Die’s liebend geboren,
Hat Kindlein verloren.
Kaum sprechen noch kann es,
Zu fragen begann es:
„Sag’ Vater dem Kinde,
„Wo Mutter ich finde?“ —
‚Sie schläft bei den Frommen,
‚Nie mehr wird sie kommen.‘
‚Dort, sieh’, an der Eiche,
‚Dort ruht ihre Leiche.‘ —
Da schleichet sich leise
Zum Grabe die Waise.
Mit Fingerchen gräbt sie,
Zur Mutter hin strebt sie.
Am Sarge tief innen
Die Thränen dann rinnen.
„Ein Wörtlein nur leise
„Sprich, Mutter, zur Waise.“ —
‚Ach, Kind, könnt’ ich sprechen,
‚Die Erde durchbrechen!
‚Heiss glüh’n mir im Herzen
‚O Kind deine Schmerzen.
‚Geh heim, und erfreue
‚Die Mutter, die neue.‘ —
„Ach Mutter, die neue
„Kennt nicht Muttertreue.
„Das Brod, das sie schneidet,
Die Neue mir neidet.
„Gabst Brod mir du Mutter,
„Bestrichst du’s mit Butter.
„Roth perlen die Tröpfchen,
„Kämmt sie mir das Köpfchen.
„Du hielst mit Gekose
„Beim Kämmen mich Lose.
„Du decktest mit Küsschen
„Beim Waschen die Füsschen.
„Die Neue giebt Schläge
„Statt zärtlicher Pflege.
„Wäscht sie mir das Hemde,
„Wie flucht mir die Fremde!
„Dich sah ich’s vollbringen
„Mit freudigem Singen.
„O läg’ ich im Grabe,
„Wenn ich dich nicht habe!“ —
‚Heim Kindlein nun gehe,
‚Befiehl Gott dein Wehe.‘ —
„Ach! Mütterlein, weise
„Von dir nicht mich Waise!
„Im Grab lass mich liegen,
„Mich fest an dich schmiegen.“ —
An’s Grab, in den Flieder
Legt Kindlein sich nieder.
Still fliessen die Thränen
In kindlichem Sehnen,
Bis nimmer es weinet,
Der Mutter vereinet.