Unter dem dunkeln Grüne der zwo breitblättrigen Linden,
Welche, die tägliche Stube beschirmend gegen den Mittag,
Ueber das stroherne Dach hinsäuselten, saß nach der Mahlzeit
Im Schlafrocke der Pfarrer am steinernen Tisch auf dem Sessel,
Den vor dem Winterkamine sein alter künstlicher Hausknecht
Heimlich geschnizt, und mit Weiß und glänzendem Grüne bemalet.
Sorglos saß der Greis, von Geliebten umringt, und erfreute
Mit lehrreichem Gespräche sein Herz, und mancher Erzählung.
Küchlein umhüpften den Tisch, und pickten der rosigen Jungfrau
Brot aus der Hand; und zur Seite, von blühendem Flieder beschattet,
Lag am Knochen nagend der treue Packan, und murrte
Gegen die lauernde Kaz’, und schnappte die sumsenden Fliegen.
Aber die alte Mama, zu der wohlbekannten Erzählung
Lächelnd, zupfte Luisen, die neben ihr saß, an dem Ermel,
Neigte das Haupt zu ihr, und sprach mit leisem Geflüster:
Gehn wir noch in den Wald, mein Töchterchen? Oder gefällt dirs,
Weil die Sonne so brennt, in der Geisblattlaub’ an dem Bache
Deine Geburt zu feiern? Du blickst ja so scheu, und erröthest.
Staunend gab ihr darauf die schöne Luise zur Antwort:
Nicht in der Laube, Mama! Das Geisblatt duftet des Abends
Viel zu streng’, auch schwärmen die Mücken so wild an dem Bache.
Lieblich scheint ja die Sonn’, und am schattigen Ufer ist Kühlung.
Und zu dem Pfarrer sprach die alte verständige Hausfrau:
Väterchen, danken wir Gott? Luise wünscht den Geburtstag
Lieber im Wald’, als unten am Bach in der Laube zu feiern.
Lieblich scheint ja die Sonn’, und am schattigen Ufer ist Kühlung.
Nun ist mein Rath: Herr Walter, der kleine Graf und Luise
Gehn voran in den Wald, und suchen uns trockene Reiser.
Aber wir beiden alten Gemächlichen fahren den Richtweg
Ueber den See; der Verwalter, das wissen wir, leihet uns gerne
Seinen Kahn. Doch wünscht’ ich, daß unser Papa noch ein wenig
Schlummerte: Mittagsschlaf ist die angenehmste Erquickung
Alter Leut’ im Sommer, zumal in der Blüte der Bohnen.
Drauf antwortest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau:
Hört er, mein Sohn, wie das Weib da gebietet? Aber ich muß schon
Folgsam sein; denn heut ist unsrer Luise Geburtstag.
Kinder, wir beten zu Gott dem Unendlichen! Betet mit Ehrfurcht.
Und der redliche Vater entblößte sein Haupt, auf der Scheitel
Glänzend kahl, und umher mit weissem Haare gezieret,
Senkte den Blick demütig, und sprach mit gefalteten Händen:
Lieber Gott, der du alles, was lebt, mit Freud’ und Erquickung
Sättigest, höre den Dank, den deine Kinder dir stammeln.
Wir sind Staub. O beschirm uns in diesem Leben der Prüfung
Stets vor Trübsal und Noth, wie vor üppigem Stolz und Leichtsinn;
Bis wir, vom Staub’ entlastet, zu deiner Herlichkeit eingehn.
Meine Kinder, ich wünsch’ euch eine gesegnete Mahlzeit.
Also sprach er; da kamen sie all’, und küßten ihm herzlich
Dankend den Mund; vor allen die schöne freundliche Tochter,
Welche mit holder Lieb’ an des Vaters Wange sich schmiegte.
Traulich begann die Mutter, die Hand den Fremdlingen drückend:
Seid ihr auch satt, ihr Lieben? Nur Baurenkost war es freilich,
Und kein gräflicher Schmaus; doch hoff’ ich, Freunde des Hauses
Werden mein ländliches Mahl entschuldigen. Trinken wir jezt noch
Kaffe hier? Vornehme geniessen ihn gleich nach der Mahlzeit.
Ihr antwortete drauf der edle bescheidene Jüngling:
Herzlich danken wir, liebe Mama, für die schöne Bewirtung.
Machen sie Karlchen nicht roth: Gut sein ist besser, als vornehm!
Sässe der Kaiser selbst in so traulicher lieber Gesellschaft,
Unter grünenden Bäumen, bei solcher ländlichen Mahlzeit;
Und er sehnte sich hungernd zur goldumschimmerten Tafel
Seiner französischen Köche zurück: so verdient’ er zu hungern!
