß im Walde daherschallt.
Aber noch schaudernder selbst dem Erwachen, gerührt wie vom Blizstrahl,
Sprang vom Boden der knieende Held. Doch ins eigene Zimmer
Wieder geflüchtet, besann er sich schnell (traun! selber Apollon
Gab es ihm ein, unsichtbar genaht,) und mit ähnlichem Tonklang,
Thuend, als öfnet’ er eben die Thür, rief laut er den Holden:
Wach Holdselige, wach? und erwartete bebend die Antwort.
Ja! erwiederten alle gesammt, unschuldiges Zutrauns,
Gleich! mach wieder die Thüre nur zu, treuwekkender Führer!
Gleich sind fertig wir da; laß auf nur bringen das Frühstük.“
Und es entgieng so glücklich der Held schmachvoller Entdekkung;
Aber er seufzt, und geheim brannt’ unter der Brust ihm die Wunde.
Als nunmehro gekleidet erschien die Gruppe der Jungfraun,
Brachte die stattliche Magd, die gerufene, langes Gewandes,
Mit untadlichem Kniks und „grüß euch Gott,“ das Getränke
Heißer arabischer Bohnen in schweizerschem Sahne gemildert;
Und, einschenkend die Tassen, umgieng sie freundlich und munter
Mit rothglühenden Wangen den Kreis, und wallendem Busen;
Schlank von Wuchs, wie die Tann’, in gedoppelten Flechten das Haupthaar
Und voll Seele der schüchterne Blik; daß selber die Holden
Ueber die schöne Gestalt erstauneten, Hebe sie nennend.
Haslithalerin war sie aus Meiringen, dienend im Freihof
Erst seit wenigen Tagen. Die Lust auch_Ebnen zu schauen,
Hatte dahin sie geführt, und Verlangen nach stadtlicher Bildung.
Thörigte! dürfte sie leicht einmal zu spät, in der Hauptstadt
Künstlich verblicht, die verlaßne Natur und geflüchtete Heimat
Weinend bereun! Sie erzählte viel vom Rosenlawinbad,
Richen und Aar’, und des ersteren Sturz und den Weiden der Hochfluh.
Fragend noch mehr nach dem Goliath Berns und den steinernen Lauben
Gern mit der Schwazzenden schwazten ein wenig die freundliche Jungfraun.
Während sie, Stük nach Stük, den Anzug jeder mit Neugier
Musterte, Hütchen, und Bänder, und Säkfelchen, alles bewundernd.
Aber es mahnte besorgt, auf Abfahrt dringend, der Führer,
Ungerührt von den Reizzen der Magd, er sah sie sogar nicht,
Einzig beherrscht von dem Glanz, der vorher ihm zeigte den Himmel.
Alle nun stiegen hinab, und erreichten zu Fuß in dem Lustgang
Neben der Mündung des wallenden Stroms bis zum Schlosse des Landvogts
Schaudau, noch in der heiligen Frisch anlangend, das Schifflein,
Welches am Ufer sie dort einbordete, gleitend vom Land ab.
Noch vergoldete kaum die ätherische Flügel des Luftheers
Himmelempor aus den Thalen geflatterter Nebel der Morgen,
Und nur eben begann auf den Lilienbusen der Jungfrau
Eos mit purpurnen Händen zu streun die Rosen der Frühglut;
Als auf dem See, das Segel gebläht von Zefyros Anhauch,
Leicht hinschwebte der Kahn, denn es trieb mitwehende Kühlung.
Jezzo, wie rosiger Helle verklärter glühten die Schneehöhn,
Huben die Holden vereint den wechselnden Morgengesang an,
Sanft von der Flöte des Führers gereizt und dem wirbelnden Nachhall
Erst zu den andern begannst du, Cynthia, tönender Stimme;
Singt, o Gespielinnen! singt mit mir zu der Flöte Begleitung
Jenes jungfrauheilige Lied dreistimmiges Einklangs,
Welches uns neulich gelehrt der gebirgtonkundige Nordfrank!
Selber beginn’ ich, du, Daphne, nach mir, und Myris beschließt dann!
