Ist die Gesellschaft schlecht, wenn auch gebildet,
Was man so Bildung nennt: den blöden Klatsch
Von Schauspiel, Tanz, vom Putz, der neuen Mode,
Wie’s Städter wünschen, — zieh’ ich mich beiseit
Am vollen Wirtstisch, näher zu den Bauern,
Wo wenigstens der Rüpel echter Rüpel
Und nicht zum Schwane sich das Gänschen putzt.
So war’s am letzten Sonntag zu Sineben,
Wo sich in Plangers Garten wölbt der Birnbaum.
Ich sah den Burschen zu, die mit den Mädchen
Nach Landessitte Liebesgaben tauschten:
Er bot die Alpenrose, lächelnd reichte
Den Becher sie, aus welchem sie genippt,
Und lauter scherzten die Genossen rings.
Da klang vom nahen Turm die Abendglocke,
Sie schwiegen, standen auf; wer kurz zuvor
Am muntersten geschwätzt, der faltete
Die Hände zum Gebet andächtig jetzt,
So daß, wie uns die fromme Sage meldet,
Das Weh’n des Engelsfittichs war zu spüren,
Der auf die Fluren goß den Abendtau.
Da kam der Meßner, hell wie seine Glocke
Bot allen er den Gruß, das Lederkäppchen
Vom weißen Haare lüftend. Hinter ihm
Ein alter Kamerad, nachhinkend langsam
Half er dem Stelzfuß mit dem Krückenstock.
Er rief den Meßner an: „Weißt du es noch?
Weißt du es noch? Vor dreiundsechzig Jahren
An diesem Tag, zu dieser Abendstunde, —
Die Serlos schimmerte so rot wie heut, —
Da strichest du zum Totentanz die Geige,
Ich blies die Flöte; — Teufels auch! Dafür
Legt’ ich als Trinkgeld in den Fuß die Kugel
Und in die Hand die Krücke für mein Lebtag!“
„Du hast gegeigt?“ — sprach keck ein Bursch zum Meßner, —
„Und jetzt ziehst du nur mehr am Glockenstrang
Und mahnst uns zum Gebet! ei, ei, so sind
Sie alle, unsre Alten!“ —
„Halt dein Maul!“
Rief barsch der Stelzfuß, — „ging’s zum Tanze heut,
Wie damals ward getanzt, du säßest bleich,
Es schlotterten vielleicht die Kniee dir:
Wir aber spielten unser Instrument,
Daß keine Note klang im falschen Takt.“ —
„Was schwätzest du?“ — der Bursch schlug mit dem Schlagring,
Daß hoch die Gläser hüpften, auf den Tisch, —
„Wär’ braun dein Haar, ich riefe dich zum Robeln
Dort auf den Anger und du solltest spüren,
Wie fest die Knochen und das Mark so kräftig!
Doch du bist grau! dafür erzähl’ uns heut
Vom Totentanz; man hört gar mancherlei.
Wie war es denn? Ihr wißt es beide ja!“ —
„Erzählen, ich? hm, laßt’s den Meßner tun,
Der vor dem Altar täglich psaltern muß
Und mit dem Geistlichen verhandelt stets.“ —
„Erzähl’ uns, Vetter!“ rief die schmucke Dirne,
„Erzähl’ uns, ja! dafür bring’ ich dir zu
Das volle Glas und hier die Alpenrose,
Die mir der Jörgel heut vom Joch geholt.
Du greine nur! Zur Alpenrose kriegt
Der Meßner heut sogar ein Bussel noch!“
Da wischte mit der Hand der Bursch das Maul,
Die andern lachten, doch der Meßner trank
Das volle Glas, das ihm die Zunge löste.
„Erzählen, ja! Dort in dem Larchet stand,
Just sind es heute dreiundsechzig Jahr,
Und doch ist’s mir, als wären’s Tage kaum, —
Die Vorhut der Franzosen, blau wie Flachs.
Im Greutach jenseits lauerte Purtscheller
Mit seinen Kompagnien aus dem Stubai.
Die Blauen ahnten nichts; es sind zu breit
Die Felder rings für einen Stutzenschuß
Und offen überall. Dort auf dem Rain, —
Seht ihr im Kirchturm eingemauert noch
Die Kugel stecken? — standen zwei Haubitzen,
Sie hielten fern die Schützen in Respekt.
Was war zu tun? — Erlös’ uns von dem Uebel!
So beteten wir täglich zwar und dachten
Dabei an die Franzosen, doch was half’s?
Was half der Haß? — ein Kapital von Gift,
Das durch die Frevel wuchs, die jeden Tag
Als Zinsen sie dazu gehäuft! Sie stahlen ...