Wenn Mama es erlaubt, so gehn wir gleich nach dem Walde;
Und wenn der Kahn anlandet, dann kochen wir alle geschäftig
Unter dem hangenden Grün weißstämmiger Birken den Kaffe.
Karl verbittet den Kaffe sich ganz; er macht ihm nur Wallung.
Aber der Vater schalt, und rief die zürnenden Worte:
Ei mit der langen verwünschten Entschuldigung! War denn der Reisbrei
Angebrannt? und der Wein auf dem Reisbrei nüchtern und kahnicht!
Waren die Erbsen nicht frisch, und die Wurzeln frisch, und wie Zucker?
Und was fehlte dem Schinken, der Gänsebrust und dem Hering?
Was dem gebratenen Lamm, und dem kühlenden röthlichgesprengten
Kopfsalat? War der Eßig nicht scharf, und balsamisch das Nußöl?
Nicht weinsauer die Kirschen, und süß von Blumen die Butter?
Was? und das kräftige Brot, so locker und weiß! Es ist schändlich,
Wenn man Gottes Gaben aus Höflichkeit also verachtet!
Lieber Sohn, da nehm’ er die Dirne beim Arm, und dann hurtig
Fort in den Wald! Komm her, mein Mütterchen, daß ich dich küsse.
Ihm antwortete drauf die alte verständige Hausfrau:
Schilt nicht, lieber Papa; man sagt ja wohl so ein Wörtchen.
Schlummre nun kühl und ruhig im Kämmerlein! Jungfer Susanna
Hat mit Pfeffer und Milch die Fliegen getränkt, auch das Mäuschen
Heut in die Falle gelockt, und den Alkov fleißig gelüftet.
Also sprach sie, und führte den lieben Gemahl in die Kammer,
Während die Magd das Gedeck von feinem Drillich hineintrug.
Aber die Jungfrau ging mit dem edlen bescheidenen Jüngling
Fröhlich einher den Weg um die Wassermühl’ in das Seethal.
Weiß war ihr Sommergewand mit rosenfarbenen Schleifen;
Seidener Flor bedeckte verrätherisch Busen und Schultern,
Vorn mit der knospenden Rose geschmückt; ihr freundliches Antliz
Schirmte, gekränzt mit Tremsen, der feingeflochtene Strohut.
Unter ihm ringelten sanft des braunen glänzenden Haares
Locken herab, im Nacken vom rosigen Bande gefesselt.
Zart und ründlich und schlank, aus der Klappe des bräunlichen Handschuhs
Blickend, kühlte die Rechte mit grünem Fächer ihr Antliz;
Aber die Linke ruht’ in des Jünglings Arm, und es spielten
Ihm in der Hand die warmen und niedlichen Finger des Mägdleins.
Süsse Schauer durchströmten ihm Mark und Gebein, und sprachlos
Drückt’ er die kleine Hand, sie mit bebenden Fingern durchfaltend.
Also wandelten jene durch Gras und blühende Kräuter
Langsam hin, und heiser umschwirrten sie hüpfende Grillen.
Athmend waren sie jezo das schwüle Thal durchwandert,
Unten am Zaun, wo die Quelle des Sandbergs trüb’ und morastig
Und an der leitenden Hand des Jünglinges hüpfte die Jungfrau
Furchtsam über die Steine, gelegt für die Schritte des Wandrers;
Trat auf den Steg, und hob das eine Füßchen mit Vorsicht
Ueber den hohen Zaun, enthüllt bis zur Blume des Zwickels,
Ordnete scheu ihr Gewand, und schwang sich dann eilend hinüber.
Mühsam stiegen sie nun durch Haselgebüsch den schrägen
Ausgeregneten Pfad, der zur Seite des Bergs sich herumschwang;
Und tiefathmend begann das rosenwangige Mägdlein:
Stehn Sie ein wenig still; mir pocht das Herz! Wie erfrischend
Ueber den See die Kühlung heraufweht! Und wie die Gegend
Ringsum lacht! Da hinab langstreifichte, dunkel- und hellgrün
Wallende Felder voll Korn, mit schimmernden Blumen gesprenkelt!
Dort das umbüschte Dorf, und der Thurm mit dem blinkenden Seiger!
Hier auf blumiger Wiese die röthlichen Küh’, und der Hügel
Von Buchweizen umblüht; und der blaue See mit der Waldung!
