Blumen aus morgenländischen Dichtern gesammletAuswahlDer Betende.Knechte dienen um Lohn; ein Käufer handelt um Waare; sei im Gebet vor Gott weder ein Käufer, noch Knecht.Lege das Haupt zum Boden und sprich: Erzeige mir, Höchster, was dem Erbarmer gebührt, nicht was der Sünder verdient.Staub und Edelgestein.Edel bleibet der Edelgestein, und läg’ er im Staube; flög’ er gen Himmel empor, bleibet der Staub, was er ist.Die Abkunft.Rühme dich nicht des Stammes, von dessen Natur Du nicht mehr bist; was von dem glänzenden Feuer stammet, wird Asche genannt.Lockmanns Weisheit.Von den Thoren hab’ ich, sprach Lockmann, Weisheit gelernet; was mir an ihnen mißfiel, hab’ ich mir nimmer erlaubt.Der Edelste.Als Chatem-Tai, der Freigebige,gepriesen ward, er sei der Edelsteder Menschen, über ihn sei keiner mehr!sprach er: „Der bin ich nicht. Als Ich einmalvierzig Kameele meinen Gästen gab,fand auf dem Feld’ ich einen armen Mann,der Dorn und Disteln sammlete, dafürsich Mittagbrot zu kaufen. Unbekanntsprach ich ihn an: „Warum, Mühseliger,arbeitest du, und gehest lieber nichtzu Chatem-Tai’s Haus, wo jeder jetztim Ueberfluße speiset?“ „Wer das Brot,antwortet’ er, sich selbst erwerben kann,hat Chatem-Tai’s Haus nicht nöthig.“ Der,ihr Freunde, war ein Edlerer als ich.Der Redner und Zuhörer.Tadle den Redner nicht, für dessen Rede das Ohr dir fehlet; der Lehrer giebt Lehre, nicht Herz und Verstand.Bring’ ihm ein weites Gemüth, ein großes Feld der Begier mit, daß er mit Blumen und Frucht frölich besäe das Feld.Wissenschaft für Andre.Wer für Andre nur weiß, der trägt wie ein Blinder die Fackel, leuchtet voran, und geht selber in ewiger Nacht.Die Schlinge.Eine Schlinge kenn’ ich; sie fängt den schnellesten Vogel: Eine Fessel, sie zwingt auch den gewaltigsten Mann.Lieb’ ist diese Schlinge; das Haar der Geliebten, die Fessel, die uns Gedanken und Muth, Willen und Tugend bestrickt.Stolz und Güte.Süß ist der koloquintene Trank, den Güte dir darreicht; bitter der Zucker, den uns murrend der Stolze verehrt.Gott und der Mensch.Gott sieht Fehler, und decket sie zu; der menschliche Nachbar sahe sie nicht, und erzählt, was er nicht sahe, der Welt.Wüßten die Menschen, o ewiger Gott, von Menschen, was du weißt, Niemand der Lästernden mehr hätte vor Lästernden Ruh.Die Lüge.In Unmuth hieß ein König Augenblicksden Sklaven tödten, der ihm mißgefiel.Beraubet aller Hoffnung, stieß verzweifelndder Arme Lästrung aus. So greifet Der,der nicht entfliehn kann, selbst ins scharfe Schwert.„Was spricht er?“ fragt der König. „Herr, er spricht:(antwortet ein verständiger Mann am Thron.)Das Paradies ist Derer, die den Zornbezähmen, und dem Sterblichen verzeihn!“„So sei ihm dann verziehen!“ sprach der Fürst.„Nicht also!“ fiel ein Höfling ein. „Monarchenmuß man die Wahrheit sagen. Herr! er schalt!“„Und hätt’ er auch gescholten! sprach der König.Die Lüge dieses guten Mannes warmir nützlicher, als deine Wahrheit. Siebesänftigte mein Herz; du bringst es auf.“ * * * Des Menschenfreundes Lüge in der NothIst edler, als des Menschenhassers Wahrheit.Der Beleidigte.Wen du beleidiget hast, und hättst Du ihm, zur Versöhnung, tausend Gutes erzeigt, traue dem Manne nie ganz.Zogst du den Pfeil aus der Wunde, so bleibt doch lange der Schmerz nach; und im tiefen Gemüth wohnet am tiefsten ein Groll.Morgengesang der Nachtigall.Weißt du, was die Nachtigall singt? An jeglichem Morgen singt sie: „wer bist du, Mensch, daß dich die Liebe nicht weckt?Siehe, das Lüftchen weht, es säuseln die Blätter der Bäume; Jegliche Blume fühlt neu sich gestärket und jung.Jegliches Blatt der Rose wird Zunge, den Schöpfer zu preisen, Zunge wird jegliches Laub; und du verstummest, o Mensch?