Das war noch wenig! sie verhöhnten uns,
Wenn wir die Sprache unsres Volkes sprachen;
Wir sollten nicht mehr beten, wie die Väter
In langer Reihe bis auf uns getan.
Ja, Kinder, davon wißt ihr nichts! — Was half’s?
Wir sannen, doch Gedanken töten nicht!
Was uns nicht einfiel, kopften aus die Mädchen...
Nur Eine nicht, die liebte einen Blauen,
Den schmucken Korporal bei dem Geschütz.
Er liegt begraben in des Friedhofs Ecke,
Nicht weit davon seht ihr das Kreuzlein schimmern,
Wo sie begraben liegt. An jedem Abend,
Wo ich die Glocken ziehe, bet’ ich auch:
Herr, gib die ew’ge Ruh der armen Seele!
Doch das gehört nicht her! Gelt, Martin, nein! —“
Er bot die Hand dem alten Kameraden
Wemümütig fast, doch dieser schwieg und düster
Flog über sein Gesicht es wie ein Schatten
Vergang’ner Zeit, erfüllt vom tiefsten Schmerz.
„Die Mädchen kopften aus,“ fuhr fort der Meßner,
„Nur jene wußte nichts! Der Plan war fertig
Und zugeteilt erhielt die Rolle jeder.
So stieg der Abend still und feierlich
Vom Himmel nieder, recht ein Feierabend,
Als stünde Gott am Tor des Paradieses.
Zur Kirche ging ich, zog die schwerste Glocke,
Daß dreimal sie hinausklang auf die Felder.
Laut fluchend sprang ein Offizier herbei:
„Was treibst du, Bauer? Wenn du Zeichen gibst,
Laß ich dich heut noch vor dem Altar hängen.““ —
„Ja freilich Zeichen!“ sagt’ ich schmunzelnd ihm,
„Wärt ihr nicht gottlos, müßtet ihr doch wissen,
Daß morgen Festtag! He! heut wollen wir
Dort auf der Wiese tanzen, daß es fliegt.
He! da wird’s lustig sein! —“
Es huschten schon
Die Mädchen aus den Häusern, schön geschmückt,
Am Busentuch den Rosmarin, die Nelke,
Wie’s eben Brauch. Sie kicherten, sie scherzten,
Doch spielte um die Lippen nur das Lächeln
Wie bei der Judith in der heil’gen Schrift.
Bald hörte man im Dorfe da und dort
Die Bursche jauchzen, doch es klang wie Hohn,
Wenn Robler sich und Robler trutzig fordert.
Wie gafften die Franzosen voll Besorgnis
Und prüften die Gewehre für den Kampf!
Bald merkten sie, daß es zum Tanze ging,
Rasch waren sie beim Zeug! — Das wußten wir
Und luden keinen, mochte jeder dann
Als ungebet’ner Gast erdulden auch,
Was über ihn erging. So kamen sie
Und jauchzten wie der Hahn dort auf dem Zaun,
Eh’ ihn das Messer in die Küche holt.
Der Gastwirt legte auf den Schragen quer
Die Fässer hin in Reihen: Wein und Schnaps.
Er zapfte an, sie tranken durcheinander,
Die Späße flogen spitzig hin und her,
Wie’s eben ging: wir deutsch, sie kauderwelsch:
Wir schenkten ein, wir brachten ihnen zu
Im Glas den Todestrunk. Martin und ich
Bestiegen jetzt den Tisch und setzten uns.
Die Geige klang, die Flöte lockte sanft:
Wer nicht im Dienste war, sprang schnell herbei:
Wer auf dem Posten, — mocht’ er murren auch!
Dem schickte wohl ein Freund die Flasche zu
Als Trösterin, bis an den Strich gefüllt.
Die Geige klang, die Flöte lockte sanfter,
Noch mancher schlich herbei und ward bestrickt
Und flog vergessend hin im leichten Tanz.
Wir spielten feuriger, die Augen flammten
Von Wein und Liebe schon — von Rache auch!
Doch ruhig schimmerte, wie eben jetzt,
Der klare Abendstern aus blauer Tiefe.
Sie sahen’s nicht; nur ausgelassner noch,
Nur kecker wurden die Franzosen noch,
Daß scheu die Mädchen schon und ängstlich bebten.
Von meiner Stirne rannen hell die Tropfen,
Ich blickte lauschend auf die Aecker hin:
Die Aehren nickten in dem Abendhauch,
Sie zitterten — da — da, wie sie der Fuchs
Erschüttert, wenn die Wachtel er beschleicht ...