Schaut doch umher, ihr Kinder, und freut euch! Hören Sie, Bester:
Heute bringt Mama der Gesellschaft spanische Erdbeern;
Aber die Felderdbeeren sind wohl so süß und so würzig.
Kommen Sie dort ins Gebüsch; da stehn sie röther als Scharlach.
Sprachs, und wandte sich rechts mit dem Jünglinge. Hurtig vor ihnen
Hüpfte der Knab’, und verließ das grünliche Himmelspferdchen,
Welches mit glänzenden Schwingen auf Farrenkraut sich gesezet.
Aber die Jungfrau stand, und neigt’ an die Wange des Jünglings
Ihr holdlächelndes Antliz, und sprach mit vertraulichem Flüstern:
Sehn Sie, er folgt dem Geruche der Erdbeern. Lieber, die Hand mir
Nicht so gedrückt! Er möchte den Herrn Hofmeister belauschen!
Aber dem Jünglinge wallte das Herz vor banger Entzückung,
Als ihm warm an die Wange des schönen rosigen Mundes
Athem haucht’; und er wandte sich sanft, und küßte das Mägdlein.
Leise bebt’ ihr Mund, und wandte sich; aber ihr Antliz
Lächelte roth, wie im Thaue die Lilie, wann sie des Morgens
Röthe bestralt, und der Gärtner sich fröhlich über sie hinbeugt.
Plözlich erscholl aus dem Busche die rufende Stimme des Knaben:
Kommt doch, und pflückt! Hier stehn die Erdbeern röther als Scharlach!
Jubeln wollen wir alle vor Lust, wenn wir unseren Vorrat
Auch in die Kumm’ ausschütten! Die Felderdbeern hat der liebe
Gott gepflanzt, und in Milch und Zucker schmecken sie köstlich!
Jene kamen und sahn die geschwollenen Beeren, die ringsum
Feuerroth und gedrängt am Sonnenstral aus den Kräutern
Schimmerten; und ihr Gedüft durchathmete würzig die Gegend.
Freudig rief und erstaunt der edle bescheidene Jüngling:
Wunderbar! erfreut sich der Reiche des künstlichen Gartens,
Welcher ihm zinst; und dem Armen bereitet Gott in der Wildniß,
Ohne sein Thun, Fruchtgärten voll heilsamer Blumen und Kräuter!
Aber uns fehlt ein Geschirr für die saftige Frucht; und im Tuche
Würd’ uns alles zu Mus. Was meinen Sie, wenn ich der Hasel
Dort die Rind’ abstreift’, und mit ästigem Pflocke zusammen
Heftete? Oder weiß mein Karl noch ein anderes Mittel?
Zürnend gab ihm darauf der feurige Knabe zur Antwort:
Ist das Ernst, Herr Walter: den schönen Busch, mit so mancher
Traube von Nüssen geschmückt, in vollem Wuchse zu schinden?
Stehn denn am Sumpfe nicht Binsen genug? Und wie bald ist ein kleines
Körbchen gemacht, wenn einer den Griff nur tüchtig gelernt hat?
Drauf antwortete lächelnd der edle bescheidene Jüngling:
Brav, mein Karl! Nun wohlan, so lassen Sie, Bester, und flechten
Hurtig den Binsenkorb. Wir lagern uns hier in der Hasel
Ueberhangenden Schatten, und pflücken nichts von den Erdbeern,
Ausser ein paar zur Erfrischung für unsere liebe Gefährtin.
Fröhlich eilte der Knabe zum binsigen Sumpfe hinunter,
Während sich beide vertraut in der Hasel umschattende Wölbung
Lagerten. Aber nicht lange, da kam er stolz mit dem Körbchen.
Aemsig pflückten sie drein die saftigen Beeren, mit Nußlaub
Unten und oben geschirmt; und der Knabe trug ihn am Arme.
Als sie nun wieder den Pfad hinwandelten, hörten sie seitwärts
Durch das Thal den Gesang des siebzigjährigen Webers,
Der, zum Weben zu schwach, auf Bauergelagen den Brummbaß
Strich, der gnädigen Gräfin die Schloßuhr stellt’, und mit Löffeln,
Kellen, wacholdernen Querlen, mit Schwamm, Waschklöpfeln und Holzschuhn
Handelte, auch mit Hambutten und Haselnüssen und Erdbeern.
Und zu dem Jünglinge sprach mit freundlicher Stimme die Jungfrau:
Lieber, der Alte pflückt auch Erdbeern. Wollen wir hingehn?
Eilender gingen sie beid’, und fanden den Greis, der den bunten
Henkeltopf, bis zur Hälfte voll Erdbeern, singend umhertrug.