“Der nächste Freund.Näher als ich mir selbst, ist mir die Güte des Schöpfers; Wie dann, daß ich von ihm öfter mich fühle so fern?Kann ich den Freund, der in Armen mich hält, abwesend beweinen? Kann ich mich Dem entziehn, der mir mich selber geschenkt?Gottes- und der Könige Furcht.Fürchteten Gott wir so, wie wir die Könige fürchten, Engel wären wir dann, machten zum Himmel die Welt.Die eigene Weise.Jeglichem dünkt sein Witz und seine Weise die beste, wie sein eigenes Kind Jedem am schönsten gefällt.Wäre Verstand und Geist von unsrer Erde verschwunden; glaubete Jeglicher doch: „Meinen behielt ich zurück.“Kunst und Glück.Nicht durch Streben allein erlangt man Ehren und Reichthum; Mehr als alle Gewalt fördert ein günstiges Glück.Hingen hundert der Künste dir auch an jeglichem Haupthaar; alle hangen umsonst, kränzet das Schicksal sie nicht.Wissenschaft ohne Anwendung.Wer sich um Weisheit müht, und nicht anwendet die Weisheit, gleicht dem Manne, der pflügt, aber zu säen vergißt.Falscher und wahrer Werth.Ein verständig-nützlicher Mann ist die güldene Münze; wo sie erscheinet, kennt Jeder der Köstlichen Werth.Stand und Geburt dagegen, sie sind geprägetes Leder; über die Grenze hinaus gelten sie das, was sie sind.Das Gold.Leichter gewinnest du Gold tief aus dem Schoosse der Erde, als vom Reichen; er läßt eher die Seele von sich.Wünsche.Hätte die Katze Flügel, kein Sperling wär’ in der Luft mehr. Hätte, was Jeder wünscht, Jeder; wer hätte noch Was?Feindes Rath.Frage den Feind um Rath; doch nicht um dem Rathe zu folgen: Zeigt er zur Linken dir, gehe zur Rechten den Weg.Der Lehrer und Schüler.Lehre den Schüler, o Freund, nicht jede der Künste, die du kannst; Eine behalte dir vor, würde der Schüler dein Feind.Mancher lernte die Kunst des Bogens; sie zu beweisen nahm er den Lehrer zuerst, nahm ihn vor allen zum Ziel.Der Zufall.Ein seltnes Glück macht keine Regel. Einstgefiel dem Perserkönig seinen Ring,den schönsten Edelstein, auf einer Kugelzum Preise Dem zu setzen, der ihn traf.Es schoßen alle Kunsterfahrenste;und keiner traf den Ring. Ein Knabe traf ihn,der unerfahren und von ungefährvom Dache schoß. Das Glück gab ihm den Preis. Schnell warf er Pfeil und Bogen hin ins Feu’r;„Daß, sprach er, ungekränkt mein Ruhm mir bleibe,soll dieser erste Schuß mein letzter seyn.“Freundschaft der Könige.Traue des Königes Huld, wie der hellen Stimme des Knaben: Jene zerstöret ein Wahn, diese verändert ein Traum.Gelegenheit.„Wärst du mit einer Schönen still allein;verschlossen sind die Thüren; alles schläft,und deine Lust erwacht. Die Dattel, sagtder Araber, ist reif, und niemand ist,der sie zu brechen wehrt; wie? bliebe dannnoch dein Gewissen unbefleckt und rein?“So fragte man einst einen frommen Mann. „Und blieb’ es, sprach er, rein; entging’ ich auchder bösen That; Nachreden und Verdachtwär ich doch nicht entgangen. Also fliehdie That nicht nur; flieh die Gelegenheit.“Alte Bekanntschaft.In einem Blumenkruge hatt’ ein Krautden Rosenbusch umschlungen. „Wie dann? sprach ich,kommst du hieher?“ „O laß mich, sprach das Kraut,Ich bin der Rose Miterzogenevom Garten her; und alte Freundschaft pflegtnach Treue man zu schätzen, nicht nach Werth.“Die Perle.Hin ist unsre Nosami, die edle Perle. Der Himmel schuf sie aus reinestem Thau, schuf sie zur Perle der Welt.Stille glänzete sie, doch unerkannt von den Menschen; Darum leget sie Gott sanft in die Muschel zurück.Das Grab.„Geh zum Grabe der Freundin, so sprachen meine Gespielen, Weine daran, vielleicht findest am Grabe du Trost.“Laßt mich, sprach ich zu ihnen, o ihr unselige Tröster, Hier nur in meiner Brust hat sie ihr einziges Grab.Müh’ und Belohnung.Willt du den Honig kosten, und Bienenstiche nicht ausstehn? Wünschest Kränze des Siegs, ohne Gefahren der Schlacht?Wird der Taucher die Perle vom Meeresgrunde gewinnen, wenn er, den Krokodill scheuend, am Ufer verzieht?Also wage! Was Gott dir beschied, wird niemand dir rauben; Doch er beschied es Dir, Dir dem beherzeten Mann.Die Cypresse und der Palmbaum.Schau die hohe Cypresse; sie trägt nicht goldene Früchte, Aber sie stehet dafür immer in fröhlichem Grün.Kannst du, so sei ein nährender Palmbaum; kannst du es nicht seyn, sei ein Cypressenbaum, ruhig, erhaben und frei.