Die Schützen waren’s! — Alles wieder ruhig!
Jetzt fegt’ ich wilder, toller noch die Geige,
Noch wilder, toller wirbelte der Tanz,
Als wie am Hexenpfinztag auf der Serlos
Knapp vor dem Abgrund hin der Reigen stiebt.
Ich horchte bang ... ein leises Knacken scholl,
Wie Schnitterhand die Roggenhalme knickt,
Kaum hörbar einem ungeübten Ohr ...
Sie spannten schon den Hahn ... die Stunde kam!
Die Geige fegt’ ich wilder, toller noch,
Daß fast die Saiten barsten; toller noch,
Noch ausgelass’ner tobte hin der Tanz.
Vom Busen riß, — sie hielten’s für erlaubt! —
Schon ein Franzos dem Mädchen seinen Strauß...
Ein Blitzen durch die Nacht, ein Krachen rings, ..
Mich lösten Trommel jetzt und Schwegel ab.
Wie oft beim Spiel: die einen Kegel fallen,
Die andern stehen noch, so wälzten die Franzosen
Am Boden sich, die Mädchen blieben aufrecht
Und starrten hin und stoben auseinander.
Und flüchteten sich durch die Gassen heim,
Nur Eine nicht! — Nur meine Schwester warf
Sich nieder auf den toten Korporal
Und küßte seine bleiche Stirn ... ein Schrei
So schrill, wie meine höchste Saite mir
Zu stimmen nie gelungen! Von der Brust
Riß sie die blutbespritzten Nelken weg
Und sprang empor, das Angesicht wie Schnee,
Das Auge weit, halb auf den Mund ... sie wankte,
Erschrocken fing sie Martin auf, doch lachend,
Wie’s aus der Hölle klingt, stieß sie ihn fort,
Daß taumelnd er zu Boden fiel, und stürzte
Hinaus in Nacht und Dunkel.“ —
„Ja, so war’s!“
Sprach Martin seufzend, „lange sucht’ ich sie,
Doch endlich kehrte selber sie zurück.
Der Herrgott hatt’ ihr den Verstand genommen,
Für sie war’s gut; doch wir, wir sah’n sie täglich
Dort in der Ecke auf dem Grabe knieen,
Im Lenz auf Blumen und auf Schnee im Winter,
Gebete murmelnd, bis sie endlich langsam
In sich verward ... Ihr wißt es, ich blieb ledig
Und werd’ es bleiben wohl bis an den Tod!“
Er schwieg. Entwichen war die Lust, der Scherz,
Verstohlen rann so manche Träne nieder.
„Das war der Totentanz!“ begann der Meßner,
„Der Totentanz, von dem man red’t und reimt
Auch heute noch; doch brummten uns den Kehraus
Dort die Haubitzen: in den Turm schlug prasselnd
Die Kugel, die ihr eingemauert seht.
Sie brummten nicht gar lang, die Schützen schlossen
Die schwarzen Mäuler bald. — Am nächsten Morgen
War das Tedeum. Unser Pfarrer stand
Im Goldornate vor dem Altar schon,
Ich sollt’ die Geige spielen. Nur mit Grauen
Ergriff ich sie. Grell wimmerten die Saiten,
Als ich sie spannen wollte; wirr und schrill
Klang unterm Strich ein Ton, wie niemals noch,
Daß ich erschrak, als fasse Wahnsinn mich.
Ich sprang vom Chore fort, fort an den Bach,
Der nieder von den Schrofen springt ins Tal,
Die Geige warf ich schaudernd in das Wasser;
Die Wellen trugen sie von Stein zu Stein
Und dumpfer schlug sie an von Stein zu Stein,
Bis sie zerschellt in Splitter mir entschwand.
Das Geigen ließ ich ganz und lieb’ ich auch
Musik noch immer, mag ich nicht die Geige.“
Er schwieg und alle schwiegen, nur das Rauschen
Des Baches klang von weitem durch die Nacht;
Und als das Schweigen endlich sich gelöst,
Da wagten sie zu flüstern kaum. Er sprach:
„So war es einst vor dreiundsechzig Jahren!
Und betet ihr den Abendrosenkranz,
Dann bittet Gott, er soll bewahren euch
Vor dem, was eure Väter einst erlebt!“
Das Käppchen lüftend von dem weißen Haar
Bot er den Scheidegruß, sie standen auf,
Als er von dannen ging, wie vor dem Pfarrer.
Die Städter hatten aufgehört zu klatschen
Von Schauspiel, Tanz, dem Putz der neuen Mode,
Ich aber rief nach Licht und schrieb zur Stunde,
Was heut erzählt die Greise, treulich auf.