Freundlich grüßte den Alten der edle bescheidene Jüngling:
Guten Tag! So fleißig? O sezt doch, Vater, die Müz’ auf!
Scheltet ihr auch? Wir haben uns selbst Erdbeeren in eurem
Garten gepflückt; denn heut ist unsrer Luise Geburtstag.
Nehmt dies wenige, Vater, und trinkt der Jungfer Gesundheit.
Also sprach der Jüngling, und wandte sich. Aber der Alte
Segnete beiden nach, und ihm bebte die Thrän’ an den Wimpern.
Und dem Wandelnden drückte mit schweigendem Lächeln die Jungfrau
Innig die Hand; und sobald sie des dichteren Thales Umschattung
Barg, begegnete willig ihr Mund dem Kusse des Jünglings.
Als sie, das Linsefeld und die bärtige Gerste durchwandelnd,
Jezo dem Hügel am See sich näherten, welcher mit dunkeln
Tannen und hangendem Grün weißstämmige Birken bekränzt war;
Blickte horchend Luise zum buschichten Ufer, und sagte:
Still! es tönte mir dumpf, wie ein Ruderschlag von dem Ufer!
Aber der fröhliche Karl, der voranlief, wandte sich rufend:
Hurtig, da seh’ ich den Kahn! Nun gleitet er hinter das Schilfrohr!
Und mit geflügelten Schritten enteilten sie; kühlender Seewind
Hauchte zurück das Gewand, das die trippelnden Füße des Mägdleins
Rauschend umwallt’, und es weht’ ihr geringeltes Haar von den Schultern.
Aber nun winkt’ und rief aus dem schwebenden Kahne der Pfarrer:
Ehrbar, Kinder, und langsam! Ihr lauft ja so rasch, wie die Hühnlein
Ueber den Hof, wenn die Magd an der Hausthür Futter umherstreut!
Athemlos harrten sie jezt, bis rauschend der Kahn an dem Ufer
Landete, riefen: Willkommen im grünen Wald’! und die Eltern
Traten vom wankenden Bord’ auf den Sand voll Kiesel und Muscheln,
Rings umspült von der Welle mit Hügeln Schaums und mit Seegras.
Schmeichelnd küßte den Greis die blühende Tochter, und fragte:
Väterchen kömmt ja so frühe vom Schlaf? Hat der häßliche Kater
Wieder gemaut? ein Hühnchen beim Eierlegen gekakelt?
Oder Susanna zu laut mit dem Waffeleisen geklappert?
Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau:
Weder gemaut hat ein Kater, mein Kind, noch ein Hühnchen gekakelt,
Oder Susanna zu laut mit dem Waffeleisen geklappert;
Unser Gespräch, und die Freude, mein Töchterchen! deines Geburtstags
Machte mein Herz unruhig. Wohlauf nun, zündet uns Feuer
An, und Kaffe gekocht; die lieben Kinder sind durstig!
Also sprach er; da rief die alte verständige Hausfrau:
Dorthin das Feuer, Hans, an den blühenden Genst; daß der Wind uns
Nicht bewehe mit Rauch. Hier am weitschattenden Buchbaum
Ruhen wir, dessen Rinde mit unseren Namen schon pranget.
Hier ist liebliche Kühlung und zartes Gras, und die Aussicht
Ueber den See nach dem Dorf’ und beiden fruchtbaren Ufern.
Sammelt nun Holz, ihr Kinder; wer fischen will, scheue kein Wasser!
Fröhlich eilten die Kinder den Hügel hinan, der mit dunkeln
Tannen und hangendem Grün weißstämmiger Birken bekränzt war,
Fanden Kien und Reiser, und sammelten. Aber der Hausknecht
Fing die sprühenden Funken des Stals in schwammigen Zunder,
Faßt’ ihn in dürres Laub, und schwung es umher, bis dem dickern
Qualme das leuchtende Feuer entloderte; häufte dann flüglich
Reiser und Kien, daß die Flamme, des Harzes froh, durch den Holzstoß
Knatterte; sezte darüber den Dreifuß, und auf den Dreifuß
Schnell den verschlossenen Kessel, gefüllt mit der Quelle des Gartens;
Wehend umleckt’ ihn die Flamm’, und es brauste der siedende Kessel.
Aber Mütterchen goß in die bräunliche Kanne den Kaffe
Aus der papiernen Tute, gemengt mit klärendem Hirschhorn,
Füllte mit kochendem Wasser die Kann’, und stellte sie knieend
Ueber die Glut, bis steigend die farbige Blase zerplazt war.