Also tonte der Holden Gesang zu der Flöte dem Echo:
Cynthia:
Sey mir gegrüßt, o Morgen! Du Bild der blühenden Jugend,
Rosiger Wang’, allliebendes Bliks, und erfrischendes Anhauchs!
Daphne:
Sey mir gegrüßt, Schneeweiße, dem Blik erröthende Jungfrau,
Reine, dem Aether allein zugängliche, Muster der Unschuld!
Myris:
Sey mir auch Du gegrüßt, klarwallende Flut, die das Frühlicht
Schaukelt, und Jene darin, Du Bild der kindlichen Freude!
Cynthia:
O! wie er glüht, der Erwachende dort, voll liebender Sehnsucht!
Küsse wirft er der Braut in den Schooß und ätherische Blumen.
Daphne:
Ueber und über bestreut mit Rosenblättern erhebt sie
Bis zu den Sternen ihr Haupt, und schüttelt die Blüth auf die Erde.
Myris:
Aber im Spiegel der lächelnden Flut blühn doppelter Anmuth
Himmel und Erde, die rosige Früh’, und die Weiße des Bergschnees.
Cynthia:
Sieh, wie er naht, dort hinters Gebirg ausstrahlend, der Jüngling!
Bald als Bräutigam kommt, und umarmt er die blühende Jungfrau.
Daphne:
Ueber und über erröthet die Himmlische. Dekk’ ihr den Busen,
Flatterndes Nebelgedunst! o hüll ihr die Schulter, Gewölkflug!
Myris:
Kühle die Morgenumarmung, o Flut! du kühlst ja des Mittags
Heißere Strahlen, und wiege das Bild der holden Vermählung!
Cynthia:
Weih’ uns, o Morgen! dem Tag, und, o Jugend! dem kommenden Alter
Hold, durch Erwekkung der blühenden Kraft und veredelnde Bildung;
Daß aufkeime mit jeglichem Reiz’ auch Tugend und Weisheit,
Und uns strahle gekehrt am Abend das heilige Frühroth!
Daphne:
Leit’ uns stets an der Hand der Natur Du, Göttin der Reinheit!
Jungfrauheilige Roth’ umstrahl uns Wangen und Stirne
Schöner als aller erkünstelte Glanz, Dir, holdestes Bild, gleich!
Nichts erhöh’ uns der Mutter Geschenk als Erröthen der Unschuld!
Myris:
Knüpf’ um Jugend das Band und Unschuld, himmlische Freude,
Wie der krystallene Spiegel vereint die Sonn’ und die Jungfrau;
Daß uns ein gaukelndes Spiel holdseliger Träume, dem See gleich,
Fließe das Leben, Gesang, und beständige Wandrung zur Jungfrau!
Also tönte der Grazien Lied holdwechselndes Einklangs
Wiedergetönt vielfach, mit der wirbelnden Flöte Begleitung,
Von dem tiefnachhallenden Bord der umfelseten Thuna.
Gleichsam erwiedert umher von rings antwortenden Nymfen
Klangs wie ein Orgelbegleitetes Chor unzähliger Stimmen,
Füllend die heitere Luft mit der fliegenden Töne Gewimmel,
Und noch lang, als schwieg der Gesang, sang ferne der Nachklang.
Kaum fortgleitet’ im Spiegel der Kahn; schlapp hieng an der Rahe
Hin und her nur bewegt vom geschaukelten Maste das Segel;
Sieh! denn es hatte beim holden Gesang die Flut sich geebnet,
Während vor Wonn’ auch Zefyros selbst den Odem zurükhielt.
Fische hupseten rings um das Schiff; die Vögel des Himmels
Schwebten im leisesten Fluge herab; und her untergelokt kam
Selbst des Gebirges Gewild in friedlichen Schaaren ans Ufer.
Alles lauschte, verwandelt in Ohr; hochfeierlich ringsum
Herrschte Still’, und es schien, als horchte die ganze Natur auf.
Nicht unlieb den Holden, auch jezt nach geendetem Loblied,
War die bezaubernde Stille des Sees, und die schwebende Ruhe
Des kaum noch hingleitenden Kahns. Sie bewunderten sprachlos,
Hingegeben der hohen Natur, das begeisternde Schauspiel
Ihrer unendlichen Pracht in der Sonn’ allmächtigem Aufgang.
