1.
Willst du mit einem Male
Zeigen uns das ew’ge Leben,
O so befiehl dem Oste,
Dir den Schleier aufzuheben!
2.
Sollte mich in plötzlichem Ruin
Feuerblick und heitre Laune flieh’n,
Sollte sich durch Ader und Gebein
Bange Qual und dumpfe Schwere zieh’n –
Nicht, o nicht mit herben Arzenei’n,
Denn ich hasse diese Medicin,
Komm zu mir mit einem Becher Wein,
Komm mit Laute, Flöte, Tamburin!
Wirket das zu wenig auf mich ein,
Komm mit einem süßen Mundrubin!
Wird umsonst auch diese Mühe sein –
Dann Ade! dann sprich: Begrabet ihn!
3.
Enthalte dich der Nüchternheit,
So bist du auf der rechten Bahn;
Denn daß der Rausch zur Seligkeit
Unnütze sei, das ist ein Wahn.
Wahrhafter Offenbarung Licht,
Das wirst du nur im Rausch empfah’n;
Denn das der Unberauschte nicht
Ganz finster sei, das ist ein Wahn.
Sieh an den Mönch, den fluchenden,
Und nimm dir ein Exempel dran!
Denn daß er nicht mit Haut und Haar
Des Teufels sei, das ist ein Wahn.
Mit aller Andacht früh und spat
Lies in der Schönheit Alkoran!
Denn daß ein ander heilig Buch
Authentisch sei, das ist ein Wahn.
Nur nicht dein Ich vergöttere;
Doch was du liebst, o bet’ es an!
Denn daß die Liebe Götzendienst
Und Ketzerei, das ist ein Wahn.
Wie kniet Hafis vor seinem Stern!
Und o, wie ist es wohlgethan!
Denn daß dem Gott der Liebe fern
Die Liebe sei, das ist ein Wahn.
4.
Zechen will ich Glas auf Glas,
Küssen will ich Kuß auf Kuß,
Lieben will ich ohne Maß,
Trinken will ich ohne Schluß.
5.
Frage nicht: »Welch einen Nutz
Schafft die Trunkenheit?«
Vom Verstande, wenn du trinkst,
Bist du rein befreit.
6.
Ein Wohlerfahrner giebt die Lehre:
»Statt dich auf Studien, ernste, schwere
Und tiefe gründlich zu verlegen,
Trink’ und erwarte des Himmels Segen!«
7.
Bringe mir den Stein der Weisen,
Bringe mir den Becher Dschemschid’s,
Mir den Spiegel Alexander’s
Und das Siegel Salomonis,
Bringe mir mit einem Worte,
Bring’, o Schenke, bringe Wein! –
Wein, daß ich die Kutte wasche,
Die befleckte von des Hochmuths
Und des Hasses schwarzem Makel,
Wein, daß ich das Garn des Unsinns,
Welches über Welt und Leben
Pfäffischer Betrug gebreitet,
Mit gestärktem Arm zerreiße,
Wein, daß ich die Welt erobre,
Wein, daß ich den Himmel stürme,
Wein, daß ich mit einem Sprunge
Ueber beide Welten setze,
Bring’, o Schenke, bringe Wein!
8.
Was willst du, daß ich bete?
Was willst du, daß ich büße?
Ich bin nur eine Fliege
Und schwirre nach der Süße.
9.
Nicht kirre mich, o Scheich, mit Betkorallen!
Ich werde nicht in deine Netze fallen;
Denn ich gehöre zu der Ketzersekte
Der rosenhauchberauschten Nachtigallen.
10.
Ich mühte mich, ein Stein zu sein,
Von dumpfer Zelle Nacht umfangen;
Was half es, ach, da aus dem Stein
Der Liebe Helle Funken sprangen?
11.
Ich hatte gestern Skrupel
Und ging zu meinem alten Wirth;
Der lös’te jede Frage,
Er ist ein ächter Seelenhirt.
Sogleich zu seinem Stalle
Zeucht er zurück ein jegliches
Der Schafe seiner Herde,
Das sich vom rechten Weg verirrt.
Er zeigte mir im Glase
Den Becher Dschem’s, den magischen;
In seiner Tiefe sah ich
Das Wahre klar und unverwirrt.
Ich sahe, daß voll Weisheit
Nur was die süße Nachtigall
Auf ihrem Aste flötet,
Die Taube, die verliebte, girrt.
Ich sahe, daß voll Tiefsinn
Die wunderliche Stanze nur,
Die uns der Käfer murmelt,
Der um den Kelch der Lilie schwirrt.
12.
Tief in Nacht und Dunkel
Sei der Liebe Posten,
Sei der Wonne Port!
An verrufnem Ort,
In der Geisterstunde
Deine Süße kosten
Laß mich, o mein Hort!
Der ich ohne dich
In der Sonnenhelle
Wandel’ als ein blasser,
Trauriger Geselle,
Geisterhaft zu seh’n,
Dorten in dem Grausen,
Wo die Geister hausen,
Werd’ ich in das Leben
Warm zurückekehren,
Werd’ ich als ein Jüngling
Blühend aufersteh’n.
13.
Zu gleichen einer Knospe dich,
Nie fall’ es einem Dichter ein,
Denn eine Knospe hatte nie
Ein gar so niedlich Mündelein.
14.
Ach nur einmal deine Lippe,
Also sprach ich zur Geliebten,
Reiche mir zum Festgenuß!
Denn es bricht ja sonst mein Herze. –
Gerne thät’ ich’s, o Hafis,
Sagte sie, allein ich fürchte,
Daß dein allzu heißer Kuß
Mir die zarte Lippe schwärze.
15.
Bitter ist die Welt und nicht
Ohne Kandel zu genießen;
Doch ich kenne Lippen, die
Diese ganze Welt versüßen.
16.
Ach, wie richtete, so klagt’ ich,
Saure Weisheit, Alter, Tugend
Mich so ganz und gar zu Grunde! –
Komm und sauge, sprach mein Liebchen,
Süße Thorheit, Sünde, Jugend
Leise mir vom Rosenmunde,
Linde mir vom Lilienbusen,
Und zu neuem Tag gesunde!
17.
Schön, wie Peris, ist mein Kind,
Und so gut, wie Engel sind,
Fern von allem Uebermuth,
Und für alle Fehle blind.
18.
Vom Geschlechte der Ceder ist mein schönes Kind;
Macht mir einen Sarg aus Cederholz!
So begraben, o wie werd’ ich wunderlind
Rasten, o wie freudig und wie stolz!
19.
Nie wallte sie zur Schule;
Nie führte sie die Spule,
Die kritzende, der Feder;
Nie vor dem Lehrerstuhle
Aufsagte sie ihr Sprüchlein,
Hafisens süße Buhle;
Doch diese Feine meistert
Die Meister all’ der Schule.