Schleunig rief sie anizo, das Haupt um die Achsel gewendet:
Seze die Tassen zurecht, mein Töchterchen; gleich ist der Kaffe
Gar. Die Gesellschaft nimt mit unserm täglichen Steinzeug
Gern im Grünen vorlieb, und ungerichtetem Kaffe.
Unser Vater befahl es; und Weiberpflicht ist Gehorsam.
Sprachs; da nahm Luis’ aus dem Deckelkorbe die Tassen,
Samt der Flasche mit Rahm, und der blechernen Dose voll Zucker,
Ordnet’ es rings auf dem Rasen; und jezt, da sie alles durchmustert,
Neigte das blühende Mägdlein sich hold, und lächelte schalkhaft:
Nehmen Sie mirs nicht übel, Mama hat die Löffel vergessen.
Sprachs; da lachten sie all’, auch lachte die gütige Mutter,
Welche die dampfende Kanne dahertrug. Aber der Jüngling
Eilte zur nahen Birk’, und schnitt von den hangenden Zweiglein
Schöngeglättete Stäb’, und vertheilte sie rings der Gesellschaft.
Freundlich reichte Luise dem lieben Papa und dem Jüngling
Pfeifen dar, und Toback in der hecklichten Hülle des Seehunds.
Und sie lagerten sich im weichen Gras’: an des Vaters
Rechte der Knab’ und Mama, die den klaren Trank in die Tassen
Rühmend goß; und zur Linken die schöne Luis’ und der Jüngling.
Zwar sie kostete selten des Kaffees; aber gefällig
Trank sie heut ein wenig, und russischen Thee mit dem Kleinen.
Liebreich sprach der Vater, die rosige Wang’ ihr streichelnd:
Kind, dir brennt ja die Wange wie Glut. Zwar ist es nicht übel
Anzusehn; doch nim dir, mein Töchterchen, wegen der Zugluft
Etwas mehr um den Hals: man erkältet sich leicht in der Hize.
Aber die Hand ihm küssend erwiederte freundlich die Tochter:
Zugluft heißt nun die Kühlung des Walds? Wir gingen ja langsam,
Ruheten auch oft im Schatten. Ich bin nur so fröhlich, mein Vater!
Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau:
Ja, du geliebte Tochter, ich bin auch fröhlich! so fröhlich,
Als die singenden Vögel im grünen Wald’, und das Eichhorn,
Welches die Zweige durchhüpft, um die Jungen im hangenden Lager!
Achzehn Jahr sind es heute, da schenkte mir Gott mein geliebtes
Einziges Kind, so gut, so verständig und fromm und gehorsam!
Wie doch die Zeiten entfliehn! Zehn kommende Jahre, wie weithin
Dehnt sich ihr Raum vor uns! und wie schwindet er, wenn wir zurücksehn!
Wahrlich mir deucht, es war erst gestern, als ich im Garten
Ging, und Blätter zerpflückt’, und betete; und nun mit Einmal
Freudig die Botschaft erscholl: Ein Töchterchen ist uns geboren!
Manches beschied uns seitdem der Allmächtige, Gutes und Böses.
Auch das Böse war gut! denn Seine Gnad’ ist unendlich!
Weißt du Frau, wie es einst nach langer Dürre geregnet,
Und ich Luis’ auf dem Arme, mit dir in der Frische des Gartens
Athmend ging; wie das Kind nach dem Regenbogen emporgriff,
Und mich küßte: Papa! da regnet es Blumen vom Himmel!
Streut die der liebe Gott, damit wir Kinder sie sammeln? —
Ja, vollblühende Segen des Himmels streuet der Vater,
Welcher den Bogen der Huld auspannete! Denk’ ich des Vaters,
O dann erhebt sich mein Herz, und schwillt von liebender Inbrunst
Gegen unsere Brüder, die rings die Erde bewohnen:
Zwar verschieden an Kraft und Verstand; doch alle des Vaters
Liebe Kindlein, wie wir! von einerlei Brüsten genähret!
Und nicht lange, dann geht in der Dämmerung eins nach dem andern
Müde zur Ruh, von dem Vater im kühlen Lager gesegnet,
Hört süßträumend der Winde Geräusch und des tropfenden Regens,
Schläft, und erwacht gestärkt und verständiger. Kinder, wir freun uns
Alle vereint, wann Gottes verklärterer Morgen uns aufweckt!
Dann erfahren auch wir mit der Wahrheit, daß Gott die Person nicht
Ansieht; sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht thut,
Alle, die Gutes thaten in Einfalt; freun uns mit Petrus,
Abraham, Sokrates, Paulus, Konfuz und Homer, und dem edeln
Mendelssohn! Der hätte den göttlichen Mann nicht gekreuzigt!