Diese trat triumpfirend im Tritt, wie der Sieger des Python,
Auf den gebäumeten Rükken des tannenumstarrten Beatus
Strahlend hervor, glutfunkelndes Bliks; und es flammten die Berge,
Rings entzündet vom Glanz der erhabenen, blendender Leuchtung.
Hell war plötzlich die ganze Natur; Licht wallete ringsum;
Leben durchloderte Hügel und Thal; und feurige Glut floß
Hier an dem Fuße der Berg’, und starrete dort in den Gipfeln.
Fröhlich bewundernd erglühten sie selbst, voll heiliger Andacht;
Doch es entbrannte der Führer noch mehr, des Morgengesangs voll,
Voll der Sonne, des Glanzes umher, des Erglühens der Jungfraun;
Ach! und noch brennender voll von der Glut der verborgenen Sehnsucht.
Aber ermannend nunmehr sein Herz, obsiegend dem Zauber,
Rief er dem alten Piloten, der eingeschlummert am Ruder
Nickt, und dem Diener der Rah; und selbst sich neben dem Steuer
Sezzend ins Hintre des Schiffs gebot er jenen zu rudern.
Vor ihm saßen auf nämlicher Bank die untrennliche Schwestern,
Alle geschirmt von dem leinenen Dach des leichten Gedekkes,
Cynthia rechts, links Daphn’, in der Mitte die schüchterne Myris,
Weil sie die Zarteste war, und furchtsam, die Jüngste vom Alter.
Hier nun athmet’ er näher den Drein, anhaltend den Odem
Hinter dem Liliennakken der oft aufschaudernden Myris
Wenn ihr die Schwestern den Kahn, muthwilliges Wiegens, bewegten.
Dennoch fand er erträglicher so die Lage, wie vorher
Gegenüber. Geflohen dem Blik der unsichtbaren Huldin,
Hoft’ er, die Flamme der Brust, die verzehrende, leichter zu dämpfen.
Aber er dämpfte sie nicht. Je mehr er sie barg, und den Ausbruch
Hemmt’, anstrengend die Kraft des sich selbst bekämpfenden Herzens,
Nur noch heftiger tobte der Brand im verschlossenen Busen.
Also glüht in dem innersten Schlund des umnachteten Hekla
Nie auslöschliches Feuer, bedekt mit drükkender Eislast;
Und es bewegt sich der Grund des Gebirgs, und erschüttert das Umland
Schrecklicher noch, wenn ruhig erscheint der ragende Gipfel.
O! wie ward ihm zu enge der Kahn, zu enge der Bergsee,
Ach! und zu enge die Erd’! ein Kerker schien ihm das Weltall.
Ihr der unendlich geliebten so nah! einathmend ihr Odem!
Oft von dem losen Geringel des Haars beduftet sein Antlitz!
Ach! und die zitternde Knie’ ihm gedrükt von den ründlichen Hüften!
Glut nur sog er in jedem Geduft, in jeglichem Hauch Glut,
Mark und Gebein durchwallende Glut in jeder Berührung.
Und nicht durft’ er sie kühlen, die stets anwachsende Flamme,
Nicht ausweinen den Schmerz, nicht stillen die brennende Sehnsucht
Durch ein gelispeltes Wort, nicht flüstern, nur mit dem Anblik.
Brennen mußt’ er, verbrennen! und sie, sie, der er ein Opfer
Hinsank, durfte nicht sehn was er litt, und einzig für sie litt.
Also drehte den giftigen Pfeil in der schmerzlichen Wunde
Stumm, in beständigem Kampf mit sich selbst, der liebende Führer.
Aber die Huldin merkete nichts; und träumte von weitem
Auch nicht die leiseste Ahndung von dem, was hinter ihr vorgieng.
Eben so fremd auch den übrigen zween war jede Vermuthung.
Unbefangenes Sinns, arglos, in kindlicher Unschuld
Saßen sie da, und beschauten entzückt die doppelten Küsthöhn
Umgebogen im Spiegel der Flut, und ragend im Aether,
Wähnend, es sinn’ ein Gedicht, ein erhabenes, schweigend der Steurer.
