Sollt’ ich bang’ vor meinem Tode zittern?
Nein, ich zittre nicht vor meinem Tod!
Stürmt die Nacht mit Angstgewittern,
Glänzt der Morgen doppelt roth;
Ich will nicht vor meinem Tode zittern.
Gott hat mir Unsterblichkeit gegeben,
Weil er selbst unsterblich ist,
Und mein bestes, reinstes Leben
Ganz mit ihm verbunden ist.
Gott hat mir Unsterblichkeit gegeben.
Trocknen werden diese Leibessäfte,
Und mein mürbes Fleisch verzehrt der Wurm,
Aber meine ew’gen Kräfte
Gehn nicht unter in dem Sturm;
Trocknen nicht wie diese Leibessäfte.
Ich kann Tod und Untergang verachten;
Dies macht meinen kühnen Geist nicht krank;
Und mein bess’res, höchstes Trachten
Bändigt nicht des Sarges Schrank.
Ich kann Tod und Untergang verachten.
O wie oft, wie oft ist schon gestorben
Meine eitle Erdenkränklichkeit!
Bess’res Leben ist erworben
Durch den schmerzenvollen Streit;
Bess’res Leben! Ich bin nicht gestorben.
Menschenfreund ist nur der Tod auf Erden:
Stärkt in uns das heil’ge Himmelslicht,
Endigt Leiden und Beschwerden,
Schreckt und warnt den Bösewicht.
Menschenfreund ist nur der Tod auf Erden!
Daß wir harrend nicht in eitlem Wähnen
Stumpf genießen nur die kurze Zeit,
Weckt er Sehnen, weckt er Thränen,
Tilgt er die Zerbrechlichkeit,
Stört er dieses kalte, stumpfe Wähnen.
Komme, wann Du willst, mit Deiner Hippe,
Treuer Alter, guter Knochenmann!
Nicht Dein bleiches Beingerippe
Meinen Geist erschrecken kann;
Fürchte nicht das Blinken Deiner Hippe.
Sollte dort mein Vater mich verlassen,
Wenn der letzte Kampf mein Auge trübt?
Sollt’ er den im Tode hassen,
Der im Leben ihn geliebt?
Nein, mein Gott, Du wirst mich nicht verlassen.