Ihm antwortete drauf der edle bescheidene Jüngling:
Traurig nur, wenn ein Kind, das der Rede des Vaters schon aufmerkt,
Sich das erwähltere dünkt, und die Brüder, welche noch lallen,
Oder des Vaters Worte sich anders deuten, voll Hochmut
Schilt und martert und würgt! Man erzählte mir neulich ein Mährlein.
Einsmals kam ein Todter aus Mainz an die Pforte des Himmels,
Poltert’ und rief: Macht auf! Da schaute der heilige Petrus
Aus der leise geöffneten Thür’, und fragte: Wer bist du?
Ich? ein katholischer Christ des allein heilbringenden Glaubens!
Seze dich dort auf die Bank! rief Petrus wieder verschliessend.
Hierauf kam ein Todter aus Genf an die Pforte des Himmels,
Poltert’ und rief: Macht auf! Wer bist du? fragte der Jünger.
Ich? ein kalvinischer Christ, des allein heilbringenden Glaubens!
Dort auf die Bank! rief Petrus. Da kam auch ein Todter aus Hamburg,
Poltert’ und rief: Macht auf! Wer bist du? fragte der Jünger.
Ich? ein lutherischer Christ, des allein heilbringenden Glaubens!
Dort auf die Bank! rief Petrus. Nun saßen sie, schauten bewundernd
Sonnen und Mond’ und Stern’ in harmonischem Tanz, und vernahmen
Harfentön’ und Gesäng’, und athmeten Düfte des Himmels;
Und ihr Herz ward entzückt zum hellen Gesange: Wir glauben
All’ an Einen Gott! Da mit Einmal sprangen die Flügel
Rauschend auf, daß umher des Himmels Glanz durch den Aether
Leuchtete; Petrus erschien, und sprach mit freundlichem Lächeln:
Habt ihr euch nun besonnen, ihr thörigten Kinder? So kommt denn!
Also redeten jene vertraulich unter einander.
Aber die Jungfrau ging, und mühte sich hütend am Feuer,
Daß sie des Vaters Pfeif’ anzündete, welche dem guten
Greise beim heftigen Reden erloschen war; reichte sie jezt ihm
Brennend, und spuckte viel, und machte krause Gesichter.
Lächelnd dankte Papa, und küßte das rosige Mägdlein;
Und sie lagerte sich. Da sprach die verständige Hausfrau:
Kinder, der Kaffe wird kalt; ihr prediget immer und ewig!
Habt ihr auch Rahm und Zucker genug? Rührt um mit den Löffeln!
Als sie nunmehr im Grünen mit Kaffe und Thee sich gelabet,
Schenkte Mama auch dem Knechte, der pfeifend am Ufer umherging;
Anfangs strebt’ er sich, etwas beschämt; und nahm es doch endlich.
Jezo wandelten sie, von längeren Schatten begleitet,
Auf dem duftenden Hügel, wo rings weißstämmige Birken
Grünten, und Tannengesträuch, das die gelblichen Sprossen emporhub.
Einzeln rauscht’ auch umher manch hochgewipfelter Mastbaum,
Alle vom Winterorkane des siebenundvierzigsten Jahres
Oestlich gebeugt. Sie umschauten die weithin lachende Landschaft,
Plauderten viel, und sangen empfundene Lieder von Stolberg,
Bürger und Hagedorn, von Claudius, Gleim und Jacobi;
Auch, Freund Hölty, von dir, und beklagten dich, redlicher Jüngling!
Unter den Wandelnden sprach die alte verständige Hausfrau:
Kinder, die Sonne schwebt fast über den Wipfeln des Waldes,
Und die duftigen Wolken verkünden uns Thau, der den Kräutern
Wachsthum bringt, doch leicht den gelagerten Menschen Erkältung.
Unser Vater ist alt, und das Jüngferchen kleidet sich immer
Luftig und kühl; das Ei will ja klüger sein, wie die Henne!
Kommt denn, und schmaust, ihr Lieben: die Feldluft reizet den Hunger.
Sprachs, und ging in das Thal; und willig folgten die andern.
Als sie den blumigen Rasen des weitumschattenden Buchbaums
Jezo erreicht; da eilten Mama und die freundliche Jungfrau
Hin zu dem Kahn am Ufer, und brachten im zierlichen Tischkorb
Feines Gedeck, Eßlöffel und englische Messer und Gabeln,
Brachten die Zuckerbüchs’ und die Teller, spanische Erdbeern
Auf eiförmiger Schüssel, und fette Milch in gestülpter
Porzellanener Kumme, geformt wie ein purpurner Kohlkopf,
Welche mit wärmendem Punsche der Vater pflegte zu füllen,
Wenn ein Freund ihn besucht’ in den sausenden Tagen des Winters;
Brachten dann zierlich geordnet die Bachkrebs’, ähnlich den Hummern,
Und zween kalte gebratne Kapaun’, umhüllt vor den Fliegen;
Brachten mit Zucker bestreut vielrautige bräunliche Wafeln,
Und die duftende Frucht der grüngestreiften Melone;
Gelb gezeichnete Butter in bräunlicher Dos’, auf dem Deckel
Lag ein käuendes Rind zum Handgriff; lieblichen Schafkäs’
Und holländischen Käs’, und einen gewaltigen Rettig
Für Papa; auch Kirschen und roth’ und weisse Johannsbeeren.
Aber die Jungfrau neigte sich hold, und sprach zur Gesellschaft:
Frisch heran, ihr Kinder, und lagert euch! Aber ihr müßt auch
Unser ländliches Mahl entschuldigen. Schilt nicht, du lieber
Alter Papa; dann heut am Geburtstag’ hab’ ich Erlaubniß,
Recht unartig zu sein; und du trinkst doch meine Gesundheit!
Mutter, du böse Mutter, du hast den Wein ja vergessen!
Ihr antwortete drauf die alte verständige Hausfrau:
Dirne, du bist mutwillig! Ein Glück, daß der Dirne Geburtstag
Einmal im Jahre nur kömmt; sonst wüchsen die Bäum’ in den Himmel!
Siehe, der ehrliche Hans hat Milch und Wein uns bedachtsam
Dort im Schilfe des Seees gekühlt: da bringt er den Korb schon.
Ehrbar nahte sich Hans mit dem Weinkorb, sezt’ ihn am Buchbaum
Nieder, und zückte den Hut, und sprach: Gott segne die Mahlzeit!
Aber der Kleine sprang zu dem Malbusch, wo er die Erdbeern
Hatte versteckt, und stellte den duftenden Korb auf den Teppich,
Von dem bedeckenden Laub’ ihn entledigend: Vater und Mutter
Freuten und wunderten sich, und hörten des Knaben Erzählung,
Lobten den Korb, und priesen die saftige Röthe der Erdbeern.
Also schmausten sie dort, in behaglicher Ruhe vereinigt,
Auf dem blumigen Rasen des weitumschattenden Buchbaums.
Tiefer sank die Sonne, und goß vielfarbige Schimmer
Durch das säuselnde Laub; die Vögelein sangen, vom Kornfeld
Lockte die streifende Wachtel, die Ringeltaub’ in dem Ulmbaum
Gurrt’, und es krächzte der Rack mit himmelblauem Gefieder.
Jezo füllte Papa die Gläser mit goldenem Steinwein,
Den ihm die gnädige Gräfin zur Stärkung seiner Gesundheit
Sendete, als sie im Lenz aus der Stadt in ihr grünendes Landgut
Wiederkam; doch lang’ unentsiegelt stand er im Keller,
Aufgespart für der lieben und einzigen Tochter Geburtstag:
Hiemit füllte die Gläser der Greis, und sprach zur Gesellschaft:
Klingt mit mir an, und trinkt der lieben Tochter Gesundheit.
Sprachs; und es klangen die Gläser mit hellem Gekling’ an einander.
Nur des Jünglings Glas verstimmte den Klang mit taubem
Puff; da schüttelte zürnend der Vater sein Haupt, und bedräut’ ihn:
Tausendmal hab’ ich ihn, Sohn, an die Erzuntugend erinnert!
Klappt nicht immer sein Glas, wie ein spaltiger Topf, und des neuern
Dichterschwarms ungeschliffne Hexameter? Kann er nicht anders,
Oder gefällt es ihm nicht? Ein jegliches Ding hat doch Regeln!
Kein Vernünftiger faßt an des Glases Kelch, wenn er anklingt;
Nein, an den Fuß! Dann klingts wie Harmonieenklang in den Glückwunsch!
Drauf antwortete lächelnd der edle bescheidene Jüngling:
Nicht so gezürnt, mein Vater! Das rosenwangige Mägdlein
Blickte mit schelmischem Auge mich an; da vergaß ich die Regel.
Sprachs; da droht’ ihm Luise mit aufgehobenem Finger,
Feuerroth; und sie lachten des hold erröthenden Mägdleins.
Aber Hans, dem die Mutter ein kleineres Tuch an den Maibusch
Hingedeckt, und es reichlich mit Trank und Speise belastet,
Schenkte sein Glas voll Weins, und trat vergnüget zur Gesellschaft,
Langsam, nicht in das Gras den edlen Trank zu verschütten,
Neigte sein Haupt und trank: Der Jungfrau werthe Gesundheit!
Rückwärts den Nacken gebeugt und lächelnd. Als er den lezten
Tropfen geschlürft; da schwenkt’ er sein Glas, und sprach zu der Jungfrau:
Segne der liebe Gott das Jüngferchen! hab’ ich so manchmal
Doch als lallendes Kind auf meinem Arm sie geschaukelt,
Daß sie im Spiegel ihr Bild anlächelte! Schmuck war sie immer,
Und so fromm, wie ein Engel! Ihr Bräutigam preise sich glücklich!
Schalkhaft gab ihm darauf die schöne Luise zur Antwort:
Hänschen, willst du mich frein? Ich hab’ in der Kiste so manchen
Blanken Thaler gespart: mein Patengeschenk, und mein Weihnacht!
Aber mit hastiger Stimme begann die verständige Hausfrau:
Sagt’ ich es nicht? Der Rasen ist naß! Wir müssen nun aufstehn;
Oder Husten und Schnupfen wird unser Lohn vom Geburtstag
Schmaust die Kirschen im Kahn, ihr Kinderchen, und die Johannsbeern.
Also sprach sie in Eil’, und willig folgten die andern,
Trugen des Mahles Geräth’ in den räumigen Kahn des Verwalters,
Traten dann selber hinein; und der Knecht stieß ab von dem Ufer.
Fernher glimmten wie Gold die Fenster der Kirch’ und des Schlosses,
Welche die sinkende Sonne beleuchtete; rings an den Ufern
Hingen Gebüsch’ und Saaten, von röthlichem Scheine beduftet,
Umgekehret in der Flut, und zitterten über zerstreuetem
Rothem Gewölk; und die Heerd’, und die singende Magd bei der Milchkuh.
Langsam ruderte Hans am Gestad’, und ermahnte die Jungfrau,
Welche bang’ an den Jüngling im wankenden Kahne sich anschloß.
Aber es freute sich Karl des vorübergleitenden Ufers,
Und des Hechts, der vom Abend beglänzt aus dem Wasser emporsprang,
Und wie des Ruders Bild an dem Kahn in der sanften Umwallung
Schlängelte; grüßte dann laut den Wiederhall in des Hügels
Oedem Gemäuer, liebkost’ ihn und schalt, und lachte der Antwort.
Immer noch zagte Luis’, an den Jüngling gelehnt, und drückt’ ihm
Aengstlich die Hand. Da begann die alte verständige Hausfrau:
Wie das närrische Mädchen sich anstellt! Ist denn der Kahn nicht
Groß und breit? Sei ruhig, mein Töchterchen, oder ich wiege.
Sonst so keck und verwegen, wenns gilt, in die Bäume zu klettern,
Ueber die Graben zu springen, und hoch in der Luft sich zu schaukeln!
Nim das seidene Tuch um den Hals, mein Kind: auf dem Wasser
Kühlt doch die Abendluft, und Vorsicht reute noch niemand.
Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau:
Sei nicht bange, mein Kind, und verhülle dich; besser ist besser.
Gott sei Dank für den herlichen Tag, und den herlichen Abend!
Also lächle dereinst der Abend unseres Lebens!
Matt schon glüht’ im Westen die Glut; ein Stern nach dem andern
Trat aus dem Glanz, mit Silber des Himmels Bläue durchfunkelnd:
Als der rauschende Kahn an der krüplichten Eiche des Ufers
Landete. Lieblicher Duft umwehte sie; aber sie eilten
Durch die wellichten Schwade des thauschimmerten Heues,
Längst dem grenzenden Walle, bepflanzt mit Dornen und Haseln:
Wo die heisere Grille noch zirpt’, und im Grase der bläulich
Flimmernde Glühwurm lag. Nun stiegen sie über das Gatter,
Kamen ins Dorf, und grüßten die stille Schaar vor den Häusern,
Und des Verwalters Knecht, der die klingende Sens’ auf dem Ambos
Hämmernd schärft’, um morgen die grasichte Wiese zu mähen.
Abendlich pickte die Uhr, und schrie die Eul’ in dem Kirchthurm;
Und sie empfing an der Pforte der Hund mit freundlichem Wedeln.
